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Ron Carter zum 80. Geburtstag : Den Anker nahm er mit

  • -Aktualisiert am

Große Hände, lange Finger: Ron Carter bei der Arbeit Bild: dpa

Der Jazzmusiker Ron Carter gab fast sechs Jahre lang den Grundton im legendären zweiten Miles-Davis-Quintetts an, bevor er die Band verließ. Nun wird der gefragteste Bassist aller Zeiten achtzig Jahre alt.

          In seiner ganzen äußeren Erscheinung entspricht er dem Bild vom prototypischen Jazzbassisten: Hoch gewachsen, sehnig-schlanker Körperbau mit Händen, so groß und Fingern, so lang, dass Doppelgriffe, Akkorde und Melodien mit links zum Kinderspiel werden. Wäre er Pianist, zwei Oktaven hätten mühelos zwischen Daumen und kleinem Finger Platz. Franz Liszts Etüden wären seine Domäne. Die physiologischen Vorzüge müssen auch Miles Davis beeindruckt haben, als er Ron Carter 1963 zum Nachfolger von Paul Chambers in sein Quintett holte. Vorspiel unnötig. Wer solche Pranken hat, braucht kein Zeugnis musikalischer Reife mehr.

          Davis hatte es gespürt: Andere Bassisten mussten sich nach der Musik richten, bei Carter war es umgekehrt. Die Musik streckte sich nach seiner Decke. Das war Wasser auf die Mühle des Revolutionärs auf der Trompete, der keinen Jazzstein auf dem anderen lassen wollte. Carter prägte den innovativen Klang des legendären zweiten Miles-Davis-Quintetts fast sechs Jahre lang. Als er die Band verließ, nahm er die harmonische Dichte, den schlafwandlerischen Rhythmus, das unerschütterliche Timing und die markanten Drone-Effekte, den beharrlich swingenden Walking Bass und seinen mächtigen Grundton gleich mit. Davis hatte einen Anker verloren. Eine Band auf solch homogener Klangbasis bekam er nie wieder.

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          Die Physis ist freilich bestenfalls die halbe Wahrheit zu Ron Carter. Im autodidaktisch geprägten Jazz ist er ein ausgesprochener Bildungsbürger. Einer gediegenen Lehre als klassischer Cellist folgten Abschlüsse an der renommierten Eastman School in Rochester und in der Klasse für Jazzbassisten der Manhattan School of Music. Mehr als zwanzig Jahre lang lehrte er später dort selbst sowie am City College und der Juilliard School of Music in New York. Sein Buch unter dem Titel „Building Jazz Bass Lines“ wurde zum Standardwerk, das bis heute kein fortgeschrittener Jazzinterpret auf diesem Instrument ignorieren kann. Zwei Ehrendoktortitel musikalischer Eliteschulen können im Übrigen auch nicht viele Jazzmusiker ihrem Lebenslauf hinzufügen.

          Nicht zuletzt wegen seiner umfassenden Bildung und seiner nahezu enzyklopädischen Kenntnisse ist Carter in den mehr als sechzig Jahren seiner musikalischen Karriere zu einem der gefragtesten Bassisten geworden, der bis heute mit Gott und der ganzen Jazzwelt auf mehr als zweitausendzweihundert Einspielungen zu hören ist. Damit hat er den großen Ray Brown zwar nicht erreicht, aber das Guinness-Buch der Rekorde hat ihn schon einmal prophylaktisch zum „Most Recorded Jazz Bassist“ gekürt – eingedenk der Tatsache, dass sich die Diskographie des vor fünfzehn Jahren verstorbenen Brown auch bei besten Exhumierungsabsichten der Archivare von Plattenfirmen und Aufnahmestudios nicht wesentlich erweitern wird. Ron Carter aber, der heute rüstig seinen achtzigsten Geburtstag feiern kann, erweitert noch immer mit ungebrochener Schaffenskraft sein Repertoire. Letztes Beispiel: die Duo-Aufnahme mit dem Akkordeon-Spieler Richard Galliano, live aus dem Theaterstübchen in Kassel (IN+OUT Records), die sie jüngst auch in der Elbphilharmonie vorgestellt haben.

          Quelle: F.A.Z.

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