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Der Elternbrief von Winnenden Sein Name sei nicht mehr genannt

23.03.2009 ·  Fünf Eltern der Amok-Opfer von Winnenden haben einen offenen Brief geschrieben. Im Blick auf künftige suizidale Massaker fordern die Autoren von Waffenlobby und Medien Abrüstung. Nicht als Rezept zur Eliminierung des Bösen, sondern als Mittel der Verhältnismäßigkeit.

Von Christian Geyer
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Es existiert eine freiwillige Übereinkunft, eine Art ungeschriebenes Gesetz in der Medienwelt, gegen das tatsächlich bislang nur selten verstoßen wird: nämlich über Suizid-Vorfälle gar nicht oder wenn, dann nur mit ein paar dürren Zeilen zu berichten. Mag sein, dass der verschärfte Wettbewerbsdruck, unter dem Medien stehen, auch diese Selbstbeschränkung schon bald Makulatur sein lässt. Aber das wäre dann doch ein Symptom des Bankrotts, nicht der Liberalität. Hoppla, kann man das so einfach sagen?

Ja, man kann das so einfach sagen. Man braucht nicht auf Studien und Gegenstudien zu warten, man braucht keine großräumige Wertedebatte, um dreierlei festzuhalten: Es gibt die Bereitschaft zur Nachahmung, bei den einen mehr, bei den anderen weniger; Suizid ist einer der Fälle, bei denen Nachahmung tödlich ist; Medien können durch die Art ihrer Berichterstattung über tödliche Vorfälle Anreize zur Nachahmung setzen oder gerade nicht, sie können eine solche Nachahmung jedenfalls wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen.

Offener Brief der Eltern

Um sich auf diese drei Annahmen zu einigen und aus ihnen etwas folgen zu lassen, bedarf es nicht der wasserdichten Darlegungen von Kausalitäten in jedem Einzelfall (die sind - beinahe eine Trivialität! - ohnehin nicht erreichbar). Die gerne auch unterkomplex zu nennende Folgerung würde lauten: an der Zurückhaltung bei Berichterstattungen über suizidale Vorfälle festzuhalten, selbst (oder gerade?) unter den verschärften medialen Wettbewerbsbedingungen, unter denen bisweilen der eingefleischte Sinn für Proportionen und guten Stil abhandenzukommen droht.

Die Eltern der Amok-Opfer von Winnenden wollen die bisherige Selbstbeschränkung in der Berichterstattung über Suizide auf Berichte über Amokläufe ausgedehnt sehen. In einem offenen Brief, den fünf dieser Eltern am Wochenende veröffentlichten, heißt es: „Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeigt sich, dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Auf nahezu jeder Titelseite finden wir Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige Chatrooms und Internetforen. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge.“

Nicht verhindern, aber erschweren

Es wäre billig, jetzt klügelnd zu antworten: zukünftige Gewalttaten könnten ohnehin nicht verhindert werden. Die ganze Debatte über vernünftige Maßnahmen der Prävention, die nach Ereignissen wie dem in Winnenden schnell anschwillt und ebenso schnell wieder zu verebben pflegt, krankt an der Engführung auf die Frage, was sich verhindern lässt. Verhindern lässt sich gar nichts. Aber erschweren lässt sich sehr viel.

Und darum, ums Erschweren, nicht ums Ausschalten von Unerwünschtem, kann es bei Fragen der angemessenen Prävention nur gehen. Der Hinweis aufs Nichtverhinderbare ist das bequeme konservative Argument aller Besitzstandswahrer. Die Waffenlobby führt es im Augenblick besonders frech im Munde. Wenn ihr vorgehalten wird, das derzeit gültige Waffengesetz sei ein Witz, weil im Grunde jeder, der das Bedürfnis dazu hat, an eine großkalibrige Knarre komme - dann hört man das „Argument“: Ich bitte Sie, verhindern lässt sich doch sowieso kein Verbrechen. „Mir ist natürlich bewusst, dass sich Verbrechen mit Schusswaffen nicht völlig verhindern lassen. Aber wir können sie erschweren. Wir müssen sie erschweren“, pariert Berlins Innensenator Ehrhart Körting im „Spiegel“ den unverfrorenen Konservativismus der Waffenlobby, die im Wahljahr ein besonders leichtes Spiel zu haben meint.

Zugang zu Waffen einschränken

An ihre Adresse schreiben die Eltern der Amok-Opfer: „Wir wollen, dass der Zugang junger Menschen zu Waffen eingeschränkt wird. Die derzeitige gesetzliche Regelung ermöglicht die Ausbildung an einer großkalibrigen Pistole bereits ab dem 14. Lebensjahr. Bedenkt man, dass ein junger Mensch gerade in dieser Zeit durch die Pubertät mit sich selbst beschäftigt und häufig im Unreinen ist, so ist die Heraufsetzung der Altersgrenze auf 21 Jahre unerlässlich. Grundsätzlich muss die Frage erlaubt sein, ob der Schießsport nicht gänzlich auf großkalibrige Waffen verzichten kann. Bis in die achtziger Jahre hinein genügten unseres Wissens nach den Sportschützen kleinkalibrige Waffen. Bis heute sind die olympischen Wettkämpfe auf Luftdruck- und Kleinkaliberwaffen beschränkt.“

Abrüstung von Waffen und Medien - nicht als Rezept zur Eliminierung des Bösen, sondern als Mittel der Verhältnismäßigkeit, wenn es um das Erschweren von suizidalen Massakern geht. Es kann nicht sein, dass dies nur eine Forderung von Eltern bleibt, die ihre Kinder durch gezielte Kopfschüsse im school shooting verloren. „Man darf nicht übersehen: Amokläufe, vor allem die school shootings, sind oft als Medienereignisse geplant und werden als solche vollzogen“, sagt der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl in der „Zeit“. In einer Kultur, in der soziales Überleben vermehrt mit Sichtbarkeit zusammenhänge, gehe der Bedarf „nicht auf weniger, sondern auf mehr Selbstdarstellung und Öffentlichkeit“.

So viel wird man festhalten dürfen, ohne sich eine diagnostische Überaktivität vorhalten zu müssen. Und sollte dieser unabweisbare Befund, dass school shootings noch im suizidalen Desaster auf Selbstdarstellung angelegt sind, den Medien keine Konsequenzen abverlangen? Wer möchte sich im Ernst noch auf ein öffentliches Interesse berufen, das es gebieten würde, jeder Gehirnwindung, jeder Verlautbarung von Amokläufern ein Forum zu bieten? Die Prosa des Elternbriefs hat etwas Bezwingendes. Die Eltern der Opfer wollen, dass Winnenden Maßstäbe setzt: kleines Kaliber für Waffen und Medien.

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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