22.08.2007 · Der Gewaltexzess von Mügeln hat wieder einmal die Probleme aufgezeigt, die für den deutschen Osten typisch sind: Es fehlt an politischer Streitkultur, an einer Gegenöffentlichkeit, auf die zu warten jedoch gefährlich ist.
Von Regina MönchWann gehen die endlich wieder weg? Eine Frau aus Mügeln sagt das und meint damit nicht etwa die dumpfen Schläger, die in der Sonntagnacht, nach einem Volksfest, mehrere Inder durch den Ort hetzten. Sie meint die Kameraleute, Fotografen und Reporter, die, so empfindet es nicht nur sie, die kleine sächsische Stadt belagern. Sie will sich nicht vorstellen, dass Mügelner aus der Nachbarschaft „Ausländer raus“ rufen könnten. Denn die wenigen Ausländer, die überhaupt in Mügeln lebten, die seien doch schon lange hier, auf den Märkten, in der Pizzeria und nie sei etwas passiert. Rechtsradikale Prügelhorden, die waren bisher immer anderswo. „Gott sei Dank“, sagt die Frau.
Die Statistik scheint ihr Recht zu geben. Aber nun waren sie doch da, und im Ort herrscht jene Ratlosigkeit, die zuverlässig auf derlei Gewaltexzesse folgt. Ein hilfloser Bürgermeister verteidigt seine Stadt; ans Telefon im Rathaus geht niemand mehr, weil es Drohungen gebe; eine PDS-Landtagsabgeordnete wiederum nennt den Bürgermeister „blauäugig“ und lobt routiniert ihre „antifaschistische Politik“ - die in Mügeln so wenig fruchtet wie anderswo. Doch darüber wird genauso wenig geredet wie über die beklemmende Erfolglosigkeit der meisten Projekte gegen ostdeutsche Prügelnazis.
Wer etwas erwartet, zieht fort
Mit Warnungen von Politikern, hier verspiele Sachsen „Standortvorteile“, können viele Mügelner wenig anfangen. Mügeln hat keine Standortvorteile, dafür viele Arbeitslose, deren Anteil nicht sinken will. Denn alle Jungen, die etwas vom Leben erwarten, so sehen es die Einheimischen, packen nach der Schulzeit die Koffer und ziehen fort. Wer bleibt, habe resigniert. Ein Klischee fast schon, das man in jeder Zeitung über den Osten lesen kann, obwohl inzwischen jene Jahrgänge aus der Schule kommen, die nach der Wende geboren wurden. Bekanntlich nicht übermäßig viele im Osten der Republik. Man hört von den ersten Firmen, die händeringend Nachwuchs suchen, aber das dringt nur selten durch den Nebel der Vorurteile und der Klagen um den verlorengegangenen Kümmerstaat, der so etwas wie die Schlägerei vom Mügelner Volksfest nie zugelassen hätte.
Über das Leben zu Mauerzeiten wird in Mügeln wie anderswo im Osten nur selten gestritten. Eher dominiert das Gefühl, etwas verloren zu haben, und nichts hat die leere Stelle gefüllt. Der Vollbeschäftigung wird so heftig nachgetrauert wie jeder beargwöhnt und beneidet wird, der einen eigenen Weg gefunden hat. Der verordnete Antifaschismus der DDR mag als Lebenslüge noch so oft dekonstruiert worden sein, vielen Ostdeutschen ist er trotzdem die wirksamste Arznei gegen braune Ideologie gewesen. Eine eigene Haltung haben offenbar immer noch zuwenige.
Alles blieb beim alten
Auch gehen die offiziellen Gesprächsangebote ganz offensichtlich an der Mehrheit vorbei und nur selten gelingt einmal ein Blick hinter die Alltagskulissen, wie etwa in Andres Veiels Buch „Der Kick“. Es ist nicht nur die Rekonstruktion eines grauenvollen Mordes in einem uckermärkischen Dorf, sondern die Beschreibung eines Ortes, der seine Mitte, seine Orientierung mit der Wende verloren hat, ohne sich das bewusst machen zu wollen oder auch zu können. Nur dass die Ausländer bevorzugt werden, hatten sich viele, trotz völliger Abwesenheit der Fremden, als Ursache für ihren Missmut zurechtgelegt. In diesem Klima gedeiht nicht nur Gewalt, sondern erstickt auch jeder Widerstand dagegen. Die dumpfen Schläger, die Veiel beschreibt, sind kaum Gesinnungstäter, trotz brauner Phrasen. Wohlmeinende Besserungsprojekte erreichen sie nicht oder überfordern sie intellektuell. Auch diesem Dorf wurde kurzzeitig ein immenses Medieninteresse zuteil. Dann zog die Karawane weiter, alle atmeten auf. Und alles blieb beim alten.
Als vor einem Jahr in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt betrunkene Jugendliche ins Sonnenwendfeuer das Tagebuch der Anne Frank warfen, war es ähnlich. Erst Wochen später vermochte es die Landesregierung, in die nächstgelegene Kreisstadt zu kommen, mahnende Reden zu halten, die von den meisten Dorfbewohnern, die sich immer noch zu Unrecht verdächtigt sehen, gar nicht mehr wahrgenommen wurden. Eine Ausstellung über Anne Frank wurde angekündigt. Es ist unbekannt, ob sie nur einen erreicht hat, der da im Osten raunt, Fremde würden die Arbeit wegnehmen.
Auch mit Standortvor- oder Nachteilen ist diesem Phänomen kaum beizukommen. Es fehlt an politischer Streitkultur, an einer Gegenöffentlichkeit, auf die zu warten jedoch gefährlich ist. Es ist bekannt, dass die rechtsradikale Szene nicht nur Sprüche klopft und ihre Prügelhorden trainiert; sie füllt auch viele ganz alltägliche Lücken, veranstaltet Kinderfeste und Ferienlager. Dem kann man nicht nur mit Ächtung, Empörung und Polizei begegnen, dem muss man etwas Konkretes entgegensetzen: andere Kinderfeste und Freizeitangebote. Und wenn im Osten wieder Wahlen sind, sollten sich Politiker die Mühe machen und über die Dörfer fahren. Vor der letzten Sachsenwahl, die zum ersten Mal die NPD in den Landtag brachte, war jeder Baum, jedes Gasthaus in erschreckend vielen Orten mit deren rüden Sprüchen plakatiert. Es schien niemanden zu geben, der Widerspruch erhob. Und trotzdem haben es alle, die sehen wollten, gesehen.