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„Der Fliegende Holländer“ in Bayreuth Innentemperatur fünfzig Grad

26.07.2006 ·  Es geht heiß her in Bayreuth: Mit dem „Fliegenden Holländer“ eröffnen die Festspiele - so schroff und kühn, so glühend und so totenbleich, so drastisch in seinen Gegensätzen und so stringent, wie man ihn selten gehört hat.

Von Julia Spinola
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Die berühmtesten Festspiele der Welt sind wieder eröffnet. Der rote Teppich ist ausgerollt, die Schaulustigen drängeln sich an die Absperrungen und harren in brütender Hitze der Prominenz, die da so kunterbunt zusammengewürfelt den Grünen Hügel hinaufspaziert: Edmund Stoiber und Roberto Blanco, Guido Westerwelle und Margot Werner, Caroline Reiber, Roman Herzog, Werner Schnappauf und wie sie alle heißen. Nur die Kanzlerin fehlt. Sie hat sich dieses Jahr erst für den zweiten „Ring“-Zyklus angesagt. Man steht in großer Robe für ein Paar Bratwürste an, nippt im Kantinendunst des Pausen-Schnellrestaurants an seinem Champagner und zwängt sich anschließend ins enge Holzgestühl des Festspielhauses, dessen Innentemperatur, wie gemunkelt wird, auf geschätzte fünfzig Grad ansteigen soll.

Seine künstlerische Exklusivität hat Bayreuth tatsächlich längst verloren. „Ringe“ werden allerorten geschmiedet, immer häufiger und mit Erfolg auch an kleineren Häusern, wie jüngst etwa in Weimar. Die interessantesten szenischen Deutungen fanden in den vergangenen Jahren überwiegend anderswo statt - da half auch Wolfgang Wagners eifrige Anbiederung an den Regietheaterzeitgeist nicht viel. Schließlich - und das ist wohl die schmerzlichste Einbuße, mit der Bayreuth zu kämpfen hat - ist auch das musikalische Niveau durchaus nicht immer festspielwürdig. Als Reaktion auf den Einbruch, den der „Tristan“-Dirigent Eiji Oue vergangenes Jahr erlebte, hat man sich für dieses Jahr rasch wieder der Solidität eines Peter Schneider versichert. Und auch sängerisch dominiert - von einigen wenigen glanzvollen Ausnahmen abgesehen - schon seit einiger Zeit gediegenes Mittelmaß.

Bayreuths großes ästhetisches Versprechen

Diesmal liefern nicht einmal mehr die sonst im Vorfeld ausgetragenen familiären Zwiste und Verwerfungen Stoff, an dem sich ein Streit über Sinn und Ziel der Festspiele produktiv entzünden könnte. Wagnerenkel Wolfgang, sechsundachtzigjähriger Festspielleiter, schweigt nach wie vor beharrlich, wenn es um die Frage seiner Nachfolge geht. Alle Diskussionen scheinen verödet. Selbst die traditionelle Pressekonferenz wurde im vergangenen Jahr einfach abgeschafft. Statt dessen präsentiert sich Wagner mit seiner Tochter und Wunschkandidatin Katharina - seinem „Mädchen für alles“, wie er im Radio unfreiwillig uncharmant verkündete - in einem doppelseitigen Interview der Lokalpresse als trautes, auf einer Duftwolke wechselseitiger Beweihräucherung schwebendes Paar.

Trotz alledem: Die Bayreuther Festspiele sind einzigartig - und dies nicht nur in ihrer unverbesserlichen Mischung aus Mief und Glanz. Es ist nach wie vor das große ästhetische Versprechen, das von diesem Ort mit seiner offenbar unnachahmlichen Akustik, dem „mystischen Abgrund“ seines verdeckten Orchestergrabens, ausgeht, das nach Bayreuth lockt. Und wenn es, wie am Eröffnungsabend mit der Wiederaufnahme des „Fliegenden Holländer“ geschehen, künstlerisch - sei es auch nur partiell - eingelöst wird, dann hat diese Erfüllung eine völlig andere, ans Utopische grenzende Qualität, die in Salzburg oder Aix-en-Provence oder Stuttgart nicht möglich wäre.

Nirgends scheint man als Zuhörer in paradoxer Gleichzeitigkeit so dicht ans musikalische Geschehen heranzurücken und ihm doch in analytischer Distanz gegenüberzustehen. Nirgends sonst glaubt man, mitten im Herzen der Musik, wie im Inneren eines großen Instrumentes, zu sitzen, und doch zugleich an einem Ort, von dem aus man alles hören kann. Denn die Bayreuth-Akustik ist nicht dumpf und neblig, wie es das Vorurteil will, sondern trennscharf und direkt - selbstverständlich nur dann, wenn entsprechend musiziert wird.

Wagners Urfassung in gestochener Klarheit

Marc Albrecht dirigiert jetzt einen „Holländer“, wie man ihn so schroff und kühn, so wild, so glühend und so totenbleich, so drastisch in seinen Gegensätzen und so stringent in seiner Formentfaltung selten gehört hat. Gespielt wird Wagners Urfassung von 1841/42, die ohne den Erlösungsschluß am Ende von Ouvertüre wie Oper in knappen zweieinhalb Stunden zäsurlos voranprescht. In gestochener Klarheit läßt Albrecht die inneren und äußeren Stürme wüten, durchsichtig und doch kraftvoll im Klangbild, expressiv bis in die kleinste Geste hinein und in einem furiosen, von Unbedingtheitswillen angetriebenem Tempo, das an herausgehobenen Stellen jäh durchbrochen wird durch Momente eines irrealen Stillstands.

So scheint im Erlösungschoral die Energie zu implodieren wie in einem schwarzen Loch. Matrosenchöre, Spinnerinnenlied und buffonesk-tänzelnde Daland-Passagen werden charakteristisch, beinahe böse als jene „derbe Erscheinung des gemeinen Lebens“ gezeichnet, auf die Wagner mit der Figur des Daland zielte. Eine fesselnde Interpretation - auch wenn die Koordination mit der Bühne einige Mal empfindlich gefährdet schien.

Zwischen Fallstudie und Gruselsatire

Als einen Bayreuther Glücksfall muß man auch das sich wechselseitig erhellende Passungsverhältnis bezeichnen, das Albrechts Interpretation mit Claus Guths akribisch ausgefeilter, zwischen psychoanalytischer Fallstudie und grotesker Gruselsatire balancierender Inszenierung eingeht. Der fliegende Holländer erscheint hier nicht nur als lustvoll besetzte Angstphantasie Sentas, sondern bringt als Chiffre für das Unbegreifbare schlechthin nach und nach alle vermeintlichen Gewißheiten und Wahrnehmungsmodalitäten aus dem Lot. Wie sich der bürgerliche Wohnraum, den Christian Schmidt entworfen hat, durch mannigfache surreale Spiegelungen, Schattenspiele und Projektionen allmählich in ein Kabinett des täglichen Horrors verwandelt, ist spannend zu verfolgen.

Sängerisch ragt, wie schon bei der Premiere 2003, aus einem eher mittelprächtigen Ensemble Adrienne Dugger als eine Senta heraus, die ebenso zur kraftvollen, leuchtenden Attacke befähigt ist, wie zur sensibel-nuancierten Seelenzeichnung. Norbert Ernst ist ein hingebungsvoller Steuermann. Dagegen klingt John Tomlinsons Holländer blaß und spröde. Er bleibt hinter Jaako Ryhänens immerhin etwas formatvollerem Daland zurück. Eine Enttäuschung ist Alfons Eberz anstelle von Endrik Wottrich, der die Partie in den vergangenen Jahren gesungen hat, als ein arg larmoyanter Erik. Nun blickt man gespannt auf den neuen „Ring“ von Thielemann und Dorst.

Quelle: F.A.Z., 27.07.2006, Nr. 172 / Seite 29
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