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Der Blaue Wittelsbacher Die Abschaffung der Ewigkeit

16.01.2010 ·  Lange hat sich einer der bedeutendsten Diamanten der Welt verborgen. Dann fiel er dem englischen Juwelenhändler Lawrence Graff in die Hände, der ihn nun umschleifen ließ. Mit der Gestalt ging auch die Aura des Blauen Wittelsbacher verloren.

Von Hannes Hintermeier
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Aus einer Tiefe von hundertundfünfzig Kilometern hat er sich nach oben gearbeitet. Kristallisierter Kohlenstoff in reinster Form, kaum so groß wie ein Taubenei. Jahrmillionen dauerte der Weg, jedes Jahr nur Millimeterdistanzen. Zufällig erblickte er das Licht der Welt in einem Erdzeitalter, das schon Menschen kannte. In Indien, wahrscheinlich in den berühmten Minen von Kollur in der Region Golconda, wurde er gefunden, im siebzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Den Weg nach Europa findet der Diamant möglicherweise mit dem Reisenden Baron Jean Baptiste Tavernier, der Ludwig XIV. Juwelen verkaufte. Aus den Minen von Kollur stammen die berühmtesten Diamanten der Welt, der Koh-i-Noor, der Hope, der Grüne Dresdner, der Orlov, der Regent und der Sancy.

„Den höchsten Wert unter den Gütern des Menschen, nicht nur unter den Edelsteinen, hat der Diamant (adamas), lange Zeit nur Königen und auch unter ihnen nur wenigen bekannt.“ So schildert es Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus. Adamas, griechisch für unbezwingbar. Man erkenne Diamanten „auf dem Amboss, da sie die Schläge so zurückstoßen, dass das Eisen nach beiden Seiten auseinanderfährt und sogar der Amboss selbst zerspringt; ihre Härte ist unbeschreiblich, und zugleich haben sie eine Widerstandskraft dem Feuer gegenüber und erwärmen sich niemals.“

Die vier C sagen viel, aber nicht alles

Längst hat man Kategorien, Diamanten mit den vier „C“ zu beschreiben: carat, colour, clarity, cut. Aber ein solcher Stein ist eben mehr als nur Gewicht, Farbe, Reinheit und Schliff. Besonders selten sind die farbigen Diamanten (in der Fachwelt als „fancy diamonds“ bezeichnet). Weil diese großen Steine solche Raritäten sind, bündeln sich in ihnen stets Politik und Mythenbildung. Der Sancy etwa war der Leitstein der französischen Krone und ist heute im Besitz der Hohenzollern, was ihn nicht davor bewahrt, immer wieder einmal zum Kauf angeboten worden zu sein. Dieses Schicksal hat auch den Blauen Wittelsbacher mehrmals ereilt. Seine überirdische Laufbahn beginnt offiziell 1666, als er in Wien eintrifft als Teil einer Mitgift. Von den Habsburgern wandert der 35,56 Karat schwere Diamant (ein Karat entspricht 0,2 Gramm) 1712 mit der österreichischen Erzherzogin Maria Amalia nach München zu den Wittelsbachern, weil diese den Kurprinzen Karl Albrecht heiratet. Von seinem Geschlecht leitet sich nun auch der königliche Name ab: der Blaue Wittelsbacher ziert als Leitstein die bayerische Krone – heute ist an seiner Stelle ein kitschiger Glasstein eingesetzt.

Als das Haus die Macht verliert, gerät er in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in die Dunkelheit, später in bürgerliche Kreise, schließlich in die Hände einer österreichischen Millionenerbin, die sich von ihm trennt. Im gleißenden Licht einer Londoner Auktion (F.A.Z. vom 10. Dezember 2008) bekommt der Londoner Juwelenhändler Lawrence Graff den Zuschlag, für die Rekordsumme von knapp neunzehn Millionen Euro. Nach Gewicht gerechnet, der teuerste Schatz der Welt. Graff, ein Selfmademan mit einem geschätzten Vermögen von 1,5 Milliarden Euro, gibt zu Protokoll, er habe mit dem Kauf den Gipfel seiner Karriere erreicht. Gleichzeitig deutet er an, dass er mit dem Juwel etwas vorhabe. Vergangene Woche nun meldete er Vollzug (F.A.Z. vom 9. Januar).

Die Geschichte wird Graff nicht recht geben

Durch das Umschleifen hat der Wittelsbacher, der nun „Wittelsbach-Graff“ genannt werden muss, mindestens vier Karat eingebüßt, ist flacher und damit eine Idee bläulicher geworden. Die Fachwelt reagiert entsetzt, einer der ganz großen Steine unserer Zeit ist damit für immer seiner Gestalt beraubt. Der Münchner Schmuckhändler Rudolf Biehler, dessen Großvater als Kurator der Schatzkammer in der Residenz den Blauen Wittelsbacher noch persönlich ins rechte Lichte rückte, rauft sich die Haare. Über die Motive Lawrence Graffs könne er nur spekulieren, wolle das aber nicht tun; „Ich halte Graff für einen tüchtigen Fachmann, er ist ein Kollege, den ich sehr schätze.“ Aber, legt Biehler nach, „er hat einen Fehler begangen: Solche Steine sind Geschenke der Natur an uns, ihre Bedeutung ist riesig. Ich weiß nicht, warum er es gemacht hat, aber ich bin mir sicher, die Geschichte wird ihm nicht recht geben.“ Hans Ottomeyer, Präsident des Historischen Museums Berlin, forscht seit mehr als dreißig Jahren über den Blauen Wittelsbacher. Er müht sich nicht um Diplomatie, wenn er sagt, Graff habe den Stein „vandalisiert“, ihn „wie ein Lutschbonbon flach gemacht“.

Der Blaue Wittelsbacher spielte für Ottomeyer in der obersten Edelstein-Liga. Ottomeyer: „Er hat zweihundert Jahre bayerischer Landesgeschichte als vornehmster Stein erlebt.“ Auf einer Generalrechnung von 1807 sei sein Wert mit 300 000 Florin angegeben, das habe dem Gesamtwert aller anderen königlichen Schmuckstücke entsprochen. Aber wer redet nur von Geld? Jenseits der materiellen Werte, die sich je nach Konjunktur wandeln, manifestiert sich die Stellung solcher Leitsteine in ihrem Symbolwert. Ottomeyer spricht von einer „singulären Bedeutung durch die Einwertung im symbolischen Sinn“; er meint damit auch den Umstand, dass sich mit dem Besitz der Steins der Anspruch auf die Krone im körperhaften wie im übertragenen Sinn materialisierte. Zumal es gerade im Deutschen Reich nur die Kaiserkrone gegeben habe, Fürsten hätten keine Kronen getragen.

Unerreichte Schlifftechnik der Inder

Auch sei die nun vernichtete indische Schlifftechnik der Inder unerreicht sanft gewesen, schwärmt Ottomeyer. Die Inder gingen sehr sorgsam mit den Steinen um, polierten sie mehr als sie abzuschleifen, achteten ihre Form. Davon kann bei Graffs Ansatz keine Rede mehr sein. Der hatte nach dem Kauf angekündigt, er werde dem Stein eine sehr viel modernere und schönere Form geben, weil man schließlich heutzutage über bessere Technik verfüge. Aber ob diese moderne Glitzerform mit den vielen Facetten es mit dem Altschliff aufnehmen kann, ist dann jenseits der enormen Karateinbußen mehr als eine Geschmacksfrage – die Mona Lisa würde man auch ungern ummalen lassen. Hans Ottomeyer deutet Graffs Schritt als ein kalkuliertes Marktmanöver – der Händler wolle das Marktfeld der farbigen Diamanten „insgesamt um ein Mehrfaches steigern.“ Aber damit sei der Blaue Wittelsbacher „endgültig im Feld des „capital investments angekommen“.

Ottomeyer selbst besitzt eine Nachbildung des Blauen Wittelsbachers. Gesehen, gar in Händen gehalten hat er den echten nie. Das ist allerdings eher der Normalfall, denn heute sind fast alle wichtigen Steine entweder im Ausland oder in Tresoren oder beides. Die wuchtigste Sammlung beherbergt die Smithsonian Institution in Washington, darunter der Hope-Diamant, auch er ein blauer Stein mit 45,52 Karat. In Deutschland hat Dresden im Grünen Gewölbe mit dem Dresdner Grünen Diamanten (41 Karat) den Hut auf.

Der Kaufhauskönig zog den Stein aus der Hosentasche

Bedeutungswandel oder die Semiotik der Steine: Ein Diamant ist unvergänglich, so will es die Werbung, und doch bedeutet er für jede Generation etwas anderes. Und bei weitem nicht alle, die ihn besaßen, haben begriffen, welches Stück sie da vorübergehend bewahren durften. Zuletzt hat ihn der Antwerpener Juwelenhändler Jozef Komkommer vor dem Schicksal eines neuen Schliffs bewahrt. Komkommer hatte 1961 erkannt, mit wem er es zu tun hatte. Drei Jahre später kam der Düsseldorfer Kaufhauskönig Helmut Horten und kaufte ihn als verspätete Morgengabe. Bei der nachgeholten Hochzeitsparty schenkte er ihn 1966 im südfranzösischen Cap d’Antibes seiner jungen Frau, einer Sekretärin aus Wien namens Heidi Jelinek – indem er ihn während der Gala einfach aus der Hosentasche zog. Auch damals war wohl keinem bewusst, um welche Pretiose es sich handelte – der neuen Frau Horten, die sich nun von ihm getrennt hat, schien er offenbar nicht blau genug, so dass sie sich jetzt von ihm trennte.

Dem Blauen Wittelsbacher ist es bei diesem Besitzerwechsel nicht gelungen, seine Form zu wahren, diesmal hat er es nicht geschafft, sich den Augen, der Geschichte, den Begehrlichkeiten zu entziehen. Seine Aura ist, wenn nicht zerstört, so doch dramatisch verändert. Nur einen Wimpernschlag seiner Lebenszeit hat er unter Menschen verbracht, die erkannten, dass er „für immer“ sei, sich aber nicht darum scherten. Deshalb kam es Lawrence Graff auch auf die Semiotik an, deshalb hat er den Diamanten nun offiziell in „Wittelsbach-Graff“ umbenannt. Ende Januar soll er in Washington im Smithsonian-Museum neben dem Star des Hauses, dem Hope-Diamanten, ausgestellt werden. Im Sommer dann geht er seiner nächsten, noch ungewissen Station entgegen. Vermutlich in der Dunkelheit eines Tresors. Aber zumindest das ist er ja gewöhnt.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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