Dreißig Kilometer, soll der Europa-Abgeordnete Elmar Brok zu José Manuel Barroso gesagt haben, dreißig Kilometer seien es bloß von Kassel nach Ostwestfalen. Da könne der EU-Kommissionspräsident doch nach seinem Besuch der Documenta, wenn er schon mal da sei, kurz in Paderborn vorbeischauen. Brok hat hier seinen Wahlkreis und weiß um die Bedeutung von Trophäen. Gut dreißig Kilometer sind es aber nur von Paderborn nach Oerlinghausen. Da könne er dann doch, soll Barroso versetzt haben, wenn er schon mal da sei, auch in Oerlinghausen vorbeischauen. Wie bitte? Ein Portugiese, der weiß, wo Oerlinghausen liegt? Und es auch - so nett es da immer ist, am nördlichen Rand Südostwestfalens - besuchen möchte? Was will der erste Europäer denn in Oerlinghausen?
José Manuel Barroso wollte das Städtchen besuchen, in dem der Soziologe Niklas Luhmann lebte. Den er bewundert und gelesen hat, in englischen, spanischen, brasilianischen Übersetzungen: „Social Systems“, „Legitimação pelo procedimento“, „Fin y Racionalidad en los sistemas“, „Teoría política en el estado de bienestar“. Kennengelernt hat Barroso Luhmanns Werk als Student der Politikwissenschaften in Genf, durch Charles Roig, den Autor einer „Einführung in die Politik der Symbole auf Grundlage der Werke Kenneth Burkes“, die Barroso auch kennt samt der Werke des amerikanischen Literaturtheoretikers, womit er weltweit der einzige Politiker sein dürfte, für den das gilt.
Die Stadt der ausgeruhten Polizisten
Bei seinen Genossen damals waren vermutlich weder Burke noch Luhmann Pflichtlektüre. Barroso gehörte als Student einer Partei mit dem Kürzel PCTP/MRPP an - was wie ein giftiger Kunststoff klingt, aber irgendetwas mit reorganisierten Arbeitern bedeutet -, die vor allem für ihre Graffiti berühmt war. Später trat er den portugiesischen Sozialdemokraten bei, deren Partei zwar Partido Social Democrata heißt, tatsächlich aber die CDU von Portugal ist. Nun, es ist das Land, dessen berühmtester Lyriker unter sieben Pseudonymen, darunter sein echter Name, veröffentlichte, die sich gegenseitig kommentierten. Wer brauchte bei dieser Herkunft keine Einführung in die Politik der Symbole?
Dann also kam Präsident Barroso mit großem Konvoi und Sicherheitsleuten nach Oerlinghausen, in die Stadt der ausgeruhten Polizisten, die mitteilten, politische Attentate kämen bei ihnen ganz selten vor, zum Gespräch über den Soziologen Luhmann im ehemaligen Wohnsitz des Tuchhändlers Carl Weber, Großvater von Marianne Weber, der Soziologin und Frau des Soziologen Max Weber, die wiederum eine Verwandte ihres Gatten war, was erklärt, dass ihr Großvaterhaus Weber-Villa heißt. Es ist ja nicht so, dass nur Portugiesen kompliziert wären. Niklas Luhmanns Wohnsitz in Oerlinghausen lag übrigens in der Marianne-Weber-Straße, er war aber mit den Webers nicht verwandt, nicht einmal theorieverwandt.
Das Amt gibt den Verstand
Das Gespräch, zu dem sich der Präsident Zeit nahm, war vom höflichen Hin und Her des „Ich bin gekommen, um zu lernen“ und „Sie stellen mir Fragen, aber ich wollte doch von den Systemtheoretikern hören, was zu tun ist“ geprägt. Die lokale Presse hatte das Werk Luhmanns mit „Gegner von Bürokratie“ zusammengefasst und sich erstaunt, was wohl der oberste Eurokrat damit anfangen könne. Der aber fühlte sich weder davon gemeint - schließlich hat Ostwestfallen mehr Beamte als Brüssel - noch durch Skepsis gegenüber der Steuerungsfähigkeit von Politik berührt. Demokratiedefizit der EU?
Er habe in seinem Leben schon so viele Wahlen mitgemacht, aber zumindest die in Portugal seien ein Kinderspiel gegenüber der Schwierigkeit, in die EU-Kommission gewählt zu werden. Viel problematischer sei, über Dinge entscheiden zu müssen, die selbst die Betroffenen, Banken zum Beispiel, nicht verstünden. Luhmanns Beschreibung, Politik sei nur eine, nicht die letzte, nicht die oberste Instanz, nicht die Spitze der Gesellschaft, treffe zu.
Vom Bielefelder Lehrstuhlnachfolger Luhmanns, André Kieserling, wurde er zum Schluss gefragt, wie man in Brüssel denn verhindert, dass die Deutschen dort nur deutsche, die Portugiesen nur portugiesische Interessen vertreten. Denn das sei ja in den Nationalstaaten die Voraussetzung für autonome Politik, dass die Parteien nicht einfach die Wünsche formierter Gruppen in Gesetze gössen. Barrosos Antwort: Das Amt gibt den Verstand, den europäischen. Es sei in der Kommission noch jeder zum Europäer geworden, der vorher links oder national oder grün oder etwas anderes gewesen sei. Gut, mochte man da fast sagen, dass es das Demokratiedefizit doch gibt und niemand die echten Europäer abwählen kann. Aber das wäre vermutlich wieder zu sehr im Geiste Luhmanns gedacht oder, anders formuliert: zu portugiesisch.
Hoher Besuch in der 'Programmregion' Ostwestfalen-Lippe?
Volker Mueller (MrVo)
- 21.09.2012, 21:10 Uhr
Oerlinghausener Anzeiger: "Grabplatte von Niklas Luhmann verschoben!"
Gerold Keefer (solaris21)
- 20.09.2012, 22:36 Uhr
Der oberste Europäer? Von Gottes Gnaden? Oder wohlduftendes Licht
des Himmels?
Samuel Lang (Orendel)
- 20.09.2012, 21:56 Uhr
Gottchen, wie rührend und blödsinnig interessant !
Closed via SSO (Dr.Moser)
- 20.09.2012, 20:20 Uhr