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Der Geruch des Buches : Tanz mir ein Haus

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Nichts da mit Rosenblüten aus Grasse: So sieht es heutzutage im Labor eines modernen Parfümeurs aus Bild: Johanna Adorján

Die Nase liest mit: Es muss nicht immer nach Blumen duften, sondern kann auch nach Papier riechen. Wie der Parfümeur Geza Schön den Geruch von Büchern nachgebildet hat.

          Für den Göttinger Verleger Gerhard Steidl gibt es keinen schöneren Duft als den frisch gedruckter Bücher. Das sei seine Droge, sagt er in der Dokumentation „How to Make a Book with Steidl“ (2010), und der amerikanische Fotograf Robert Frank sagt darin, dieser Geruch sei Steidls Parfüm. Als die Macher des englischen Lifestyle-Magazins „Wallpaper“ den Film sahen, kam ihnen die Idee, ein Parfüm herstellen zu lassen, das exakt diesen Geruch einfängt. Sie taten sich mit Steidl zusammen, und für einen Wimpernschlag sah es so aus, als wäre auch Karl Lagerfeld mit von der Partie, was in der Presse kurz für Aufregung sorgte. Nachdem Lagerfeld erklärt hatte, an diesem Projekt nicht beteiligt zu sein, machte sich der beauftragte Parfümeur Geza Schön im Stillen an seine Arbeit, die zuerst einmal darin bestand, festzustellen: Wie riecht Papier?

          Geza Schön, 1969 in Kassel geboren, gilt unter den Parfümeuren, von denen es weltweit nur etwa 500 gibt, als radikal und als Purist. Sein bislang größter Erfolg, ein Parfüm namens „Molecule 01“, eine Zeitlang das meistverkaufte Produkt beim Londoner Luxus-Kaufhaus Harvey Nichols, basiert auf so gut wie nur einem Inhaltsstoff, einem Duftmolekül namens Iso E Super, welches weitaus unsinnlicher klingt, als es riecht. Nach meinem Laienverständnis haben seine Düfte oft eine metallische Note, jedenfalls nichts Süßes oder Liebliches. Sie riechen anders als die meisten Parfüms, klar, modern, entschlossen. Auch sexy, aber auf eine extrem selbstbewusste Art.

          Hier riecht es nach Mann

          Ich treffe ihn im Mai in Berlin vor dem Gebäude, in dem er sein Labor hat. Er zieht ein Paket aus dem Kofferraum seines Wagens, eine Büchersendung von Gerhard Steidl aus Göttingen. Oben wird ausgepackt. In verschließbaren Plastikumschlägen sind Bücher und Kataloge, die wir vorsichtig herausnehmen, um an ihnen zu riechen. Auf einem schon etwas älteren Exemplar von John Steinbecks „Russischer Reise“ klebt ein Post-it, auf das Steidl in Schreibschrift notiert hat: „Gut riechendes deutsches Buch“. Für mich riecht es ein bisschen muffig, eben nach altem Buch. Geza Schön hält seine Nase ganz dicht daran. „Für mich riecht das wie Knete“, sagt er. „Wie diese Knete, mit der Kinder spielen.“ Er gibt es mir zurück, ja, jetzt rieche ich es auch.

          Geza Schön, der trotz seiner spitzen weißen Schuhe kein bisschen prätentiös oder übertrieben modisch wirkt, wollte Parfüms machen, seit er denken kann. Seine Ausbildung machte er bei einem großen Dufthersteller, der in Holzminden seinen Firmensitz hat. Anschließend arbeitete er für diese Firma in Buenos Aires, Singapur, London, New York und Paris, seit zehn Jahren ist er selbständiger Parfümeur. Demnächst bringt er eine Hommage an Klaus Kinski heraus, einen Herrenduft, der exakt so riecht, wie es riecht, wenn Frauen die Bemerkung entfährt, „hier riecht es nach Mann“.

          Sprache bestimmt, was gerochen wird

          Als Gemeinschaftsprojekt mit der Künstlerin Sissel Tolaas hat Geza Schön einmal den Geruch verschiedener Berliner Stadtteile in Duft übersetzt. Neukölln roch schließlich nach einer Mischung aus orientalischen Noten wie etwa Cumin und Waschmittel, weil ihnen neben den vielen Döner-Kebab-Buden aufgefallen war, dass es in diesem kinderreichen Viertel aus jedem zweiten Keller nach frisch gewaschener Wäsche roch. Mitte roch nach einer Mischung aus Leder, Kaffee und Algen, nach Schuhgeschäft, Coffeeshop und Sushi. Wie aber riecht nun Papier, wie riecht ein Buch?

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