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Der historische Dopplereffekt

29.10.2010 ·  In Berlin wird die Studie "Das Amt und die Vergangenheit" gleich zweimal vorgestellt, im Auswärtigen Amt und im Haus der Kulturen der Welt. Der Ablauf erlaubt gleich die nächste Studie.

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Die Arbeit der Historikerkommission zur Vergangenheit des Auswärtigen Amtes verkaufte sich seit Tagen bereits sehr erfolgreich als Sachbuch, obwohl sie als Studie an ihre Auftraggeber noch gar nicht ausgehändigt war. Am Tag, an dem dies schließlich passieren sollte, geschah es dann gleich zweimal. Zwei Außenminister traten an ein Rednerpult, der eine hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben, der andere nahm sie nun in Empfang, beide sprachen vor verschiedenem Publikum. Über den Inhalt der Arbeit war zu diesem Zeitpunkt scheinbar alles bekannt, in den vergangenen Tagen hatte die Anzahl der Veröffentlichungen fast den Umfang des Buchs selbst angenommen, aber so ermöglichte nun der Tag, an dem die Studie in Berlin vorgestellt wurde, wie nebenbei schon die nächste Untersuchung - darüber, wie sie bei denen ankam, für die sie geschrieben worden ist.

In der Bibliothek des Auswärtigen Amtes am Werderschen Markt haben sich am frühen Nachmittag einige Dutzend Journalisten eingefunden. Sie warten auf Guido Westerwelle, der das Amt, dessen Vergangenheit die Historiker untersucht haben, seit einem Jahr führt. In der Arbeit, die sie ihm nun übergeben wollen, geht es vor allem um die älteren Mitarbeiter, die sich selbst und obwohl lebendig offenbar "Mumien" nennen. Von ihnen aber ist keiner zu sehen. Dafür ist der Raum mit lauter Auszubildenden des Amtes aufgefüllt, die von sich sagen, sie seien "auch freiwillig" da, von denen sich aber gleich zeigen wird, dass sie ebenso hingestellt sind wie die Vitrinen, in denen das Archiv des Amtes die Akten zu seiner Vergangenheit im "Dritten Reich" präsentiert, nachdem die Historiker sich über dessen mangelnde Offenheit beklagt hatten, darunter das Protokoll der Wannsee-Konferenz, auf der die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen wurde und an der für das Amt Unterstaatssekretär Martin Luther teilgenommen hat, oder die Kostenabrechnung von Franz Rademacher, Leiter des "Judenreferates", der als Grund für seine Reise nach Belgrad "Liquidation von Juden" angab.

Das ist der Raum, in dem Guido Westerwelle die Studie übernimmt: da die alten Akten, dort die jungen Mitarbeiter, dazwischen einige alte, die den Text seiner Rede schon in Händen halten und mit dem Stift in der Hand nachprüfen, an welchen Stellen er vom Manuskript abweicht, und schließlich - fast kann man sagen: darüber schwebend - der Geist von Joschka Fischer, dem Vorvorgänger, der die Studie in Auftrag gab. Es ist ein Raum, durch den nicht leicht zu gehen ist, aber Guido Westerwelle gelingt das an diesem Tag und nimmt dabei nicht den Weg durch die Mitte. Es habe, sagt er, im Amt wohl das Selbstbild gegeben, dass die Wahrheit, was man im "Dritten Reich" gewesen ist, irgendwo zwischen einer von der SS beherrschten Behörde oder einem Hort des Widerstands liegt. "Aber da liegt sie eben nicht." Das Auswärtige Amt sei eines gewesen, "in dem Mord als Dienstgeschäft abgerechnet werden konnte".

Guido Westerwelle hält an diesem Tag eine Rede, als sei er jetzt der Chef des Amtes, der er seit einem Jahr zu werden versucht. Es scheint ihn nicht zu stören, dass ihm die Gelegenheit, sich als ein solcher zu zeigen, von seinem Vorvorgänger verschafft wurde, dem er sicher nie etwas zu verdanken haben wollte. Immer wieder weicht er vom Manuskript ab, immer um die Formulierungen zu verschärfen, und am Ende spricht er dann die Auszubildenden an, die in ihren Anzügen stecken wie im Bewusstsein, dass bald sie die kommende Elite sind, dieses Buch auf ihrem Weg dahin mitzunehmen. Als Studie wird es künftig wohl auch ins Archiv des Amtes wandern, als Buch aber bleibt es der Öffentlichkeit erhalten. Ihr galt dann auch die zweite Vorstellung an diesem Tag.

Das Haus der Kulturen der Welt ist am Abend ausverkauft. Lange stehen die Leute am Eingang nach Karten an. Einige studieren die Artikel, die in den vergangenen Tagen veröffentlicht worden sind. Einige waren Teil dieser Berichte. Einer von ihnen, Egon Bahr, mittlerweile achtundachtzig Jahre alt und unter Außenminister Willy Brandt von 1966 bis 1969 Chef des Planungsstabs im Auswärtigen Amt, steht im langen Mantel im Foyer, bis er von den Historikern der Kommission entdeckt und in ein Separée gebeten wird. Er war der Hoffnungsträger derer, denen die Wilhelmstraßentradition ein Dorn im Auge war. In "Das Amt und die Vergangenheit" wird beschrieben, wie Brandt und Bahr diese Erwartungen enttäuscht haben.

Im Saal mit seinen fast tausend Plätzen sind die ersten Reihen für Diplomaten reserviert. Das Haus der Kulturen wird zum Versammlungsort der Nationen. Vertreter aus rund vierzig Staaten von allen Kontinenten haben sich eingefunden, um der Präsentation des Buches beizuwohnen. Die Exzellenzen aus Niger, Mali, Jemen, der Mongolei, Mauretanien, Korea, Südafrika, Jamaica, Elfenbeinküste, Bangladesch, Argentinien oder Australien konnten das tun, ohne fürchten zu müssen, ihr Verhältnis zum Auswärtigen Amt noch einmal revidieren zu müssen: Auf ihren Territorien wurde der Krieg nicht geführt. Anders verhielt es sich mit den Vertretern aus Russland, der Ukraine, Frankreich, Italien, Dänemark, und auch Usbekistan, Kasachstan und Georgien als ehemaligen Staaten der Sowjetunion. Sie hatten es bis 1945 mit Vertretern des Auswärtigen Amts zu tun, die teilweise die entscheidende Instanz bei der Planung und Durchführung der Deportation von Juden in die Vernichtungslager darstellten - in jenen Staaten, die damals mit Deutschland verbündet waren; in den anderen waren sie zumindest willige Helfer.

Der zweite Außenminister, der sich an diesem Tag zur Studie äußert, ist Frank-Walter Steinmeier, aber es ist wie so oft, wenn er spricht, man schreibt alles mit, und am Ende findet man keinen Satz, an den man sich auch ohne Mitschrift erinnert hätte. Erst als Joschka Fischer ans Rednerpult tritt, nimmt der Abend Fahrt auf, weil er als genau der zu sprechen beginnt, der er bei seinem Amtsantritt als Außenminister und womöglich schon oft zuvor in seinem Leben gewesen ist - ein Quereinsteiger. Er habe, sagt er, sehr lange überhaupt nicht verstanden, weshalb der Generation ehemaliger Mitarbeiter ein Nachruf in dem internen und weltweit eher unbedeutenden Blättchen des Amtes so wichtig gewesen sei. Die Frage könne er sich mit Hilfe der Untersuchung nun besser beantworten: "Es geht ihnen um den letzten über den Tod hinausreichenden Persilschein."

Auch Frank-Walter Steinmeier hatte in seiner Rede einen Seitenhieb auf ein anderes erfolgreiches Sachbuch versucht und davon gesprochen, dass sich anders als bei Thilo Sarrazin in dieser Untersuchung wahres Eliteversagen zeige. Aber Joschka Fischer gelingt das bessere Bild, wenn er von der "Parallelgesellschaft" spricht, die sich nach dem Krieg im Amt ausgebreitet und sich für einen Hort des Widerstand gehalten habe. Dieses Selbstbild sei über Generationen hinweg weitergegeben und aus Korpsgeist bewahrt worden, beschützt durch das Archiv, das anders als das anderen Ministerien seine Akten nicht an das Bundesarchiv gibt und somit Herrscher über die das Amt betreffenden Informationen blieb. Wenn er es noch einmal angehen könnte, sagte Fischer, dann würde er die Strukturen des Amtes verändern.

Mit seiner Rede scheint er im Publikum auf Zustimmung zu treffen, immer wieder gibt es freundliches Gemurmel, das sich zum Applaus steigert, als Fischer von Marga Henseler erzählt, der die Untersuchung schließlich zu verdanken sei. Eine Frau, die nicht zu jenen hochkultivierten Kreisen zu rechnen war, aus denen sich die Mitarbeiter des Amtes im Grunde seit dem Kaiserreich rekrutierten, aber eine, die einen kritischen Blick auf jene Kontinuität forderte, ohne selbst für sich etwas zu wollen. "Marga Henseler hat sich um Deutschland verdient gemacht", sagt Fischer.

Aber natürlich brauchte es einen wie ihn, der diesen Kreisen ebenso wenig zuzurechnen war, um die Gelegenheit zu erkennen, die sich mit Marga Henseler bot. Das ist dann wohl der eindrücklichste Moment an diesem Tag, Joschka Fischer zu sehen, wie gerührt von sich selbst, dass er aus dem Brief einer älteren Dame eine neunhundert Seiten starke Untersuchung hat machen lassen, die das Selbstverständnis des Amtes womöglich bleibender erschüttert, als er das noch in seiner Zeit als Minister vermocht hatte. In diesem Augenblick versteht man, dass Guido Westerwelle an der Veranstaltung nicht teilnimmt, um sich, wie man munkelt, nicht in Konkurrenz zu seinen Vorgängern zu stellen.

Als der Abend vorbei ist, steht Egon Bahr wieder im Foyer. Er habe das Buch noch nicht gelesen, sagt er. Es sei sicher wichtig. In seiner Zeit aber wäre ihnen eine solche Studie nicht möglich gewesen. Sie hätten eine Regierung der Versöhnung sein wollen, mit einem ehemaligen NSDAP-Mitglied als Bundeskanzler und einem ehemaligen Migranten als Außenminister. Jede Zeit kennt offenbar ihre eigenen Begründungen. Marcus Jauer,

Alard von Kittlitz, Andreas Platthaus

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Von Hannes Hintermeier

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