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Unzeitgemäße Weihnachtsbräuche : Immergrün

Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Bild: Picture-Alliance

Was wird aus dem Mistelzweig in der Weinstein-Ära? Die nordirische Polizei zumindest warnt vor Küssen ohne Einwilligung.

          Kenner der Asterix-Abenteuer werden um die besonderen Kräfte des Mistelzweigs wissen, der mit einer goldenen Sichel abgeschnitten werden muss, damit das Gebräu des Druiden Miraculix seine magische Wirkung auf die Gallier entfalten kann. René Goscinnys Fiktion beruht auf einem der zahlreichen Mythen, die Kulturen von der Vorantike bis in die Neuzeit aus dem halbparasitären Gewächs gesponnen haben.

          Die Vorstellung, dass der Mistelzweig die Fruchtbarkeit und das Immunsystem fördere, als Gegengift diene, Krämpfe löse oder gar, wie Plinius empfahl, bei Epilepsie anzuwenden sei, nährt sich aus den geheimnisvollen Eigenschaften des die Leitungsbahnen des Wirtsbaums anzapfenden Strauchs, der nicht nur wurzellos, sondern auch immergrün ist. Seine Beeren reifen im Dezember, wenn die meisten Bäume kahl sind. Daher eignet sich die Mistel wie die Tanne als Weihnachtsschmuck, zumal wenn sie mit einem roten Band an einer Stelle befestigt ist, die der jüngsten Variante der eigentümlichen Gedanken entspricht, die sich in die Folklore eingenistet haben: dass nämlich Paaren, die sich unter dem Mistelzweig küssen, ewiges Glück beschieden sein wird.

          Kichernde Mädchen, junge Männer

          Der wohl auf den alten Fruchtbarkeitsmythos zurückzuführende Brauch lässt sich ins achtzehnte Jahrhundert zurückverfolgen. In der Weihnachtsausgabe der „Times“ von 1787 nimmt ein heiterer Vers über kichernde Mädchen, die junge Männer dazu verlocken, sie unter dem Mistelzweig abzuküssen, darauf Bezug. Männern war es gestattet, sich eine Frau ihres Begehrens auszusuchen. Der Aberglaube besagte, dass es einer Frau Unheil bringe, wenn sie sich wehre.

          In der Post-Weinstein-Ära berühren derartige Gepflogenheiten Empfindlichkeiten, wie sie dieser Tage in einer Empfehlung der nordirischen Polizei Ausdruck fanden. In einem Tweet ermahnte die Behörde Weihnachtsgäste, sich zu besinnen, dass ein unter dem Mistelzweig erhaschter Kuss ohne Einwilligung als Vergewaltigung gelten könne. Der Tweet wurde zwar alsbald entfernt; doch bekräftigte eine die Feststimmung ähnlich dämpfende Mitteilung, wonach die Nachricht aus dem Zusammenhang genommen worden sei, die ursprüngliche Botschaft.

          Im späten achtzehnten Jahrhundert erfreute sich die Mistelkuss-Tradition vor allem bei Bediensteten großer Beliebtheit, nicht zuletzt, weil die Klassenhierarchie für diesen Moment aufgehoben wurde. Premierministerin Theresa May steht gerade wegen ihrer mangelnden Förderung der gesellschaftlichen Mobilität unter Beschuss – vielleicht ein Anlass, die Feststimmung durch die Empfehlung zu heben, den Weihnachtsbrauch als Initiative zur Förderung der sozialen Gerechtigkeit zu betrachten.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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          Quelle: F.A.Z.

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