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Der Comic-Riese Art Spiegelman im Spiegel seiner selbst

24.01.2012 ·  Niemand hat so viel für den Comic geleistet wie er: Retrospektiven in Paris und Köln warten auf den Zeichner Art Spiegelman. 2012 soll endlich sein Befreiungsjahr werden.

Von Andreas Platthaus
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© Art Spiegelman Nachdem Spiegelman 1990 den Sonderpreis des Erlanger Comicsalons erhalten hatte, zeichnete er sucg selbst vor seinen deutschen Zuhörern

Es wird sein europäisches Jahr. Selbst vor zwanzig Jahren, als „Maus“ endlich abgeschlossen vorlag - der Comic also, der Art Spiegelman weltweit berühmt gemacht, den Pulitzerpreis eingebracht und zum bedeutendsten Erzähler seines Metiers gemacht hat -, war der Wirbel um den New Yorker Comiczeichner auf dem Alten Kontinent nicht größer, als er es 2012 sein wird. Kurz vor Silvester antwortete Spiegelman auf die Frage dieser Zeitung, wie es ihm gehe: „Ich fühle mich, als wäre ich gestorben und als mein eigener Nachlassverwalter wiedergeboren worden.“

Mindestens drei Ausstellungen werden 2012 in Europa sein Werk präsentieren, und zwei davon werden von Museen veranstaltet, die zu den namhaftesten überhaupt zählen. Vom 21. März an zeigt das Centre Pompidou in Paris Art Spiegelmans Schaffen, im September wird das Museum Ludwig in Köln nachziehen. Konzipiert hat Spiegelman diese Ausstellung namens „Co-Mix“ aber für die französische Stadt Angoulême, in der von morgen an der erste Höhepunkt seines europäischen Jahres stattfinden wird: Spiegelman präsidiert beim dortigen Comicfestival, der größten europäischen Veranstaltung dieser Art. Nach Will Eisner und Robert Crumb ist er der dritte Amerikaner und überhaupt erst der fünfte nichtfranzösischsprachige Künstler, dem diese Ehre seit 1974 widerfährt.

In Frankreich sind Comics eine Staatsaffäre

Das alles ist die Folge von „Maus“, jenem Meisterwerk des Comics - Spiegelman lehnt die Rede von einer „Graphic Novel“ ab -, das vom Überleben Vladek Spiegelmans erzählt, von dem Vater des Zeichners, der als polnischer Jude nach Auschwitz deportiert wurde und seinem Sohn davon erzählt hat. „Maus“ erzählt aber auch von dem schwierigen Verhältnis zwischen Vater und Sohn, denn wie Spiegelman heute sagt, hätte er lieber die Geschichte seiner Mutter aufgezeichnet. Doch sie, auch Überlebende von Auschwitz, nahm sich 1968 das Leben. Art Spiegelman, ihr zweites Kind (sein älterer Bruder Ryzio, 1937 geboren, starb 1943 im Getto), war da zwanzig Jahre alt. Wer eine solche Geschichte zu erzählen hat, der verdient Aufmerksamkeit; wer es zudem mittels eines Comics zu tun versteht, der verschiebt narrative Grenzen.

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© Nadja Spiegelman Art Spiegelman in seinem New Yorker Atelier

Das hat Spiegelman getan, und das hat ihm zu Recht den Ruf des wichtigsten lebenden Comic-Künstlers eingebracht. Präsident des diesjährigen Festivals von Angoulême ist er durch die Auszeichnung mit dem Großen Preis der Stadt geworden. Dessen Träger genießt das Privileg, eine Werkschau im Bâtiment Castro, dem 1985 errichteten spektakulären Sitz der Cité internationale de la bande dessinée et de l’image, also dem internationalen Comic- und Illustrationszentrum, das in Angoulême residiert, ausgerichtet zu bekommen. In Frankreich sind Comics eine Staatsaffäre; nirgendwo sonst auf der Welt, außer in Japan, genießen sie ein solches kulturelles Ansehen.

Ein Standardwerk nicht nur zu Spiegelman

Wobei Spiegelman das Privileg dieser Ausstellung eher als eine Last empfand, denn es obliegt dem Preisträger, die Arbeiten dafür auszuwählen - was in seinem Fall auch gar nicht anders gegangen wäre, weil Spiegelman seit dem Erfolg von „Maus“ keine Originale mehr aus der Hand gegeben hat. Eine Ausstellung zu seinem Werk kann somit nur aus dem riesigen Bestand bestückt werden, den das Atelier im New Yorker Stadtteil SoHo bereithält, und wer jemals dort war, kann ermessen, was für eine Mühe es bedeutet, aus den überquellenden Schubladen, Regalen und Schränken das herauszuziehen, was gesucht wird. Spiegelman selbst fehlt der Überblick dazu.

Deshalb war der Moment für die Ausstellungsvorbereitung perfekt, denn 2006 hatte Spiegelman erstmals sein Atelier für eine Forscherin, die in Chicago lehrende Literaturwissenschaftlerin Hillary Chute, geöffnet. Was das für sie an Aufwand bedeutete, zeigt die Frist von fünf Jahren, die vergehen musste, ehe im vergangenen Herbst in Amerika ein Buch erscheinen konnte, das auf Chutes Arbeit beruht und neben einem ausgiebigen Gespräch mit Spiegelman sowie zahlreichen Reproduktionen von Comic-Originalseiten etliche nie veröffentlichte Entwürfe und verworfene Varianten zu seinen Comics enthält. „MetaMaus“ heißt dieses Buch, und es ist das neue Standardwerk nicht nur zu Spiegelman, sondern generell zu Comics. Was der Zeichner dort über seine Arbeitsweise erzählt, taugt sowohl als Geschichts- wie auch als Lehrbuch dieser Kunstform.

Ein Kenner und Liebhaber historischer Comics

Dieses materialreiche Werk wird im August bei S. Fischer auf Deutsch herauskommen, rechtzeitig zur Kölner Ausstellung. Die französische Übersetzung ist bereits in der vergangenen Woche erschienen, und Spiegelman nutzt seine Anreise zum Festival in Angoulême, um das Buch heute in Paris vorzustellen. Zuvor erreichten wir ihn aber noch beim Umsteigen auf dem Flug nach Turin, wo er am vergangenen Sonntag vor dem Circulo dei lettori einen Vortrag hielt, der den lautmalerischen Titel „What the %@&*! Happened to Comics?“ trug.

Spiegelman ist wie kein Zweiter geeignet, diese Frage zu beantworten (und es auch auf jene offenherzige Weise zu tun, die von den Fluchsymbolen angedeutet wird). Er ist ein großer Kenner und Liebhaber historischer Comics, und deshalb hat er sich ausbedungen, dass neben der Retrospektive seines Werks in Angoulême auch noch eine Ausstellung gezeigt wird, die er selbst kuratiert hat und die seine Lieblingscomickünstler versammelt. „Musée privé“ heißt sie, und sie ist Spiegelman weitaus wichtiger als die repräsentative Retrospektive im Bâtiment Castro: „Dafür müssen Sie nicht nach Angoulême kommen, die kann man sich ja später in Paris, Köln und vielleicht auch noch Rotterdam ansehen. Für die Sonderschau aber, die nicht wandern wird, habe ich Comics ausgewählt, die von der Frühzeit bis zu ,Raw’ reichen, und das ist mein persönlicher Blick auf das Erbe, das wir den Comics verdanken.“

Diese Schau wird ein Spiegelbild von Spiegelman - Zeugnis einer Faszination, die sein ganzes Leben bestimmt und mit einer Konsequenz betrieben wird, die ihresgleichen nicht hat. Spiegelman hat seine Aufgabe darin gefunden, das Potential des Comics auszuschöpfen, und an dieser Aufgabe arbeitet er mit den eigenen Bildergeschichten, mit Vorträgen und Forschungen wie besessen. Im Atelier hängen keine eigenen Arbeiten an den Wänden, sondern die Blätter jener Meister, die nun auch den Kern seines „musée privé“ bilden: von Winsor McCay (“Little Nemo in Slumberland“), George Herriman (“Krazy Kat“), Frank King (“Gasoline Alley“), Chester Gould (“Dick Tracy“) oder Harvey Kurtzman (“Mad-Magazine“). Das sind Spiegelmans Väter.

Als Comic auf der Bestsellerliste für Sachbücher

Seine Geschwister sind jene experimentierfreudigen Zeichner, die dem Comic in den sechziger bis achtziger Jahren völlig neue Themenfelder erschlossen: Robert Crumb, Joost Swarte, Jacques Tardi, Mark Beyer, Gary Panter, José Muñoz. Sie alle waren in der 1980 von Spiegelman und seiner Frau Françoise Mouly begründeten Anthologie „Raw“ vertreten, die ein für alle Mal das Verständnis dessen verändert hat, was ein Comic sein kann. Davon profitierten dann Kollegen und Freunde wie Lorenzo Mattotti, Chris Ware oder Ben Katchor, die ebenfalls auf Spiegelmans privater Heldenliste stehen.

Niemand aber hat so viel für die internationale Comic-Avantgarde geleistet wie er selbst, und keiner ist bei aller Liebe für die klassische Kunst der Zeichnung zugleich so offen gewesen für technische Entwicklungen. 1994, nur drei Jahre nach dem Abschluss des Buchs, erschien „Maus“ auf CD-ROM, und man konnte dadurch erstmals bei einem Comic auch Vorstufen zu den fertigen Seiten studieren. Allerdings war das, wie man damals sah, nur die Spitze des Eisbergs, denn „MetaMaus“ liegt nun eine DVD bei, die sämtliche noch greifbaren Bild- und Textentwürfe zu „Maus“ enthält, und das ist ein Vielfaches des Materials, das auf der CD-ROM enthalten war. Fotos und Videos, die Spiegelman seinerzeit bei der Recherche halfen, kommen dazu und auch die transkribierten Gespräche mit seinem Vater - inklusive eines mehrstündigen Mitschnitts dieser Unterhaltungen.

Damit erschließt Spiegelman Comiclesern wie -forschern eine neue Dimension: Er legt alles offen, was dieser berühmten autobiographischen Bildergeschichte vorausgegangen ist, darunter auch sein erster Europabesuch, 1979, auf den Spuren des Vaters, als Spiegelman und seine Frau nach Auschwitz gereist waren. 1987, nach Erscheinen des ersten Teils von „Maus“, fuhren sie noch einmal dorthin, um nachzurecherchieren. Nichts sollte angreifbar sein. Als die „New York Times“ im Dezember 1991 den zweiten Teil von „Maus“ auf ihre Bestsellerliste für „Fiction“ setzte, bat Spiegelman darum, den Comic stattdessen auf der Sachbuchliste zu führen, denn er erzähle von wahren Geschehnissen. Die Zeitung entsprach diesem Wunsch; seitdem muss sich „Maus“ an der historischen Akkuratesse messen lassen, die man von Geschichtsbüchern erwarten darf.

Im Schatten seines berühmtesten Werks

Spiegelman schafft nun mit „MetaMaus“ die Voraussetzung dafür, akribische Prüfungen durchzuführen. Im Buch sagt er: „Das ist vielleicht die einzige ehrliche Weise, so ein Material zu präsentieren: Hier sind alle Dokumente, die ich benutzt habe - gehen Sie sie durch. Und hier ist ein vier Meter hoher Stapel von Werken, die den Kontext für diese Dokumente schaffen, und hier sind Tausende Stunden Tonbandaufnahmen, und hier ist ein Haufen Fotografien zum Anschauen. Nun machen Sie sich selbst eine ,Maus’!“

Solche Ansprüche an sich selbst und die Leser machen Spiegelman nicht nur als Comiczeichner zur Ausnahmeerscheinung, sondern auch als Erzähler und Historiker. Und als Künstler, denn die Last des Erfolgs von „Maus“ ist er nicht mehr losgeworden. Bis zum privaten wie politischen Einschnitt der Attentate vom 11. September 2001 hatte er keinen Stoff mehr für einen neuen großen Comic gefunden; „Im Schatten keiner Türme“, Spiegelmans Auseinandersetzung mit dem Angriff auf sein geliebtes New York, erschien 2004. Danach aber begab er sich mit der Arbeit an „MetaMaus“ wieder in den Schatten seines berühmtesten Werks.

„Es hat mich ausgelaugt“, sagt er heute, „daran zu arbeiten, die Schauplätze des Verbrechens (persönlich wie historisch verstanden) wieder aufzusuchen. Es bleibt abzuwarten, ob mich das befreien wird oder nur ein weiteres Endspiel in meinem Mauseloch war.“ Spiegelmans europäisches Engagement in diesem Jahr spricht denn doch dafür, dass Ersteres der Fall ist. Aber in der kommenden Woche wird Art Spiegelman noch nach München fahren, wo ein großes Fenster mit Glasmalerei hergestellt wird, die er für seine alte High School in New York entworfen hat. Und die Konzeption des Katalogs zur Retrospektive steht auch noch aus; bis Paris soll er endlich fertig sein. Sein Wunsch für die Zukunft? „Dass ich zur Abwechslung mal als Zeichner wiedergeboren werde.“

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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