Jeder, der Musik macht, kennt das Problem. Wenn es schwierig wird; wenn, zum Beispiel, eine Angst-Stelle auf uns zurast in den Noten, etwas richtig Schwarzes oder sonst wie Kompliziertes, werden wir nicht etwa langsamer und leiser, sondern schneller und lauter. Und stürzen so, quasi automatisch, dem nächsten Unfall entgegen.
Oft passiert es dann, dass wir zwar heil durch die paar Takte kommen, die uns vorher im Nacken saßen; dafür trägt es uns gleich danach aus der Kurve. Was zu tun hat mit Kontrollverlust, mit Botenstoffen und Affekten, mit Angst, Ehrgeiz, Lust, Wut, Spannung, Entspannung, ganz ähnlich wie im restlichen Arbeitsleben, wo ja die Leute auch erst krank werden an ihrem ersten Urlaubstag. Wie gesagt, so geht es allen, die selbst Musik machen. Den Profis und den Laien, den Geigern und den Pianisten. Für Letztere ist eines der schwersten Stücke aller Zeiten mit den schwärzesten und weißesten Angst-Stellen das knapp einstündige Variationenwerk „The People United Will Never Be Defeated“ von dem amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski.
Es hört nicht auf, uns zu erschüttern
Dieses Stück ist Legende. Vielleicht nicht ganz so schwer wie die „Grande Fantaisie de Bravoure sur la Clochette op. 2“ von Franz Liszt, die nie aufgeführt wird. Schwerer als Beethovens Diabelli-Variationen auf jeden Fall. Trotzdem wird „The People United“ immer wieder hervorgeholt und gespielt, von jungen Leuten, die es unbedingt wissen wollen. Und taucht deshalb seit bald vierzig Jahren immer wieder auf, wie das Ungeheuer von Loch Ness, selten, unverhofft, in unregelmäßigen Abständen, und überrascht und erschüttert und erschreckt die Menschen, und wer dann dabei ist und davon berichtet, der wird für einen Märchenerzähler und Spinner gehalten. Verständlicherweise.
Falls also jemand jetzt das, was ich hier berichte von einem Konzert vorige Woche in der Alten Aula der Heidelberger Universität, für Spinnerei hält, so ist das schon in Ordnung. Nur wünschte ich, er sollte dann die Chance nutzen und am 13. Mai nach Ludwigsburg fahren, das nahe bei Stuttgart liegt, wo dieses Konzert nämlich bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen wiederholt wird, mit genau dem gleichen abenteuerlichen Programm und wieder mit dem fünfundzwanzigjährigen Pianisten Igor Levit.
In seiner ersten Konzerthälfte spielte Levit beim Heidelberger Frühling die 32 Diabelli-Variationen op. 120 von Ludwig van Beethoven, und zwar in einer schroffen, dynamisch kantigen Lesart, in der er, zum Beispiel, jedes Subitopiano streng nach der Beethovenschen Artikulationsvorschrift ausführte, was jedes Mal wieder wie ein Schlag in die Magengrube wirkte. Genau so hat Beethoven das aber vermutlich gemeint. Wir sind es heute nur nicht mehr gewohnt.
In der zweiten Konzerthälfte spielte Igor Levit die 36 Variationen über „The People United“ von Frederic Rzewski, tadellos und tatsächlich unfallfrei. Aber auch so leicht und schwebend, und so tief und zornig, so ironisch lächelnd und so tönend wie Glocken und Erz, als wäre dies gar kein musikalisches Kalb mit drei Köpfen, kein Showpiece und keine Monsternummer, sondern einfach nur eine sehr, sehr gute Musik. Geniale Metamorphosen, komplexe Veränderungen eines alten Liedes, das unser Leben hätte verändern können und das sich selbst verändert hat. So ähnlich, wie Rzewski das vermutlich gemeint hat, als er das Stück 1975 schrieb.
1185 Takte. Fünfzig Minuten. Die Menschen im Saal vergaßen vorübergehend das Atmen, wenn es heftig zuging, und sie fingen alle gleichzeitig an zu leuchten, wenn wieder etwas zum Mitsingen auftauchte aus dem unendlich großen, wilden Meer. Und auch der Komponist, Frederic Rzewski, saß mit im Saal. Ich könnte schwören, dass auch er etwas atemlos war, er saß direkt neben mir, vielleicht war es aber auch nur sein Schnupfen, der ihm zu schaffen machte. Als Levit fertig war, ging Rzewski nach vorne zum Podium, er umarmte Levit und lachte.
Dazu ist zu sagen: Frederic Rzewski, vierundsiebzig, ist nicht unbedingt für sein Lachen berühmt. Er war einmal ein leidlich berühmter Komponist gewesen, ein vielbeschäftigter Pianist der Avantgarde, befreundet mit Cardew, Feldman und Cage. Hatte das Klavierstück Nr. 10 von Stockhausen uraufgeführt und sich ebenso für die erste Sonate von Boulez eingesetzt wie für die Musik von Schnebel oder Pousseur.
Die Avantgarde ging, der Kapitalismus blieb
Aber die musikalische Avantgarde hat sich verkrümelt, verändert, aufgelöst. Nicht einmal mehr Rzewski möchte noch darüber nachdenken, wozu sie einst gut gewesen sein soll. Er sagt: „Karlheinz Stockhausen war ein großer Komponist, vielleicht aber nicht ganz so groß wie Richard Strauss.“ Das klingt böse, und es ist böse gemeint.
Ihn selbst, Rzewski, könnte man heute für einen One-Piece-Composer halten, der nur einmal im Leben einen großen Treffer gelandet hat: „The People United“. Danach wird er immer wieder befragt. Dabei hatte er doch so viele andere aufsehenerregende Musiken geschrieben, eine große Oper nach Aischylos, eine Pocket-Symphony, politische Ensemblestücke wie „Coming Together“ und revolutionäre neue Improvisationskonzepte, für sein römisches Ensemble „Musica Elettronica Viva“ oder für das Living Theatre. Nur ist der Kapitalismus, den sie damals gemeinsam bekämpften, immer noch putzmunter und das Living Theatre inzwischen untergegangen und zu einer historischen Fußnote geworden.
Komponieren für eine bessere Welt
Rzewski ist selbst ein fabelhafter Pianist: technisch stählern, klar im Ausdruck. Hätte er es darauf angelegt, er hätte vielleicht eine große Karriere darauf bauen können. Aber er zog es vor, zu komponieren, oder vielmehr, die Welt zu verbessern, denn das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Mit sieben fing er an zu komponieren. Er wollte werden wie Beethoven. Mit 18 Jahren kam er erstmals nach Deutschland, zu den Darmstädter Ferienkursen, wo er Stockhausen kennenlernte und den Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger.
Vierzig Jahre später erinnert er sich, er habe Metzger damals anvertraut, er gedächte, das Komponieren aufzugeben. „Er sah mich traurig an und sagte: Wenn die Probleme der Welt durch Aufgeben des Komponierens gelöst werden könnten, wäre die Welt in einem weitaus besseren Zustand.“ Woraufhin Rzewski weiter komponierte. Augenblicklich arbeitet er in seiner Wohnung in Brüssel wieder an einem neuen Klavierstück, zuletzt sind eine Handvoll blitzkurzer „Nanosonaten“ entstanden, eine davon hat Igor Levit in Auftrag gegeben, per Mail. So lernten sich die beiden kennen. Und das ist der Grund, warum jetzt „The People United“ plötzlich wieder aufgetaucht ist.
Entstanden ist das Stück 1975, zwei Jahre nach dem Sturz Allendes, für die amerikanische Pianistin Ursula Oppens, die es uraufgeführt und eine Platte eingespielt hat, die kürzlich wieder bei Brillant herauskam. Sie spielt es ordentlich und vorsichtig und gibt sich Mühe, nicht schneller zu werden bei den Angst-Stellen. Als Rzewski selbst 1977 im WDR in der Konzertreihe „Neue Einfachheit“ seine Variationen über „The People United“ vorstellte: tonal, voller Melodik, Erotik, Wohlklang, reißerisch schwierig, hinreißend schön: da entsetzten sich die Kritiker und schalten ihn Verräter.
Einige der Schwierigkeiten in den Variationen über „The People United Will Never Be Defeated“ sind einfach nur fies, wie die 19. Variation mit den Stakkato-Verschiebungen. Andere sind ungreifbar, wie in der 34. Variation: weitestmögliche Lage beider Hände, Riesensprünge und Miniglissandi. Und dazu sollte dann auch noch klar und schön die unsichtbare dritte Stimme erklingen, diese Hymne der Bewegung des chilenischen Widerstandes, erfunden von Sergio Ortega, gesungen auf der ganzen Welt, übersetzt in alle Sprachen, die in Rzewskis Notenmeer immer wieder untergeht und wieder auftaucht und wieder untergeht: diese magische Melodie.
Der skandierte Sprechchor, mit dem „The People United“ traditionell bei den Demonstrationen auf der Straße begann, ist in kraftvolle Oktavgänge verwandelt worden. Das Marsch-Lied selbst, in Moll, sitzt auch bei Rzewski von Anfang an fest im Viervierteltakt-Korsett, aber auftaktige Triolen geben ihm einen leichtfertigen Twist mit auf den Weg, etwas Barmusikartiges, Chansonhaftes. Und dann geht es los: mit jeder neuen Variation weiter durch den Quintenzirkel. Nach einem von Rzewski entworfenen Modell über die Kunst des Improvisierens werden jeweils fünf Variationen in einer sechsten Variation zusammengefasst.
Es geht also um Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und um die Struktur des Erinnerns. Um „einfache Ereignisse“, „Rhythmen“, „Melodien“, „Kontrapunkt“, „Harmonien“ und schließlich um „Kombinationen aus alledem“. Der Grundbass aus Purcells „Music for a While“ taucht auf und verschwindet wieder. Eislers Solidaritätslied, die Bandiera Rossa, Jazz und Pop. Alles drin. Das letzte Variationenpäckchen zieht die Summe aus dem Ganzen, anschließend darf improvisiert werden. Und wenn sie danach noch einmal, zum allerletzten Mal wiederkehrt, diese Melodie, pur und allein, wie das Thema in Bachs Goldbergvariationen wiederkehrt, dann ist das wie ein Amen. Oder: Basta.
Avantgarde, verkrümelt
„Hinter jeder Melodie befindet sich eine Stimme“, sagte Rzewski 1979 in einem Vortrag über Wahrnehmungsphänomene beim Karl-Hofer-Symposion in West-Berlin: „Und hinter jeder Stimme befindet sich ein Gesicht. Diese ,gesichtsartige’ (facial) Qualität von Melodien ist, wie ich meine, für ihre Fähigkeit verantwortlich, sich im Gedächtnis festzusetzen. Sie wird rasch gelernt und wiedererkannt, auch, wenn sie nach einer Weile gehört wird, so, wie man ein bekanntes Gesicht in einer Menschenmenge wieder erkennt.“
Zuletzt spielte Frederic Rzewski „The People United“ vor fünf Jahren beim Musikfestival in Miami. Es gibt einen Mitschnitt davon, Fans haben den Auftritt in fünf Tranchen bei Youtube eingestellt. Seine letzte Plattenaufnahme von „The People United“, 2002 für die Firma Nonesuch produziert, wird zu Liebhaberpreisen gehandelt und kostet zurzeit ungefähr 100 Dollar. Rzewski sagt dazu: „Die größten Piraten sind die Schallplattenfirmen.“ Oder: „Alle Verwertungsgesellschaften sind Diebe.“
Er hat auch noch andere böse Sätze auf Lager, zum Beispiel: „Dass sich die Avantgarde so einfach sang- und klanglos verkrümelt hat, ist ja schon schlimm genug. Dass aber auch der Kapitalismus noch immer nicht besiegt ist, das, das kann einen schon fertigmachen.“
Nach dem Zeitalter der Reproduktion
Rzewski sagt: „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ Ich frage zurück: „Wirklich? Sie halten die Tonaufzeichnung für eine vorübergehende Krankheit? Glauben Sie, die Digitalisierung ist auch ein Irrtum und wird wieder abgeschafft? Und im 22. Jahrhundert werden wieder alle Menschen selbst Musik machen, live und miteinander? Wie vor 35.000 Jahren, wie im Neandertal?“
Da lacht Rzewski doch noch einmal, knarrend und sagt: „Ja, ich glaube schon! Wäre doch ein Fortschritt, wenn man wieder herausfindet aus dem kapitalistischen Konsum. Natürlich wird es neue Formen des Musikmachens geben! Vielleicht pfeifen eines Tages alle. Auch Pfeifen ist eine Kunstform. Alles kann Kunst sein.“
Von „The People United“ will er jetzt aber, am Ende dieses anstrengenden Tages, absolut nichts mehr hören. Es sei ja, sagt er, übrigens auch gar nicht wahr, dass „The People United“ so etwas Besonderes sei, so besonders schwer! „Das ist nun mal eine Eigenschaft von virtuoser Musik, dass sie nicht schwer ist. Sie klingt nur schwer. Ich spiele das Stück selbst, deshalb weiß ich das!“ An dieser Stelle hätte ich jetzt gerne schnell mal sein Youtube-Video gegoogelt und ihm vorgeführt, wie er selbst, Rzewski, der stählerne Techniker, der große Poet der Veränderungen, sich ganz vorsichtig durch die Variation 34 tastet. Aber im Gastraum des „Weißen Bocks“ in Heidelberg ist gerade kein Netzempfang.
Wenn wir das Atmen vergessen
Mathias Hansen (mathisius)
- 24.04.2012, 15:04 Uhr
virtuose (klavier) musik.
maximilian währinger (rhizom123)
- 23.04.2012, 15:50 Uhr