http://www.faz.net/-gqz-90c80

Alkoholverbot : Welt im Passiv

Für die Gegner des Alkoholkonsums ist jedes Glas zu voll, auch wenn es mehr als halbleer ist. Bild: dpa

Wenn es Passiv-Raucher gibt, dann muss es auch Passiv-Trinker geben, meinen Suchtexperten. Der Feldzug gegen den Alkoholkonsum hat begonnen.

          Zu den Kränkungen der Menschheit gehört, dass ihre einzelnen Mitglieder meistens passiv erfahren, was andere entscheiden. Den darüber aufgestauten Frust in die Netzwerke zu tragen ist freilich so unüberlegt wie der Plan, Menschen zu Zuschauern eines Lebens zu machen, das Algorithmen und Roboter steuern. Das Heer der Passiv-Autofahrer rollt schon heran, und so groß ist Facebook nicht, als dass es ihre Wut beherbergen könnte. In diesen Tagen hat sich ein Wort auf den Weg gemacht, das es noch weit bringen könnte: „Passiv-Trinker“. Die Klageschrift gegen den Alkoholkonsum ist schon verfasst: Wenn ein Autofahrer mit zu viel Promille im Blut einen Unfall baut, werden dann die Geschädigten nicht zu Passiv-Trinkern? So fragt maliziös ein Experte der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

          Der erste Crash ist hier schon gebaut, das Opfer ist die Sprache. Denn während der Passiv-Raucher, den man schon als sprachlichen Übergriff empfinden kann, immerhin den Qualm eines anderen inhaliert, bleibt der Alkohol im beschriebenen Fall ja im Körper des Trinkers. Eine von ihrem betrunkenen Ehemann geschlagene Frau ist eine von ihrem betrunkenen Ehemann geschlagene Frau und würde als Passiv-Trinkerin sprachlich zur Mittäterschaft gezogen. Wenn nach der Passiv-Logik alles Erleben in Schein-Aktivität umgewandelt werden soll, wären dann von faulen Krediten geschröpfte Kleinsparer nicht auch Passiv-Banker? Es lässt sich auch nicht behaupten, dass es für alkoholisierte Autofahrer, die andere ins Unglück stürzen, eine breite Solidaritätsbewegung gibt. Bei Verantwortungslosigkeit dieser Art spricht das Strafrecht eine klare Sprache.

          Die Passiv-Bewegung hat ihren langen Marsch durch die Institutionen aber erst begonnen, und die ganze Welt ist Material für ihre Empörung. Wer, wie der verstorbene amerikanische Politologe Benjamin Barber, den Islamismus als nervösen Kommentar der Moderne zu sich selbst betrachtet, der wird sich über die Angleichung der Lebensformen im Zeichen von Askese, Opferkult und Ressentiment nicht wundern. Mitbürger, die sich nur mit Kopfhörern bewaffnet vor die Haustür wagen, antworten auf die Frage, welche Musik sie hören, in vielen Fällen: Gar keine. Der Kopfhörer steht für die Abwehr des Risikos, ins öffentliche Leben hineingezogen zu werden. Die größte Gefahr für das eigene Leben, schreibt der Künstler Ed Atkins, ist es, jede Gefahr zu vermeiden.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel auf dem Weg auf dem Weg zum EU-Gipfel

          EU-Gipfel in Brüssel : Poker mit Erdogan

          Auf ihrem Gipfel in Brüssel beraten die EU-Staaten, wie sie den Druck auf die Türkei erhöhen können. Ein Abbruch des Beitritts ist bisher nicht in Sicht – wohl aber andere Maßnahmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.