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Der Fall Breivik : Die Katastrophe im Menschlichen

  • -Aktualisiert am

Die Staatsanwälte vor dem Auftakt der Gerichtsverhandlung gegen Anders Breivik Bild: dapd

In Oslo läuft das Verfahren gegen den Attentäter Anders Behring Breivik. Doch das Land sieht auf sich selbst und fragt: Was ist falsch gelaufen in Norwegen? Eine Herausforderung.

          Das Licht kommt zurück, der Frühling, in Oslo. Doch eine Frage bleibt wie das gesplitterte Glas des Schaukastens an der Akersgata, das seit dem Anschlag die „Verdens Gang“- Ausgabe vom 22.Juli überdeckt: Wie konnte passieren, dass ein Norweger attackiert, was Norwegen ausmacht? Das ist das Rätsel, dass der Terrorist Anders Behring Breivik seinen Landsleuten aufzwang, und es findet sich auch in der weißblassen Anthologie „Respons 22/7“, die im Buchladen, keine fünfhundert Meter von den Baufolien des Regierungsviertels entfernt, stapelweise liegt. „Er hat keinen Hunger erlebt“, schreibt der Schriftsteller Karl Ove Knausgård darin, „er hat keinen Krieg erlebt. Ganz im Gegenteil, er war ein Teil der Wohlstandsgesellschaft.“ Irgendetwas „in unserer Kultur“ müsse diese „Katastrophe im Menschlichen“ hervorgebracht haben.

          Die Ausgrenzung radikaler Meinungen zur Immigrationspolitik vielleicht? In einer Bar am Theater, modisch ausgefuchst wie so vieles im neuen Norwegen, sitzt der Romanicer Jan Kjærstad, der prägende Stunden seiner Kindheit im Geschäft seines Vaters nahe den Regierungsbauten verbrachte und sich seit Jahren an der Selbstzufriedenheit Norwegens abarbeitet. Er lächelt gequält. „Die Gesellschaft als solche? Die macht schon jetzt weiter wie gewohnt.“

          „Mehr Vielfalt“ hätte man rufen müssen

          Alle schwenkten im Sommer diese Rosen, sagt er. Alle wiederholten die schönen Worte von „mehr Demokratie“ und „mehr Offenheit“, auch Kjærstad. Trotzdem habe man es nicht vermocht, „nach diesen Substantiven auch über die zugehörigen Verben“ nachzudenken. Vor allem sei niemand auf die Idee gekommen, „mehr Vielfalt“ zu rufen - was dringend nötig gewesen wäre, um den unaufhaltsam verbreiteten Äußerungen des Terroristen entgegentreten, ja die Fremdenfeindlichkeit und den Hass auf den Staatsfeminismus eindämmen zu können.

          „Nicht nur der Täter kapselte sich von der Realität ab“, sagt Kjærstad, „auch Norwegen lebt seit Jahrzehnten in einer Art Blase fern der Wirklichkeit. Unser Optimismus ist seit der Entdeckung des Öls ungebrochen und die mentale Abkapselung vom übrigen Europa stark. Die Chance, diese Blase zum Platzen zu bringen, haben wir nicht genutzt, obwohl es eine ganze Reihe potentieller Debatten gab.“ Stattdessen würden Anwälte nun in Talkshows wie Promis behandelt und Details zu Täter und Tathergang angehäuft, als würde die Kaltblütigkeit der Tat damit irgendwie erklärbarer.

          Breiviks Strafverteidiger: Tord Jordet und Odd Ivar Groen
          Breiviks Strafverteidiger: Tord Jordet und Odd Ivar Groen : Bild: dpa

          Details aber führen im Hier und Jetzt nicht weiter, sagt Kjærstad und spricht eine Weile von der Rolle guter Literatur (Conrads „Secret Agent“, DeLillos „Sieben Sekunden“) für Gesellschaften, die sich mit simplen Antworten zufriedengeben, ja überhaupt Antworten erwarten; er ist eben Autor postmodern-verpuzzelter Romane wie „Rand“, der Geschichte einer unmöglichen Mord-Ermittlung. Auch sicherheitspolitische Optimierungen hätten Grenzen; Anschläge könne es immer wieder geben, schon weil es „uns an Vorstellungskraft“ mangele. Doch warum versuche diese Gesellschaft nicht zumindest, sich bei aller Trauerarbeit an dieser wichtigen Wegmarke neu zu verorten? „Wir befinden uns wieder am 21.Juli 2011. Wir halten uns für immun. Wir halten das Geschehene nicht für einen Teil der Wirklichkeit.“ Norwegen ist Kjærstad ein Rätsel. Eine Herausforderung.

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