Ein führender britischer Automobilverein schätzt, dass bis zu 300.000 britische Autofahrer in den vergangenen zehn Jahren Punkte für eine Geschwindigkeitsüberschreitung an Familienmitglieder oder Freunde übertragen haben, um dem Führerscheinentzug zu entgehen, wie es das ehemalige Kabinettsmitglied Chris Huhne und seine Frau taten.
Andere Schätzungen liegen sogar deutlich höher. Einer Umfrage zufolge haben fast dreißig Prozent der Autofahrer daran nichts zu beanstanden. Der Vorgang wird wegen Justizbehinderung mit Gefängnisstrafen von mehreren Monaten geahndet, es kommt allerdings nur bei einem Bruchteil der Fälle zur Anzeige. Wenn die Justiz jeden Tauschhandel belangte, wären die Strafanstalten hoffnungslos überfordert.
Auch Chris Huhne wäre davongekommen, hätte er nicht den Fehler begangen, seine griechische Ehefrau zu betrügen. Als Vicky Pryce acht Jahre nach dem unaufgedeckten Betrug diese Demütigung erfuhr, beschloss die hochangesehene Wirtschaftsexpertin, den damals gerade erst zum Energieminister ernannten Mann zu entlarven. Wie eine neuzeitliche Medea schreckte sie vor nichts zurück, um sich an ihm zu rächen, weil er sie nach sechsundzwanzig Jahren Ehe für eine jüngere Frau verlassen hatte.
Geblendet vom Drang nach Vergeltung
Das Gericht hat offenbar ein Exempel statuieren wollen mit dem filmreifen Fall des liberaldemokratischen Politikers und seiner verschmähten Frau, die jetzt beide für je acht Monate ins Gefängnis müssen. Die hanebüchene Geschichte von Hybris und Rache, die in den vergangenen Wochen in aller Öffentlichkeit gelüftet wurde, hat so viele Verästelungen, dass ein guter Drehbuchautor die Hälfte des Stoffes verwerfen müsste, um den tragischen Charakter des Dramas nicht zur Posse ausarten zu lassen.
Ihre Faszination liegt freilich nicht nur in der Prominenz der Hauptdarsteller, die, wie der Richter hervorhob, als er die Strafe aussprach, aus großer Höhe gestürzt sind. Vielmehr besteht die Handlung aus Wendungen und Empfindungen, die für jedermann erkennbar sind, nur dass sie hier wie auf der Leinwand vielfach vergrößert in Erscheinung traten.
Geblendet vom Drang nach Vergeltung, hat sich Vicky Pryce archaischen Affekten hingegeben. Und dann hat diese hochfliegende Karrierefrau vor Gericht die Karte der „ehelichen Nötigung“ gezogen. Ihr Mann habe sie gezwungen, die Punkte zu übernehmen, wozu einem die Szene aus Dickens’ „Oliver Twist“ einfällt, wo der aufgeblasene Kirchspielbüttel Bumble versucht, seine Frau die Schuld an der Zerstörung der Beweise von Olivers Herkunft zuzuweisen, und gesagt bekommt, das sei keine Entschuldigung, denn das Gesetz nehme an, sein Weib habe nach seiner Anweisung gehandelt.„Wenn das Gesetz so etwas annimmt’“, erwiderte Herr Bumble, ,so ist das Gesetz ein Esel - ein Dummkopf.“
Dieser Mann hatte es immer eilig
Chris Huhne war ein Mann, der es in jedem Sinne des Wortes eilig hatte, wie sich an dem steilen politischen Aufstieg zeigt, die sich nach einer erfolgreichen Laufbahn als Wirtschaftsjournalist und einer äußerst ertragreichen Tätigkeit als Unternehmensberater weitgehend in den acht Jahren zwischen Punkttausch und Vergeltungsakt entwickelte.
Im Jahr 2003 hatte es Huhne offenbar besonders eilig. Innerhalb von etwas mehr als zwölf Monaten war er bereits dreimal bei der Überschreitung der Geschwindigkeit erwischt worden. Ganz abgesehen von der Mühsal, ohne Führerschein auskommen zu müssen, fürchtete Huhne damals, das eine vierte Bußstrafe, seine Aussicht schmälern würde, im Wahlkreis Eastleigh als Kandidat der Liberaldemokraten aufgenommen zu werden.
Unter welchen Umständen auch immer hat seine Frau die Punkte übernommen. Huhne wurde 2005 ins Parlament gewählt, bewarb sich bereits im darauffolgenden Jahr für die Parteiführung. Als der Posten nach dem Rücktritt des siegreichen Kandidaten Menzies Campbell knapp zwei Jahre wieder vakant war, trat Huhne gegen Nick Clegg an und wäre sogar um ein Haar gewählt worden. Statt Vizepremier zu werden, übernahm er 2010 in der Koalitionsregierung das Ressort für Energie und Umwelt.
Einen Strich durch die Rechnung machen
In der Zwischenzeit hatte die „News of the World“ Wind bekommen von einer heimlichen Affäre mit seiner politischen Beraterin Carina Trimingham. Wie sich erst jetzt herausstellte, hielt die Boulevardzeitung die Geschichte zunächst nicht für skandalwürdig, weil Huhne nicht prominent genug gewesen sei. Sie wurde auf Eis gelegt und erst als meldungswürdig empfunden, als der Politiker seinen Platz am Kabinettstisch einnahm.
Freunde berichten, er habe seine Ehe nicht beenden wollen, solange die Kinder noch schulpflichtig gewesen seien. Doch machte ihm die „News of the World“ einen Strich durch die Rechnung. Im Juni 2010 erfuhr Huhne, dass die Sonntagszeitung mit der Geschichte in Druck ging. Es blieb ihm nichts übrig, als seine Frau zu konfrontieren. Indem er die Halbzeit eines Fußball-Weltmeisterschafts-Spiels dafür wählte und sich dann ins Fitnessstudio verabschiedete, spielte Huhne all denen in die Hände, die ihm in diesem Drama die Rolle des klassischen Schufts zuweisen wollen.
Während Huhne sich durch sein Fehlverhalten unfreiwillig im Netz der Spürnasen von Fleet Street verfangen hat, setzte seine Frau alles daran, die Presse für ihren Rachezug einzuspannen. Es gehört denn auch zu den vielen Ironien dieser vertrackten Angelegenheit, dass der Zusammenbruch der Huhne-Ehe gerade jetzt, wo die Skandale um Murdochs britisches Zeitungsimperium eine heftige Diskussion um die Grenzen der Privatsphäre entfacht haben, Paradebeispiele liefert für die Aufdringlichkeit der Reporter einerseits, und andererseits für die Art und Weise, in der Prominente versuchen, sich die Medien für ihre Zwecke zunutze machen, wenn sie meinen, dass es ihrer Sache diene.
Vor Gericht wurden Vicky Pryces Verhandlungen mit der Presse in jeder Einzelheit offengelegt. Die Komplizenschaft mit der „Sunday Times“-Journalistin Isabel Oakeshott, die sich wiederum von Vicky Pryce hintergangen fühlte, als sie erfuhr dass ihre Informantin auch mit der „Mail on Sunday“ im Gespräch war, die Versuche, ihren geschiedenen Mann mit einem Tonbandbekenntnis in die Falle zu locken, die SMS-Nachrichten, in denen die Rächerin offen bekennt, den Exmann zu Fall bringen zu wollen, würden allein schon für ein Trauerspiel reichen.
„Familie bedeutet mir so viel“
Dazu kommt aber noch der Vorwurf, Huhne habe seine Frau gezwungen, ein Kind abzutreiben, weil es nicht in seinen Karriereplan gepasst hätte. Dazu kommt die Behauptung, wäre es nach ihm gegangen, hätte sie auch noch ein zweites Kind opfern müssen. Zudem gibt es den erschütternden SMS-Austausch zwischen Huhne und seinem Sohn - das damals nicht abgetriebene Kind -, in dem dieser den Vater unmissverständlich zur Hölle schickt.
Tragende Rollen in diesem Stück haben auch der ehemalige Geheimdienstchef, der sich vor Gericht für Vicky Pryces Integrität verbürgt, die mit ihr befreundete Richterin, die wegen vermeintlicher Falschaussage festgenommen wurde, und die Geschworenen, die vom Richter als unzulänglich entlassen wurden, sodass ein Wiederaufnahmeverfahren stattfinden musste, wo alles wieder von Neuem aufgerollt wurde.
Bei der Strafverkündung saßen Chris Huhne und seine geschiedene Frau einen knappen Meter voneinander entfernt. Zwischen ihnen lagen mehr als die Trümmer einer Ehe. In seiner Wahlkampfbroschüre hatte der Kandidat nebst Fotos aus dem Familienalbum verkündet: „Familie bedeutet mir so viel - wo blieben wir ohne sie?“ In den kommenden Wochen wird Chris Huhne in seiner Gefängniszelle die Muße haben, auch darüber nachzudenken.
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