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Der Bischof von Limburg : Hüllenlos

Wann muss der Bischof von Limburg den Hut nehmen? Mit großem Tremolo wird sein Rücktritt verlangt - selbst von Heribert Prantl, dem Chefredakteur der „Süddeutschen“, der sich im Fall Wulff noch gegen solchen medialen Hochmut wandte.

          Die Neigung, in unübersichtlichen Situationen aktionistisch zu handeln, den Knoten mit einem Schlag zu zerhauen, ohne umständlich zu gewichten – diese Ich-Schwäche nennt man in der Verhaltensökonomie action bias, eine typische Abweichung vom rationalen Handlungskalkül.

          Gegen die mediale action bias in Sachen Wulff, gegen das Tremolo der Rücktrittsforderungen, schrieb Heribert Prantl einst in der „Süddeutschen Zeitung“: „Mit ihrer Verbissenheit aber entzieht sich die Kritik ihre eigene Legitimität: Es ist nicht die Aufgabe der Medien, einen Rücktritt zu erzwingen. Ein Rücktritt ist nicht die den Medien zustehende Bestätigung und Belohnung für die Aufdeckung einer Affäre. Und das Ausbleiben des heftig geforderten Rücktritts ist nicht etwa ein Angriff auf die Pressefreiheit.“

          Nun ist die apodiktische Formulierung eines Kriteriums natürlich noch kein Maßstab für dessen Dauer. Je nach Stimmungslage ist ein Umdenken geboten. Am Sonntagabend setzte sich Prantl zu Günther Jauch in die Talkshow und forderte mit nachgerade pfingstlicher Gebärde den Rücktritt des Limburger Bischofs: „Ein solcher Mann kann nicht im Amt bleiben.“ Wobei der Mann ja tatsächlich nicht im Amt bleiben kann, wenn jeder sagt, er könne nicht im Amt bleiben. Dann fehlt es ihm nämlich an Akzeptanz, ganz unabhängig davon, wie eine sorgfältige Prüfung der umstrittenen Entscheidungsverläufe, die jetzt ansteht, ausfallen mag.

          Auch der Papst wirft Nebelkerzen

          Akzeptanz ist zuvörderst ein Stimmungsbegriff, weniger ein rechtlicher oder moralischer Normgehalt, wobei im Ernst kaum noch jemand mit dem Verbleib des Bischofs in Limburg rechnen dürfte. Die Stimmung, gegen die nicht regiert werden kann, nährt sich gleichermaßen von tatsächlichem Fehlverhalten und Suggestionen, von Garem und Halbgarem; beunruhigend wird es erst, wenn eine Phase erreicht ist, in der die Hüllen fallen, jeder alles behaupten darf und selbst physiognomische Mutmaßungen sowie Krankheitsbehauptungen als Argumente durchgehen.

          Unfreiwillig wirft, nebenbei gesagt, auch der Papst Nebelkerzen, wenn er Gesten inszeniert, die ihn nichts kosten, aber ohne die gebotene weitere Erklärung dem Missverständnis Vorschub leisten, die franziskanische Spiritualität sei die Richtschnur für alle Christen – nach dem Motto: Jesuslatschen und R 4 für jedermann! Das wäre dann eine Armut, die mit der Säkularität erkennbar auch den guten Geschmack verrät.

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