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Der neue Bio-Hype Der ernährungsbiologische Aktivist

25.11.2007 ·  Das neue, bewusste Leben beginnt für viele Leute schon damit, dass sie beim Biohändler einkaufen. In Berliner hat jetzt Europas größter Biomarkt eröffnet. Die Kunden leben frei nach dem Motto: Es ist mein Leben, es ist meine Gesundheit.

Von Eberhard Rathgeb
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Wenn man am Berliner Hauptbahnhof den kleinen Hunger bekommt, ist man ernährungsbiologisch gesehen am Ende angelangt. Man findet in diesem von allen kalten Winden heimgesuchten Superbahnhof alle möglichen Geschäfte (man kann sich auf die Schnelle, bevor man nach Kiel fährt, blaue Unterhosen kaufen, und man kann die üblichen belegten Brötchen essen), aber keinen Bioladen. Wenn man gewohnt ist, im Bioladen sein Essen einzukaufen, dann kann man sich ja vorstellen, wie man sich am Hauptbahnhof in der Hauptstadt fühlt (auch wenn man eine blaue Unterhose anhat).

Ernährungsbiologisch gesehen, ist Berlin deswegen nicht verloren. In der Stadt stehen um die dreißig große Biomärkte. Soll das heißen: Offensichtlich achtet, wer mit dem Zug fährt, nicht streng auf seine Gesundheit. Oder umgekehrt: Offensichtlich meint, wer mit dem Zug und nicht mit dem Auto fährt, dass er mit dieser Entscheidung für den schadstoffarmen Schienentransport genug für die allgemeine Gesundheit gemacht hat? Die Göttin Demeter sah das Bioloch: Im Mai 2006 wurde Berlins Hauptbahnhof eingeweiht - im Mai 2007 kam die Antwort: In Berlin wurde Europas größter Biomarkt eröffnet.

Der knallgelbe LPG-Biomarkt

Wenn man als ernährungsbiologisch aktiver Mensch eine weite Reise vor sich hat und Angst hat, dass der kleine Hunger sich auf der Strecke zu einem großen auswächst, dann muss man die S-Bahn nehmen, bis zum Alexanderplatz fahren, dort in die U 2 umsteigen und bis Sennefelderplatz fahren. Das dauert nicht lange, keine halbe Stunde. Dann steigt man in Fahrtrichtung aus, nimmt den rechten Ausgang, geht einige Meter zurück - schon steht man vor dem knallgelben LPG-Biomarkt an der Kollwitzstraße im Stadtteil Prenzlauer Berg, der irgendwie schick geworden ist, was die Alteingesessenen nicht gerne sehen.

Akademiker mit ihrer Lebenskunst des Genießens (es ist mein Leben, es ist meine Gesundheit) breiten sich im Viertel aus. Händler ohne ernährungsbiologischen Hintergrund haben es mit solchen Leuten schwer. Im LPG-Bioladen kann man sich zum Beispiel einen Liter Milch vom Ökohof Brodowin kaufen (in der neuen Einwegverpackung). Der Ökohof liegt in Brandenburg und hat einen eigenen Hofladen (alles Weitere unter www.Brodowin.de).

18.000 Bioprodukte auf 1.600 Quadratmetern

Der Laden an der Kollwitzstraße ist die vierte Filiale der LPG BioMarkt GmbH in Berlin. Insofern betritt man hier nicht wirklich revolutionäres Gelände. Die erste Filiale wurde 1994 in Neukölln gegründet. Der neue LPG-Laden geht über zwei Etagen (hinauf führen keine Rolltreppen, sondern Laufbänder wie auf dem Flughafen), er bietet auf 1.600 Quadratmetern rund 18.000 Bioprodukte an, 40 Mitarbeiter helfen beim Auspacken und Einräumen.

Ernährungsbiologische Aktivisten sind Zeitökonomen: Sie wollen nicht von einem Tante-Emma-Laden zum nächsten eilen. Auf den Preisschildern stehen zwei Preise, ein Ladenpreis und ein LPG-Mitgliederpreis. Der Ladenpreis ist höher als der Mitgliederpreis, anders würde es keinen Sinn machen. Mitglied der LPG wird man, indem man eine Kaution und monatlich einen Beitrag zahlt. Der LPG-Biomarkt arbeitet mit Bauern aus dem Umland Berlins zusammen: Global denken, regional handeln.

Ausstieg im großen oder kleinen Stil

Wer sein Leben nicht im System (Motto: Das Leben ist halt so) verdämmert, der findet vielleicht ab und an Leute, die aussteigen. Sie sind mit dem Leben, wie es im Großen und Ganzen, ja gleichsam vom Großen und Ganzen geführt wird, nicht zufrieden und sagen sich, dass sie das anders machen wollen. Sie gehen ihrer Wege. Man kann im großen oder im kleinen Stil aussteigen.

Die Leute, die im großen Stil aussteigen, gehen oft aufs Land, und manche leben dort in Kommunen, in richtigen Ökodörfern, die auch über ganz Europa, und darüber hinaus, verstreut sind (es gibt dazu ein kommentiertes Verzeichnis, das heißt „Eurotopia“, siehe www.eurotopia.de). Wer im kleinen Stil aussteigt, der bleibt meistens in der Stadt und gründet eine Privatschule für seine Kinder, oder er schließt sich einer Hausgemeinschaft an, wo das Bade- und Spülwasser als Toilettenwasser benützt wird und solche Sachen.

LPG steht für „lecker, preiswert, gesund“

Der kleinste Ausstieg besteht darin, im Bioladen einzukaufen. Wer der Sache mehr programmatischen Halt geben möchte, kann Mitglied in einem LPG-Bioladen werden. Früher stand LPG für Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, heute steht das Kürzel für „lecker, preiswert, gesund“. Der Genossenschaftsgedanke schwirrt immer noch mit.

Der Einkauf im Bioladen wird nur in seltenen Fällen zu einer echten Einstiegsdroge in den Ausstieg großen Stils. Wer im Bioladen seine Waren aussucht, der möchte erst einmal in seinen normalen Zusammenhängen einfach nur gesünder leben. Die Leute, die man im Laden an der Kollwitzstraße trifft, sehen nicht anders aus als die Leute, denen nicht an allen Fronten (wie Erziehung, Politik, Umwelt) egal ist, wie sie ihr Leben gestalten und was sie sich zumuten lassen wollen.

Biofutter für die Haustiere der Alternativen

Auch an die Gesundheit ihrer Haustiere können sie im LPG-Laden denken, man kann hier Biotierfutter kaufen. Dass ernährungsbiologische Aktivisten nichts dagegen haben, wenn Tiere geschlachtet werden, damit Fleisch in ihrer Pfanne landet, lässt sich schwer erklären. Vielleicht wird dieser Schlachtruf in den Bioläden einmal verklingen. Im LPG-Laden an der Kollwitzstraße steht, gut im bioroten Saft, eine Fleisch- und Wursttheke.

Die Wände hier sind sonnengelb in der sogenannten Wischtechnik bemalt, eine Technik, die man in anthroposophischen Haushalten sehr häufig findet (Verkäufer erklären einem diese Technik immer mit den von weiträumigen Handbewegungen begleiteten Worten: Malen Sie mit dem Pinsel Achten, lauter Achten. Verstehen Sie?). Man kann im LPG-Biomarkt auch Kleider kaufen, doch die meisten Leute, die hier einkaufen, haben für sich diesen Schritt in die Schafwolle noch nicht gemacht.

Hinweise auf meditative Wege

Bücher werden nicht angeboten. Der antike Zusammenhang zwischen einem gesunden Körper und einem gesunden Geist findet sich in diesen modernen grünen Breitengraden in Berlin nur als täglich gemeinsam unternommener Versuch wieder, wenigstens den Körper gesund zu ernähren. Der Geist muss sehen, wie er sich zurechtfindet. Am Ausgang liegen Hinweise auf meditative Wege. Der normale ernährungsbiologische Aktivist muss seinen Fernseher nicht aus dem Fenster geworfen haben, um vor seinem Spiegelbild zu bestehen.

Im LPG-Bioladen kann man Kaffee trinken und zu Mittag essen. Für die Kleinen hat man einige Holzspielsachen bereitgestellt, die Erwachsenen können sich auf einem roten Sofa in einer Ecke ausruhen. Meditationsmusik wird nicht über Lautsprecher gespielt. Man rechnet mit Leuten, die etwas bewusst machen - anders als in den Supermärkten, wo einem die Ohren schon abgefallen sind, bevor man die Kasse erreicht hat.

Schon 8.000 Kunden sind Mitglied der Bio-LPG

Wie früher in den kleinen Bioläden trifft man auch im LPG-Laden auf Gleichgesinnte, mit dem Unterschied, dass man früher nicht wusste, ob hinter der Vorliebe für Schrotbrötchen noch irgendein Dogmatismus lauerte, der Minderheiten immer zusammenhält. Im Bioladen einzukaufen ist heute nichts Besonderes mehr, die Leute, die man hier trifft, lösen wahrscheinlich die Alltagssorgen auf ähnliche Weise wie man selber - ohne Handauflegen und Astralleibbegutachtungen.

Rund 8.000 Kunden sollen schon Mitglied der Bio-LPG geworden sein. Eine solche freie Gemeinschaft stellt im Grunde genommen den Idealfall von warenqualitätsbewussten Käufern dar, die nicht nehmen, was sie kriegen, und nicht essen, was ihnen vorgesetzt wird. Sie wollen selbst die Wahl haben. Der LPG-Laden kommt diesem Wunsch in der Käseecke mit weit über 100 Käsesorten entgegen. Die Vorstellung, dass wir alle in einer (gemeinsamen) Welt leben und einen fairen Handel miteinander treiben sollten, füllt auch hier an der Kollwitzstraße die Regale mit unterschiedlichen Kaffeesorten. Der LPG-Bioladen rechnet mit Kunden, die gesund und verantwortungsbewusst genießen wollen. Nur bei Heinrich Heine fing die Revolution mit dem Duft von Schokoladenkuchen an.

Quelle: F.A.Z., 26.11.2007, Nr. 275 / Seite 40
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