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Der Fall Eggebrecht : Suche nach einer Sprache in der falschen Welt

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Kraft durch Klassik: Wilhelm Furtwängler dirigiert die Berliner Philharmoniker Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Solange die Form von Eggebrechts „Beteiligung“ an den Massakern im Dunkeln bleibt, haben wir uns mit Aussagen über seine individuelle Schuld zurückzuhalten. Es wäre unpassend, sie zum latenten Kern seines wissenschaftlichen Werks zu erklären, meint der Musikwissenschaftler Richard Klein.

          Im „Fall Eggebrecht“ gilt es zwei Dinge strikt auseinanderzuhalten: die Ereignisse 1941/42 auf der Krim, die Art von Eggebrechts Beteiligung an ihnen – und die Bedeutung für die Musikwissenschaft. Im einen Fall geht es um harte Tatsachen und Quellen, im anderen um eine Gemengelage aus vergleichsweise diffusen Interpretationen und Interessen. Beides miteinander zu vermengen ist intellektuell unredlich. Boris von Haken rekonstruiert plausibel die Rahmenbedingungen des Massakers von Simferopol und belegt zudem, dass Eggebrecht zwischen Februar 1940 und August 1942 der Feldgendarmerie-Einheit 683, einer besonders üblen Truppe, angehörte.

          Nur bleibt er uns den Nachweis schuldig, was Eggebrecht da genau gemacht hat und wieso „feststehen“ soll, dass „Heiner“ „im Spalier“ oder sogar „am Graben“ stand. In den Unterlagen der Wehrmachtsauskunftsstelle steht dergleichen ja nicht zu lesen, also bezieht sich der Autor womöglich – und leichtsinnigerweise – auf (noch unbekannte) Zeugenaussagen vor Gericht. Vielleicht schließt er aber auch bloß aus der Zugehörigkeit zu jener Einheit auf Eggebrechts Tun, weil er meint, auf das Kleingedruckte komme es für den Historiker, anders als für den Juristen, nicht an. Das für Frühjahr 2010 angekündigte Buch zum Thema wird dies detailliert klären müssen.

          Jens Malte Fischer, der auf von Haken in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 19. Dezember replizierte, hat recht: Solange die Form von Eggebrechts „Beteiligung“ an den Massakern im Dunkeln bleibt, haben wir uns mit Aussagen über seine individuelle Schuld zurückzuhalten. Das hat nichts mit Exkulpation, aber alles mit der Notwendigkeit von Beweis und Begründung zu tun. Ungenauigkeit ist hier unmoralisch.

          Hermeneutik des Verdachts

          Anders als im Fall des 1909 geborenen Hans Schwerte oder des gleichaltrigen Wilhelm Emrich hat Hans Heinrich Eggebrecht, Jahrgang 1919, eine NS-Vergangenheit nicht als Akademiker. Er war dafür zu jung. Diese bedeutsame Tatsache übergehen derzeit viele, die ungehemmt der Hermeneutik des Verdachts frönen. Plötzlich soll Eggebrechts gesamtes musikwissenschaftliches Werk als verborgen NS-infiltriert zu lesen sein. Früher hat keiner etwas gemerkt, jetzt will es ihnen wie Schuppen von den Augen fallen. Ein Kritiker schließt aus gewissen ruppigen Erfahrungen, die er, wie so manch anderer, mit Eggebrecht als Editor gemacht hat, dieser habe das von ihm herausgegebene „Archiv für Musikwissenschaft“ nach „dem Führerprinzip geleitet“. Von Haken legt, um den Titel seines Vortrags „Holocaust und Musikwissenschaft“ zu rechtfertigen, Belege vor, ohne sie historisch oder psychologisch zu interpretieren: Das eine Skandalzitat aus der über 800 Seiten starken „Musik im Abendland“ über „islamische, osmanische, heidnische, barbarische . . . extrem materialistische, entseelt zivilisatorische, zerstörerisch technische Kräfte“ mag peinlich sein und zu tragen schwer. Aber warum soll ein solcher Tonfall bei Eggebrecht im Massenmord von Simferopol gründen, bei den zahllosen Germanisten aber, die ihn ebenso gebrauchten, als Motiv typisch deutscher Kulturkritik durchgehen?

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