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Der Fall von Boetticher Unter Tränen

15.08.2011 ·  Angela Merkel will den Fall Christian von Boetticher nutzen, um ihre Prinzipientreue zu beweisen. Anstatt das Privatleben ihres Spitzenkandidaten zu schützen, statuiert sie ein Exempel am falschen Ort.

Von Christian Geyer
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Angela Merkel hatte viel Aufwand getrieben, um ihrer Partei die neuen Sitten zu lehren. Mit Tausenden von Unterschriften machte die Wissenschaft gegen die Zwei-Körper-Theorie der Kanzlerin Front. Aber die blieb hart, erklärte, sie habe doch keinen wissenschaftlichen Assistenten ins Verteidigungsministerium berufen. Selbst als die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Urheberrechtsverletzungen im Raum standen, ließ sie auf den Plagiator Theodor von Guttenberg nichts kommen. So sollte die Partei daran gewöhnt werden, mit Billigung der Chefin die Sphären zu trennen: hier die Sphäre der Politik, dort die Sphären von Recht und Moral. Wir erinnern uns: Im Protest gegen eine solche Sphärentrennung war Merkel der Griff zur Kanzlerschaft gelungen. Kohl, der Herr der schwarzen Kassen, hatte das Nachsehen.

Heute ist Merkel weiter – und die Partei bleibt, hinter ihr her stolpernd, zurück. Erwin Teufel aus dem Süden der Union prangerte im Blick auf die Euro-Politik der Regierungschefs Merkels Bereitschaft zum Vertragsbruch an: Wie denn dann vom Bürger noch Rechtstreue erwartet werden könne? Und auch die Nord-CDU hat soeben gezeigt, dass sie für Merkels Marschbefehl, kühl die Sphären zu trennen, noch nicht reif genug ist. Diese Nord-CDU erzwang den Rücktritt ihres Spitzenkandidaten für die Landtagswahl, Christian von Boetticher. Kurz zuvor, so die nicht dementierte Meldung, hatte schon Angela Merkel persönlich Druck an der Förde gemacht. Diesmal mit der umgekehrten Argumentation als damals bei Guttenberg – nämlich: Jagt den Boetticher davon! –, auch wenn diesmal gar kein Rechtsbruch im Raum stand, sondern nur: „eine ungewöhnliche Liebe“ (von Boetticher).

Aus Liebesverrat wird Parteiverrat

Merkel spürte: Sie hatte der Partei zu viel zugemutet. Teufels überraschend breit diskutierte Mahnung zu mehr Grundsatztreue machte den Spielraum für weitere Eskapaden gegen Recht und Moral eng. Ein Exempel musste statuiert werden. Ein Bötticher wurde gesucht – und gefunden. Die Beziehung eines Neununddreißigjährigen mit einer Sechzehnjährigen – das darf es nach geltendem Recht und Gesetz überall im Lande geben, aber nach geltendem Kanzlerinnengefühl nicht in der CDU nördlichstem Teil, derzeit jedenfalls nicht.

Er, Boetticher, werde jetzt schon die richtigen Schlüsse ziehen, erklärte sein Parteipate Peter Harry Carstensen kurz vor Boettichers Rücktritt. Es war eine Formulierung, wie man sie aus Mafiafilmen kennt. Es war ein Angebot der Kanzlerin, das der Lolita-Kandidat nicht ablehnen konnte. So trägt der Rücktritt von Kiel, der doch als Katharsis einer gefallenen CDU inszeniert werden sollte, die Überschrift: Wie aus Liebesverrat Parteiverrat wurde.

Der wahre Skandal

Unter Tränen gab von Boetticher am Sonntagabend bekannt, sich „politisch“ verschätzt zu haben, als er einer „tiefen Liebe“ folgte. So hört sich die Bankrotterklärung der CDU im Jahre 2011 an. Die Tränen galten seiner zerflossenen Spitzenkandidatur, nicht seiner zerflossenen Liebe. Diese Beziehung – „schlichtweg Liebe“: einvernehmlich; von den Familien der beiden Partner gutgeheißen; von beiden, anderweitig nicht gebundenen Partnern ausdrücklich als tragfähig verstanden –, diese Beziehung hatte von Boetticher fristgerecht, ja schlichtweg gekündigt, gleich nachdem er die Spitzenkandidatur auf sich zukommen sah. Da war ihm eingefallen, dass „eine solche Liebesbeziehung bei vielen Menschen auf verständliche moralische Vorbehalte“ stößt. Aber wie verständlich sind verständliche moralische Vorbehalte, die sich im Wesentlichen auf die Unkenntnis der konkreten Situation gründen? Sollen demnächst auch homosexuelle Politiker zurücktreten, wenn sich im Lande „verständliche moralische Vorbehalte“ wegen einer „ungewöhnlichen Liebe“ artikulieren?

Wenn es schon auf die Vorbehalte im Lande ankommt, während es um eine gesetzeskonforme Liebe geht, sollte man neben den vielen Stimmen, die jetzt im Netz über die „Augenhöhe“ von Beziehungen streiten, die mit Sechzehnjährigen auf „Lendenhöhe“ eingegangen werden, auch Stimmen wie diese gewichten, die gestern unter Hunderten bei „Spiegel online“ zu lesen war: „Es wundert mich aber doch, dass das einzig Obszöne dieses Skandals nicht thematisiert wird: Boetticher hat, ,als die Spitzenkandidatur auf ihn zukam, die Beziehung beendet’. Dieser Herr hat seine Prioritäten. Gott sei Dank bleibt uns die Wahl dieses ernsthaft liebenden Menschen erspart.“

Für die Kanzlerin wäre es den Versuch wert gewesen, das Privatleben ihres Spitzenkandidaten zu schützen. Stattdessen hat sie ein Exempel statuiert, das die Prinzipienlosigkeit ihrer Partei nicht mindert, sondern mehrt.

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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