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Der geniale Komponist Frederic Rzewski : Wenn wir das Atmen vergessen

Todesmelodien für den Kapitalismus: Frederic Rzewski Bild: Röth, Frank

Das Klavierstück „The People United Will Never Be Defeated“, vor 37 Jahren komponiert, gilt als fast unspielbar. Damals war es der Soundtrack zur Revolte. Heute ist es wieder da. Eine Begeisterung.

          Jeder, der Musik macht, kennt das Problem. Wenn es schwierig wird; wenn, zum Beispiel, eine Angst-Stelle auf uns zurast in den Noten, etwas richtig Schwarzes oder sonst wie Kompliziertes, werden wir nicht etwa langsamer und leiser, sondern schneller und lauter. Und stürzen so, quasi automatisch, dem nächsten Unfall entgegen.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Oft passiert es dann, dass wir zwar heil durch die paar Takte kommen, die uns vorher im Nacken saßen; dafür trägt es uns gleich danach aus der Kurve. Was zu tun hat mit Kontrollverlust, mit Botenstoffen und Affekten, mit Angst, Ehrgeiz, Lust, Wut, Spannung, Entspannung, ganz ähnlich wie im restlichen Arbeitsleben, wo ja die Leute auch erst krank werden an ihrem ersten Urlaubstag. Wie gesagt, so geht es allen, die selbst Musik machen. Den Profis und den Laien, den Geigern und den Pianisten. Für Letztere ist eines der schwersten Stücke aller Zeiten mit den schwärzesten und weißesten Angst-Stellen das knapp einstündige Variationenwerk „The People United Will Never Be Defeated“ von dem amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski.

          Es hört nicht auf, uns zu erschüttern

          Dieses Stück ist Legende. Vielleicht nicht ganz so schwer wie die „Grande Fantaisie de Bravoure sur la Clochette op. 2“ von Franz Liszt, die nie aufgeführt wird. Schwerer als Beethovens Diabelli-Variationen auf jeden Fall. Trotzdem wird „The People United“ immer wieder hervorgeholt und gespielt, von jungen Leuten, die es unbedingt wissen wollen. Und taucht deshalb seit bald vierzig Jahren immer wieder auf, wie das Ungeheuer von Loch Ness, selten, unverhofft, in unregelmäßigen Abständen, und überrascht und erschüttert und erschreckt die Menschen, und wer dann dabei ist und davon berichtet, der wird für einen Märchenerzähler und Spinner gehalten. Verständlicherweise.

          Falls also jemand jetzt das, was ich hier berichte von einem Konzert vorige Woche in der Alten Aula der Heidelberger Universität, für Spinnerei hält, so ist das schon in Ordnung. Nur wünschte ich, er sollte dann die Chance nutzen und am 13. Mai nach Ludwigsburg fahren, das nahe bei Stuttgart liegt, wo dieses Konzert nämlich bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen wiederholt wird, mit genau dem gleichen abenteuerlichen Programm und wieder mit dem fünfundzwanzigjährigen Pianisten Igor Levit.

          Kongeniales Paar: Igor Levit und Frederic Rzweski in Heidelberg

          In seiner ersten Konzerthälfte spielte Levit beim Heidelberger Frühling die 32 Diabelli-Variationen op. 120 von Ludwig van Beethoven, und zwar in einer schroffen, dynamisch kantigen Lesart, in der er, zum Beispiel, jedes Subitopiano streng nach der Beethovenschen Artikulationsvorschrift ausführte, was jedes Mal wieder wie ein Schlag in die Magengrube wirkte. Genau so hat Beethoven das aber vermutlich gemeint. Wir sind es heute nur nicht mehr gewohnt.

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