Home
http://www.faz.net/-gqz-va9l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Genforscher Christof von Kalle Künstliche Enzyme sind die Chirurgen der Zukunft

26.07.2007 ·  Statt eine Medizinrevolution anzuzetteln, musste Christof von Kalle lernen, Genexperimente am Menschen sicherer zu machen. Sein Rat ist weltweit gefragt. Die Fortschritte der Gentherapie sind ihm zufolge kontinuierlich, aber noch weit von den euphorischen Prognosen der Anfangsjahre entfernt.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Statt eine Medizinrevolution anzuzetteln, musste Christof von Kalle lernen, Genexperimente am Menschen sicherer zu machen. Sein Rat ist weltweit gefragt. Die Fortschritte der Gentherapie sind kontinuierlich, aber noch weit von den euphorischen Prognosen der Anfangsjahre entfernt.

Zwei dreijährigen Kindern mit einem schweren Immundefekt hat man in Hannover vor Monaten neue Gene in die Blutzellen eingepflanzt, und den beiden, die heute vielleicht schon tot wären, geht es offensichtlich viel besser. Ist das so eine Erfolgsstory, wie sie Gentherapie nach vielen frustrierenden Jahren gebraucht hat?

Es ist zu früh, zu sagen, ob die Behandlung der Kinder geglückt ist. Erfolgreich ist Kollege Christoph Klein insofern, als der Genvektor, die Virentaxis, die das korrekte Gen in die Zellen einschleusen, angekommen ist und eine Funktion im Immunsystem ausübt. Aber zu behaupten, dass das funktioniert hat, das ist zu früh.

Trotzdem: Parkinson, Aids, Krebs, Netzhautdefekte, Erbkrankheiten - an vielen Fronten schien die Gentherapie zuletzt Erfolge verbuchen zu können. Ist das schon ein neuer Aufbruch?

Das Feld ist erwachsen geworden. Die Gentherapie hat lange darunter gelitten, dass sie sozusagen überverkauft wurde. Man hat gemeint, das Prinzip ist so gut, dass man in drei oder vier Jahren die Probleme lösen kann. Heute wissen wir, dass es genauso aufwendig ist, Gentherapien in die Klinik zu bringen wie andere Arzneimittel. Bis zu fünfzehn Jahre Zeit und eine Investition von mehreren hundert Millionen Euro werden in der Regel benötigt, um ein neues Medikament verfügbar zu machen.

Vielleicht ist ja jetzt, siebzehn Jahre nach der ersten Gentherapie an einem amerikanischen Mädchen, die Zeit der Ernte gekommen?

Zumindest, was solche schweren angeborenen Immundefekte angeht, gibt es gute Erfolge. Weltweit sind mehr als dreißig solcher Patienten behandelt worden, von denen an die 25 eine deutlich positive Wirkung gezeigt haben.

Was ist aus den anderen geworden?

Natürlich gab es auch Nebenwirkungen. Vier Patienten in einer Studie haben T-Zell-Leukämien entwickelt, einer ist gestorben. Aber wir müssen doch feststellen, dass mehr als drei Viertel von diesen Behandlungsprotokollen profitieren.

Die Gentherapie hat die Bewährungsprobe in der Klinik also bestanden?

Das kommt darauf an, was man von ihr erwartet. Natürlich wollen wir Therapien entwickeln, die keinerlei Nebenwirkungen haben und zugleich die fehlerhafte Sequenz korrigieren. Uns fehlen dafür aber offen gestanden noch die richtigen Vektoren. Unsere heutigen Genvehikel verteilen ihr Gentherapeutikum mehr oder weniger zufällig im Genom. Ob daraus Nebenwirkungen entstehen, haben wir nicht völlig in der Hand. Es gibt noch dieses gewisse Restrisiko und auch eine Restunzufriedenheit.

Lässt sich dieses Restrisiko überhaupt je ausschalten?

Strenggenommen handelt es sich, wenn man dem Erbgut ein Gen hinzufügt, um eine Mutation, eine Veränderung des genetischen Codes. Dieses Potential haben auch andere Medikamente, die wir längst nutzen, etwa Chemotherapeutika oder Antibiotika. Die Frage, die wir uns jetzt stellen müssen, ist die, ob das Risiko des Eingriffs akzeptabel ist. Bei todkranken Patienten, die anders nicht mehr behandelt werden können, kann sich das lohnen. Ich meine, die Abwägung muss stimmen.

Nicht nur die Unsicherheiten, auch die Kosten für solche Experimente sind noch immer gewaltig. Könnte das nicht auch zum Stolperstein für Gentherapeutika werden, selbst wenn die Europäische Union jetzt die Zulassungsvoraussetzungen für solche Studien erleichtert hat?

Weltweit sind vielleicht um die zweitausend Patienten in kleineren Studien behandelt worden. Die meisten waren Krebspatienten. Die Gentherapie soll dann beispielsweise das Immunsystem gegen den Tumor stimulieren. Bis zu Zulassungsstudien mit Tausenden Patienten wird es aber noch dauern. Eine kleine Studie kostet mindestens eine halbe Million Euro, und wenn zehn Patienten teilnehmen, sind das oft mehrere Millionen Euro. Schon dazu müssen viele Institutionen zusammenarbeiten und Sponsoren gesucht werden.

Ist das ein Grund, warum diese Forschung hierzulande mit derzeit einem halben Dutzend klinischer Gentherapie-Studien eher stagniert?

Ja, aber natürlich haben wir nach den Rückschlägen mit den Leukämien auch eine Bewegung gehabt, zurück zum Zeichenbrett. Die deutschen Virologen sind führend, und wir haben mit ihnen die Zeit genutzt. Wir haben etwa Mausmodelle hergestellt, um die Vektoren sicherer zu machen und besser testen zu können.

In Frankfurt ist voriges Jahr ein junger Mann mit einer Immunkrankheit bei einem Behandlungsversuch gestorben. Wie sehr hat Sie das getroffen?

Zuerst berührt einen das natürlich menschlich. Aber man darf nicht vergessen, dass selbst dieser Patient zwei Jahre lang von der Therapie profitiert hat, ehe er an den Folgen seiner Ursprungskrankheit, der chronischen Granulomatose, und der Therapie gestorben ist. Dieser Versuch wird von uns keineswegs als völliger Misserfolg gesehen. Dass der Effekt der Gentherapie mit der Zeit nachlässt und sich die Zusammensetzung des Immunsystems allmählich verschiebt, bis die Abwehr nicht mehr funktioniert, diese Nebenwirkung müssen wir jetzt angehen.

Wenn die Nebenwirkungen von den Vektoren abhängen, sollte man dann nicht auf einen anderen Vektor umsteigen?

Genau daran arbeitet man jetzt intensiv. Wir müssen diese ungewollte Genaktivierung im Umfeld vermeiden. Inzwischen wissen wir, dass die Elemente des Vektors, die das Umfeld im Erbgut einschalten, eigentlich gar nicht gebraucht werden.

Sollen trotz der Bedenken weitere Patienten behandelt werden?

Ja, die Frankfurter Kollegen Grez, Ott und Hölzer haben zusammen mit dem Züricher Kollegen Seger eine Warteliste behandlungsbedürftiger Patienten gebildet. In der Zeit, in der man jetzt gemeinsam mit den regulatorischen Behörden überlegt, ob man weitere Patienten behandelt, sind schon drei von ihnen auf der Warteliste an ihrem Immundefekt gestorben. Es geht um wirklich bedrohliche Krankheiten.

Wer entscheidet, wie es mit den Behandlungen weitergeht?

Inzwischen ist ein internationales Gremium gebildet worden. Man lässt sich unabhängig beraten, ob es vertretbar ist, dass ein Patient zwei oder drei Jahre von der Therapie profitieren und dann vielleicht doch solche Nebenwirkungen entwickelt könnte. In Zürich ist ein Kind behandelt worden, das eine Pilzinfektion des Rückenmarks hatte und gelähmt im Bett lag. Kurz nach der Gentherapie haben sich die Lähmungen zurückgebildet, und die normale Entwicklung des Kindes hat wieder eingesetzt. Will man solchen Patienten die Therapie versagen mit dem Hinweis, dass es möglicherweise Nebenwirkungen gibt?

Haben Sie Sorge, dass die Gentherapie nach Rückschlägen wie Ende der neunziger Jahre nach dem ersten Todesfall die Unterstützung der Gesellschaft verliert?

Nein, auch wenn die Behandlungen bisher nicht zu Heilungen geführt haben, haben wir große Fortschritte erzielt. Wir haben eine Leukämie gehabt und wussten vier Wochen später, warum. Die Öffentlichkeit wird meiner Ansicht nach oft unterschätzt, wenn es um die differenzierte Wahrnehmung der Genforschung geht.

Darf der gesetzlich versicherte Aids- oder Tumorpatient in zwanzig Jahren mit der Gentherapie als Option rechnen?

Ja. Die Revolutionen der HIV-Therapie in den neunziger Jahren waren alle der Genforschung zuzuschreiben, und an diesem Punkt sind wir jetzt beim Krebs. Das Leiden wird als genetische Krankheit wahrgenommen und behandelbar. Wir werden große Umwälzungen erleben. Meine Vorstellung ist, dass wir dann künstliche Enzyme herstellen, die das Genom genau editieren und den richtigen Code an der richtigen Stelle einführen. Dazu gibt es erste, vielversprechende Daten. Vielleicht müssen wir den Weg über die Viren als Gentaxis bald nicht mehr gehen.

Bekommen Sie auch heute schon Anfragen von kranken Menschen, die sich von der Gentherapie Hilfe erwarten?

Ja, manchmal, speziell von Patienten mit seltenen Krankheiten. Wir müssen da aber ehrlich sein, und dürfen keine Behandlungserfolge versprechen. Wir können ihn nicht einfach behandeln.

Auch nicht, wenn er die Behandlung selbst bezahlt?

Das ist keine Geldfrage. In Amerika, aber auch in Europa, gibt es Patientenverbände, die Stiftungen gegründet haben und darüber finanzielle Unterstützung für solche Projekte leisten. Das Geld wird über Begutachtungsverfahren nach strengen Kriterien vergeben, und auch hier geht es nicht um einzelne Patienten, gerade weil wir für deren intimen Wunsch nach Heilung größten Respekt haben.

Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.

Quelle: F.A.Z., 27.07.2007, Nr. 172 / Seite 42
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3