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Britischer Geheimdienst MI6 : Sie wollen keine James Bonds mehr

Falsches Vorbild: Das aktuelle Anforderungsprofil des britischen Geheimdienstes MI6 würde James Bond (Daniel Craig) zu denken geben. Bild: dpa

Der Geheimdienst seiner Majestät braucht im Kampf gegen den Terror neue Agenten. Die sollen aber nicht in jeder Lage zur Waffe greifen, sondern etwas ganz anderes können. Die aktuelle Stellenbeschreibung lässt aufhorchen.

          Früher reichte der Wink eines eingeweihten Dozenten, um einen Studenten in Oxford oder Cambridge für eine Geheimdienstkarriere vorzusehen. Diese Art von Annäherung lief im Jargon des Old Boy Network, jener Kameraderie von Privatschulabsolventen, die sich gegenseitig die Posten zuschoben, unter dem Begriff, „ein leichtes Klopfen auf die Schulter“.

          Bei dem Journalisten Neal Ascherson kam ein anderes Teil seiner Anatomie ins Spiel. Die Empfehlung eines Dozenten in Cambridge führte Mitte der fünfziger Jahre zu einem Mittagessen in einem Herrenclub. Dort trug man ihm an, als Biograph des Oberhaupts eines ihm unbekannten kommunistischen Staates getarnt, die dortige Führungsschicht auf den britischen Standpunkt zu bringen. Als Ascherson protestierte, dass er weder das Land noch die Sprache kenne, versicherte man ihm, dass „der alte D.“ ihn ins Bild setzen werde. D. lud ihn zu sich nach Hause ein. Nach dem Abendessen setzte er sich neben seinen Gast aufs Sofa und griff ihn „fest und wortlos“ bei seinem Glied. Ascherson machte sich davon und schrieb, dass er womöglich nicht reif genug sei für diesen Dienst.

          Damals war der Auslandsgeheimdienst MI6 eine Abteilung, deren Existenz verschwiegen wurde. An der Tür der Londoner Zentrale stand der Name eines Herstellers von Feuerlöschgeräten. Die offizielle Anerkennung erfolgte erst 1994 mit der Verabschiedung des Geheimdienstgesetzes und dem Einzug in das auffällige postmoderne Hauptquartier am südlichen Themseufer. Inzwischen hat MI6 eine eigene Website, gibt Zeitungsannoncen auf und preist sich als diversifizierten, aufgeschlossenen Arbeitgeber an. Angesichts der wachsenden Bedrohungen durch den Terror und feindliche Staaten, befinden sich die Geheimdienste auf Expansionskurs. Bei MI6 sollen bis 2020 rund tausend Stellen geschaffen werden.

          Meinungsvielfalt ist gefragt

          Der MI6-Direktor sprach dieser Tage von einer Belegschaft, die das soziale Gefüge des Landes spiegle, wohl auch um jene Kreise zu unterwandern, aus denen die neuen Gefahren hervorgehen. Er will das alte Gruppendenken durch Meinungsvielfalt ersetzen. Gesucht werden mehr Frauen, mehr Asiaten und mehr Schwarze, Menschen mit emotionaler Intelligenz und einem hohen Intelligenzquotienten.

          In dieser Woche unternimmt MI6 mit einer Kinowerbung einen frischen Anlauf, das Netz weiter auszuwerfen und das stereotype Bild eines Reservats der Oxford-Elite oder einer Spielstätte für selbsternannte James Bonds zu beseitigen. Die Werbung zielt auf Menschen, die sich eigentlich durch dieses Image von einer Bewerbung abhalten lassen. Sie zeigt eine Blumenhändlerin, die einen Streit verhindert, einem Kunden entgegenkommt, als sie merkt, dass er sich einen Strauss nicht leisten kann und einer müden Läuferin ins Ziel hilft. Die hübsche junge Frau multiethnischer Herkunft kann vermitteln, Mitgefühl zeigen und motivieren. Sie arbeitet nicht für MI6, könnte es aber tun, lautet der Werbespruch. Um die angestrebte Zusammensetzung zu erreichen, will der MI6-Direktor aber auch seine Fühler in alle Richtungen ausstrecken und auf den alten Brauch des „leichten Klopfens auf die Schulter“ zurückgreifen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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