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Der Fall Breivik in den Medien Das Übel aushalten

Darf man das Gesicht des Massenmörders Anders Breivik zeigen? Oder gibt man ihm damit die Aufmerksamkeit, die er suchte? Die Aufgabe der Medien kann nicht das Ausblenden des Übels sein.

© dpa Vergrößern Das Übel von Utoya hat ein Gesicht: Anders Breivik

Die norwegische Boulevardzeitung „Dagbladet“ bietet den Lesern ihrer Onlineausgabe einen neuartigen Service an: Wer es nicht aushält, über den Prozess gegen Erik Breivik zu lesen, kann einen Knopf anklicken und blickt auf eine entsprechend veränderte, killerfreie Seite. Weiterungen dieses Angebots sind denkbar: Nichts mehr über Ahmadineschad, keine Massaker in Syrien, und statt eines Talibans schreitet die Tulpenblüte voran. Wenn man schon nicht die Welt per Knopfdruck verbessern kann, so kann man immerhin den Bildschirm vom Übel erlösen oder mindestens vom Foto des Übels.

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In diesem Sinne veröffentlichte auch das Erlanger „Institut für Medienverantwortung“ eine Erklärung: In ihr werden die Redaktionen des Landes aufgefordert, „auf die Verbreitung des Tätergesichts zu verzichten“, um sich so dessen Propagandainteressen zu entziehen. Die Verbrechen habe Breivik begangen, um Aufmerksamkeit zu erzielen, und wenn man ihn jetzt groß auf die Titelseiten hebe, dann erfülle man ihm den Wunsch auch noch - so die Argumentation des Erlanger Instituts. Doch werden Medien ihrer Verantwortung gerecht, wenn sie den Täter nicht abbilden, wenn sie also sein Bild für so stark halten, dass sie es der offenen Gesellschaft nicht zumuten können? Weil es einen Nachahmungseffekt von ruhmsüchtigen Mördern geben könnte?

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Man kann solche Taten, wenn überhaupt, nur mit den Mitteln der Polizei verhindern, nicht mit denen der Medien. Auch in so einem Fall bleiben wir bei unseren Regeln und Gesetzen. Wäre ja noch schöner, wenn man Breivik zuliebe den Grundsatz der Öffentlichkeit von Strafverfahren hintergehen würde und ihm, in einer durch und durch abgebildeten Welt, den Sonderstatus eines Mannes ohne Gesicht zubilligte, so wie man in der frühen Neuzeit nicht vom Teufel sprechen wollte. Es gibt keinen Filter, keinen Button und keine Wortwahl, die uns das Grauen erspart, das der rechtsradikale Täter bereitet hat. Eine klare und schonungslose Berichterstattung in Wort und Bild, die Präzision darin, das ist die wirksamste Waffe der Medien, ihre vornehmste Aufgabe und im Übrigen auch ihr Job.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 16.04.2012, 15:43 Uhr

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