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Samstag, 11. Februar 2012
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Der „Fall Klingenberg“ „Requiem“: Die wahre Geschichte des Berlinale-Erfolgsfilms

21.02.2006 ·  Auf der Berlinale wurde Hans-Christian Schmidts Exorzismus-Film „Requiem“ gefeiert. Die Geschichte, die er erzählt, ist wirklich passiert - in den Siebzigern im bayerischen Klingenberg. Dort erinnert man sich ungern an den Fall.

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„Frei nach einer wahren Begebenheit“, heißt es im Untertitel: Das beklemmende Psychodrama schildert die Leidensgeschichte einer jungen Frau, die nach mehreren Dutzend Exorzismen an Entkräftung stirbt.

Als Vorlage für das Drehbuch zu dem Film „Requiem“ diente der Fall der 23 Jahre alten Pädagogikstudentin Anneliese Michel aus Klingenberg im Kreis Miltenberg, die 1976 im Haus ihrer Eltern verhungert war, nachdem zwei Priester ohne Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand und ohne Hinzuziehung eines Arztes oder Psychiaters über Monate an ihr den „Großen Exorzismus“ der katholischen Kirche ausgeübt hatten. Am Samstag ist Sandra Hüller auf der Berlinale als beste Darstellerin in „Requiem“ mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet worden.

Der „Fall Klingenberg“ war eine der großen Skandalgeschichten der siebziger Jahre gewesen. Das Landgericht Aschaffenburg verurteilte die beiden Geistlichen und die Eltern 1978 zu Bewährungsstrafen wegen fahrlässiger Körperverletzung. Nach Angaben eines Psychiaters, der in dem Prozeß gehört worden war, hatte die Verstorbene an einer schweren Psychose gelitten. Der zuständige Bischof, der die Erlaubnis des Exorzismus erteilt hatte, trat Anfang 1979 zurück.

Inzwischen wird auch ein Arzt gefragt

Ebenfalls Anfang 1979 richtete die Deutsche Bischofskonferenz aufgrund der Geschehnisse von Klingenberg eine Arbeitsgruppe zur Neukonzeption des Exorzismus ein. Die Überarbeitung zog sich 20 Jahre hin. Wichtigste Änderung ist, daß der Exorzismus heute nicht mehr ohne vorhergehende medizinische Konsultation erfolgen darf.

Dem Regisseur Hans-Christian Schmidt geht es in seinem Berlinale-Betrag allerdings weniger um die spektakuläre Darstellung einer sogenannten Teufelsaustreibung, sondern um das Schicksal einer Frau im Umgang mit ihrer Krankheit und ihren Wahnvorstellungen sowie um ein Bild deutschen Provinz zu jener Zeit. Schmidt spricht in einem Interview von einer „extremen Konstellation“ innerhalb der Familie, von der nicht geglückten Ablösung der Tochter von der gefühlskalten Mutter und davon, wie die Absicht, helfen zu wollen, ins Unglück führt.

Anneliese Michel war in einem strenggläubigen katholischen Elternhaus aufgewachsen. Sie litt unter epileptischen Anfällen, die zu der damaligen Zeit medikamentös nur schwer zu kontrollieren waren. Die junge Frau litt aber auch, so stellt es der Film dar, an der dörflichen Enge Klingenbergs. Sie ist deshalb überglücklich, als sie einen Studienplatz in einer größeren Stadt erhält. Dort verliebt sich das schüchterne Mädchen und genießt die Freiheit. Doch als die epileptischen Anfälle wiederkehren und sich mit religiösen Wahnvorstellungen verbinden, wendet sie sich an ihren alten Dorfpfarrer, der sie in Kontakt mit einem jungen Priester bringt.

Diözese stimmte „Großem Exorzismus“ zu

Die Eltern wie auch die katholischen Geistlichen glauben fest daran, daß der Teufel in die junge Frau gefahren und nur durch den Exorzismus wieder auszutreiben sei. Die Diözese gibt die Zustimmung zum „Großen Exorzismus“. Regisseur Schmidt meinte, daß die Eltern in ihrer Tochter zuletzt eine Auserwählte und eine Art Märtyrerin gesehen hätten, um ihrem Leid einen Sinn zu geben.

Nach Angaben des Beauftragten der Diözese Würzburg für Weltanschauungsfragen, Alfred Singer, hat seit dem „Fall Klingenberg“ in der katholischen Kirche in Deutschland kein weiterer, von einem Bischof angeordneter oder genehmigter Exorzismus stattgefunden. Er könne sich nach den Erfahrungen von Klingenberg auch nicht vorstellen, daß in der katholischen Kirche Deutschlands ein Exorzismus in absehbarer Zeit gebilligt werde, sagte er in einem Interview mit dem Pressedienst des Ordinariats Würzburg.

Anders sieht es Singer zufolge in manchen freien Gemeinden aus. Als Beispiel nannte er die Pfingstbewegung, wo der Kampf gegen Teufel und Dämonen teilweise gang und gäbe sei. Der Generalvikar des Bistums Würzburg, Karl Hillenbrand, vertrat schon vor längerer Zeit die Ansicht, daß das Geschehen auch eine lokale Komponente gehabt habe. Es habe am Bayerischen Untermain Gruppen gegeben, die sich in der nachkonziliaren Liturgie nicht mehr beheimatet gefühlt hätten, sagte er in einem Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk.

Bürgermeister: „Hätte überall passieren können“

Bereits im vergangenen Jahr war der amerikanische Film „Der Exorzismus von Emily Rose“ zu sehen, der ebenfalls auf dem Fall Klingenberg beruhte. Klingenbergs Bürgermeister Reinhard Simon (Freie Wähler) ist nicht besonders glücklich über das plötzliche Interesse der Medien an der Kleinstadt mit ihren 6300 Einwohnern. Denn die Reporter interessieren sich nicht für den Rotwein oder die Clingenburg Festspiele, sondern für die Vergangenheit.

Die Bevölkerung wolle in Ruhe gelassen werden mit diesem „alten Käse“, sagt Simon. Er spricht von einem Einzelfall, der in jedem Ort der Welt hätte passieren können und der weder damals noch heute typisch für die Atmosphäre in Klingenberg sei. Simon kann sich noch gut daran erinnern, wie 1976 die Lokalzeitung als erste über den Fall berichtet hatte. Damals war er 14 Jahre alt und wie alle anderen auch schockiert gewesen. Die Leute hätten sich gefragt, „wie so etwas bei uns passieren kann“. Der Bürgermeister spricht von „diesem Wahnsinn“, an den die Eltern fest geglaubt hätten, weil sie dachten, damit ihrer Tochter zu helfen.

Er erinnert an eine Exhumierung der Toten 1978. Als offiziellen Grund hatten die Eltern angegeben, sie wollten ihre Tochter umbetten, weil sie in einem billigen Sarg bestattet worden sei. Tatsächlich hätten sie jedoch von der Vision einer Nonne aus dem Allgäu gehört, Anneliese Michel sei ihr erschienen und hätte gesagt, ihr Körper sei unverwest. Die Exhumierung ergab jedoch Simon zufolge eine sehr starke Verwesung.

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Von Martin Otto

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