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Der „Fall Johnson“ Die Soldatin, von der niemand spricht

 ·  Die Obergefreite Jessica Lynch steht im Rampenlicht der Medien - Shoshanna Johnson, ihre schwarze Kameradin, die ebenfalls in Gefangenschaft geriet und befreit wurde, bisher nicht.

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Die vorerst letzte Absonderlichkeit in der fast schon unendlichen Geschichte der Obergefreiten Jessica Lynch, die am 1. April in einer spektakulären Kommandoaktion von einer amerikanischen Spezialeinheit aus dem Krankenhaus der südirakischen Stadt Nassirija gerettet wurde: Kein anderer als der Pornoverleger Larry Flynt ist derzeit der höchste Schutzherr ihrer "Sauberkeit". Flynt behauptet, im Besitz von Fotografien zu sein, auf welchen die blonde Soldatin "oben ohne" im Kreise männlicher Mitkämpfer zu sehen sei. Die Fotos seien ihm von Soldaten aus der Einheit von Jessica Lynch zugespielt worden, um zu belegen, daß die derzeit auf fast allen Kanälen gefeierte bescheidene Heldin nicht die so gerne porträtierte Unschuld vom Lande aus dem Bundesstaat West Virginia sei. Ob der Verleger des Magazins "Hustler" für die Fotos Geld bezahlt hat, sagt er nicht. Aber er sagt, er werde die bloßstellenden Fotos nicht veröffentlichen, weil Jessic Lynch "ein gutes Kind" sei.

Lynchs Metamorphosen

Ob die Obergefreite Lynch eine weitere mediale Metamorphose erlebt? Zunächst war sie von Militärsprechern, die einem Reporter der "Washington Post" eine Geschichte zugeflüstert hatten, als tapfere Kämpferin dargestellt worden, die sich bis zur letzten Patrone verteidigt und mehrere Schuß- und Stichverletzungen hatte. Aus ihren Interviews und ihrem am Dienstag erschienenen Buch weiß man mittlerweile, daß die inzwischen ehrenhaft und hoch dekoriert aus der Armee entlassene, zwanzig Jahre alte Frau keinen einzigen Schuß abgefeuert hat - ihr Sturmgewehr hatte Ladehemmung - und daß ihre schweren Verletzungen vom Zusammenstoß des Jeeps, in dem sie fuhr, mit einem liegengebliebenen Lastwagen herrühren. Die vier anderen Insassen des "Humvee"-Jeeps starben bei dem Unfall. Allenthalben wird jetzt die zur "bescheidenen" Heldin verwandelte Soldatin beklatscht, die unumwunden von ihrer Todesangst spricht und zugibt, in dem beschossenen Jeep nur geweint und gebetet zu haben. Jessica Lynchs buchstäbliche Enthüllung und ihre neue Metamorphose zum Kasernenluder würde das Medienkarussell am Laufen halten und Umsätze wie Gewinne weiter in die Höhe treiben.

Eine Million Dollar Vorschuß

Eine Million Dollar soll Jessica Lynch, die ihr Leben lang an ihren Verletzungen leiden dürfte, als Garantievorschuß für ihr Buch erhalten haben. Kaum jemand mißgönnt ihr das Geld. Denn niemand kann ihr vorwerfen, daß sie trotz lebensgefährlicher Verletzungen und dank der fürsorglichen Pflege der Ärzte und Schwestern im Krankenhaus von Nassirija überlebt hat und schließlich gerettet wurde; daß sie anders als fünfzehn ihrer Kameradinnen und Kameraden, die ebenfalls in dem verirrten Konvoi der 507. Versorgungskompanie fuhren, der am 23. März vor Nassirija falsch abgebogen und geradewegs in Feindesland gefahren war, nicht getötet wurde.

Es gibt aber noch eine andere amerikanische Soldatin, die bei Nassirija verletzt wurde, länger als Jessica Lynch in irakischer Kriegsgefangenschaft blieb und gemeinsam mit anderen Soldaten erst Mitte April befreit wurde. Auch Shoshanna Johnson, stationiert im Fort Bliss in Texas, hatte Glück, daß sie überlebt hat. Aber ihr Glück hat bisher kaum etwas "abgeworfen". Im Kugelhagel erlitt die dreißig Jahre alte alleinstehende Mutter einer dreijährigen Tochter Durchschüsse in beiden Beinen. Wie Jessica Lynch laboriert sie noch immer an ihren Verletzungen, unterzieht sich einer langwierigen Rehabilitation. Sie leidet an Depressionen und Schlafstörungen.

Siebenhundert Dollar weniger für Johnson

Anders als Jessica Lynch ist Shoshanna Johnson schwarz, und anders als Jessica Lynch wurde sie nicht mit der Beurteilung einer achtzigprozentigen, sondern "nur" einer dreißigprozentigen Behinderung aus dem Armeedienst entlassen. Auf den Websites schwarzer Bürgerrechts- und Interessengruppen wird natürlich auf die "falsche" Hautfarbe von Shoshanna Johnson hingewiesen, obwohl nichts dafür spricht, daß andere als ausschließlich medizinische Kriterien zu dieser Beurteilung geführt haben. Auch der schwarze Bürgerrechtler und Politiker Jesse Jackson hat sich der Sache Shoshanna Johnsons angenommen. Am zugemessenen Behinderungsgrad bemißt sich nämlich auch die Höhe der Zahlungen der Armee für die Kriegsverletzung: Fünfzig Prozent "weniger" Behinderung bedeuten siebenhundert Dollar pro Monat weniger.

"Natürlich ist Rasse ein Faktor", sagte Jackson der "Washington Post", die einen der wenigen Artikel über den "Fall Johnson" veröffentlichte. Die beiden seien im gleichen Krieg in der gleichen Einheit gewesen, hätten das gleiche Risiko auf sich genommen und ihrem Vaterland den gleichen Dienst erwiesen. "Und doch gibt es einen enormen Unterschied, wie das Militär die beiden Fälle behandelt hat", sagte Jackson. Die beiden Soldatinnen, die einige Wochen gemeinsam im Washingtoner Walter-Reed-Militärhospital behandelt wurden, verstünden sich gut, heißt es. Es kam sogar schon zu gemeinsamen Medienauftritten der Millionärin Lynch mit der Nichtmillionärin Johnson.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2003, Nr. 264 / Seite 44
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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