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Der Blaue Wittelsbacher : Die Abschaffung der Ewigkeit

So sieht er aus, nach dem er umgeschliffen und umbenannt worden ist: der Wittelsbach-Graff Diamant Bild: Courtesy of Graff

Lange hat sich einer der bedeutendsten Diamanten der Welt verborgen. Dann fiel er dem englischen Juwelenhändler Lawrence Graff in die Hände, der ihn nun umschleifen ließ. Mit der Gestalt ging auch die Aura des Blauen Wittelsbacher verloren.

          Aus einer Tiefe von hundertundfünfzig Kilometern hat er sich nach oben gearbeitet. Kristallisierter Kohlenstoff in reinster Form, kaum so groß wie ein Taubenei. Jahrmillionen dauerte der Weg, jedes Jahr nur Millimeterdistanzen. Zufällig erblickte er das Licht der Welt in einem Erdzeitalter, das schon Menschen kannte. In Indien, wahrscheinlich in den berühmten Minen von Kollur in der Region Golconda, wurde er gefunden, im siebzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Den Weg nach Europa findet der Diamant möglicherweise mit dem Reisenden Baron Jean Baptiste Tavernier, der Ludwig XIV. Juwelen verkaufte. Aus den Minen von Kollur stammen die berühmtesten Diamanten der Welt, der Koh-i-Noor, der Hope, der Grüne Dresdner, der Orlov, der Regent und der Sancy.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          „Den höchsten Wert unter den Gütern des Menschen, nicht nur unter den Edelsteinen, hat der Diamant (adamas), lange Zeit nur Königen und auch unter ihnen nur wenigen bekannt.“ So schildert es Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus. Adamas, griechisch für unbezwingbar. Man erkenne Diamanten „auf dem Amboss, da sie die Schläge so zurückstoßen, dass das Eisen nach beiden Seiten auseinanderfährt und sogar der Amboss selbst zerspringt; ihre Härte ist unbeschreiblich, und zugleich haben sie eine Widerstandskraft dem Feuer gegenüber und erwärmen sich niemals.“

          Die vier C sagen viel, aber nicht alles

          Längst hat man Kategorien, Diamanten mit den vier „C“ zu beschreiben: carat, colour, clarity, cut. Aber ein solcher Stein ist eben mehr als nur Gewicht, Farbe, Reinheit und Schliff. Besonders selten sind die farbigen Diamanten (in der Fachwelt als „fancy diamonds“ bezeichnet). Weil diese großen Steine solche Raritäten sind, bündeln sich in ihnen stets Politik und Mythenbildung. Der Sancy etwa war der Leitstein der französischen Krone und ist heute im Besitz der Hohenzollern, was ihn nicht davor bewahrt, immer wieder einmal zum Kauf angeboten worden zu sein. Dieses Schicksal hat auch den Blauen Wittelsbacher mehrmals ereilt. Seine überirdische Laufbahn beginnt offiziell 1666, als er in Wien eintrifft als Teil einer Mitgift. Von den Habsburgern wandert der 35,56 Karat schwere Diamant (ein Karat entspricht 0,2 Gramm) 1712 mit der österreichischen Erzherzogin Maria Amalia nach München zu den Wittelsbachern, weil diese den Kurprinzen Karl Albrecht heiratet. Von seinem Geschlecht leitet sich nun auch der königliche Name ab: der Blaue Wittelsbacher ziert als Leitstein die bayerische Krone – heute ist an seiner Stelle ein kitschiger Glasstein eingesetzt.

          So sah er aus, bevor er umgeschliffen wurde: Der blaue Wittelsbacher Diamant (1666 bis 2009)

          Als das Haus die Macht verliert, gerät er in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in die Dunkelheit, später in bürgerliche Kreise, schließlich in die Hände einer österreichischen Millionenerbin, die sich von ihm trennt. Im gleißenden Licht einer Londoner Auktion (F.A.Z. vom 10. Dezember 2008) bekommt der Londoner Juwelenhändler Lawrence Graff den Zuschlag, für die Rekordsumme von knapp neunzehn Millionen Euro. Nach Gewicht gerechnet, der teuerste Schatz der Welt. Graff, ein Selfmademan mit einem geschätzten Vermögen von 1,5 Milliarden Euro, gibt zu Protokoll, er habe mit dem Kauf den Gipfel seiner Karriere erreicht. Gleichzeitig deutet er an, dass er mit dem Juwel etwas vorhabe. Vergangene Woche nun meldete er Vollzug (F.A.Z. vom 9. Januar).

          Die Geschichte wird Graff nicht recht geben

          Durch das Umschleifen hat der Wittelsbacher, der nun „Wittelsbach-Graff“ genannt werden muss, mindestens vier Karat eingebüßt, ist flacher und damit eine Idee bläulicher geworden. Die Fachwelt reagiert entsetzt, einer der ganz großen Steine unserer Zeit ist damit für immer seiner Gestalt beraubt. Der Münchner Schmuckhändler Rudolf Biehler, dessen Großvater als Kurator der Schatzkammer in der Residenz den Blauen Wittelsbacher noch persönlich ins rechte Lichte rückte, rauft sich die Haare. Über die Motive Lawrence Graffs könne er nur spekulieren, wolle das aber nicht tun; „Ich halte Graff für einen tüchtigen Fachmann, er ist ein Kollege, den ich sehr schätze.“ Aber, legt Biehler nach, „er hat einen Fehler begangen: Solche Steine sind Geschenke der Natur an uns, ihre Bedeutung ist riesig. Ich weiß nicht, warum er es gemacht hat, aber ich bin mir sicher, die Geschichte wird ihm nicht recht geben.“ Hans Ottomeyer, Präsident des Historischen Museums Berlin, forscht seit mehr als dreißig Jahren über den Blauen Wittelsbacher. Er müht sich nicht um Diplomatie, wenn er sagt, Graff habe den Stein „vandalisiert“, ihn „wie ein Lutschbonbon flach gemacht“.

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