03.05.2009 · Die Erwartungen an den 1. Mai waren größer als sonst. Würden sich erste Anzeichen einer Revolution abzeichnen, wäre es anders, radikaler, politischer? Doch es war wie immer: eine unsägliche Hassparade und Verschwendung von Energie.
Von Johanna AdorjánDie Erwartungen an den 1. Mai waren dieses Jahr größer als sonst. Würden sich an diesem Tag, an dem traditionell die Arbeiterbewegung auf die Straße geht, um ihren Unmut über die bestehenden Verhältnisse kundzutun, erste Anzeichen einer Revolution abzeichnen, auf die ja momentan alle zu warten scheinen? Wäre es anders als sonst, radikaler, gewalttätiger, politischer?
Am frühen Vormittag ist in Berlin noch alles ruhig. Die S3 in Richtung Erkner ist bis zur Haltestelle Ostkreuz fast leer, dann steigt die linke Szene zu, viele sind dunkel gekleidet, viele tragen Sonnenbrillen, und zwar diese schmalen, die von ganz alleine aussehen wie schwarze Balken auf Verbrecherfotos. Ihr Ziel ist die Haltestelle Köpenick, wo die NPD an diesem sonnigen Vormittag eine Versammlung angekündigt hat. Zwei junge Männer unterhalten sich über die Vorfälle der vergangenen Walpurgisnacht. In der Boxhagener Straße in Berlin-Friedrichshain hätten ein paar betrunkene Punks Papier angezündet und später auch andere Sachen, sagt der eine. Aber viel hätten die Bullen dieses Jahr nicht zu tun gehabt. Er klingt enttäuscht. „Noch fünf Jahre, und der Kiez ist sturmfrei für den Kapitalismus.“
Langer Rückstau
An der Haltestelle Köpenick werden die Antifaschisten von sehr vielen Polizisten in Empfang genommen. Diese stehen in Gruppen auf dem Bahnsteig, sie scheinen sich den Farben ihrer Kleidung nach zusammengefunden zu haben, manche tragen Blau, andere Grün, wieder andere Schwarz, und alle sehen aus, als müssten sie sich gerade sehr konzentrieren. Ein paar junge Leute haben sich direkt vor der Treppe, die zum Ausgang führt, auf den Boden gesetzt, so dass ihre Mitdemonstranten nun einen langen Rückstau hinnehmen müssen, bevor sie vorsichtig an ihnen vorbeisteigen können.
Immer den ordentlich aufgereihten Polizisten nach, geht es dann unter der S-Bahn-Überführung hindurch zum Mittelpunkt der Versammlung, wo ein Wagen steht, in dem ein Mikrofon aufgebaut ist, in das hier in den nächsten Stunden nacheinander Aktivisten und Politiker ihre Meinung zum Thema Neonazis hineinsprechen. Sie alle eint, dass sie in Neonazis keine wie auch immer fehlgeleitete Menschen zu sehen scheinen, sondern einfach „braunen Dreck“, wie unter anderem Walter Momper sich ausdrückt, was die Unmöglichkeit, eine Lösung zu finden, sprachlich zementiert: denn Menschen lassen sich halt nicht wegputzen wie Dreck.
Familiäre Stimmung
Sehr unterschiedliche Leute haben sich immer gleich zu gleich zusammengestellt: ältere Menschen mit roten Nelken im Knopfloch, Punks mit aufgestellten Irokesenkämmen, junge Eltern mit schwer navigierbaren Kinderwagen, junge Leute mit politisch aktiven Brillen. Die Stimmung ist so familiär wie sympathisch: Deutsche gehen gegen Nazis auf die Straße, schade, dass es das nicht in den dreißiger Jahren schon gegeben hat.
Um die S-Bahn-Station herum ist die Lage deutlich ungemütlicher. Hier stehen die schwarz Gekleideten und scheinen auf irgendetwas zu warten, offiziell wohl auf die angekündigten Neonazis, aber irgendeine Reaktion der Polizei auf ihre ständigen „Bullenschweine!“-Rufe täte es wahrscheinlich auch. Die meisten hier sind vielleicht Anfang zwanzig, es sind deutlich mehr Männer als Frauen, viele trinken Bier. Begleitet von Trommeln rufen sie im Chor „Alerta, alerta, Antifascista!“ oder „Deutschland ist scheiße, wir sind die Beweise“, wobei aus ihrer Sicht doch eigentlich die Gegenseite dafür den Beweis erbringen müsste, aber gut, Selbsthass ist wohl lagerübergreifend.
Der Tag ist noch lang
Manchmal kommt kurz Schwung in die Situation, etwa als die Polizei die Sitzblockade an den S-Bahn-Gleisen auflöst, dann beruhigt sich wieder alles. Aber es ist ja auch erst 11 Uhr vormittags, der erste Mai ist noch lang. „Aber jetzt nicht den ganzen Tag hier in Köpenick verplempern“, sagt ein Mädchen zu einem anderen. „Nazis jagen kannst du das ganze Jahr. Wir haben heute Wichtigeres zu tun.“ Auf dem Ziffernblatt ihrer Uhr ist der Schriftzug der Zeitung „Die Zeit“ zu sehen, ein Abonnementgeschenk.
Zwei Stunden später, zurück in Berlin, Stadtmitte. Am Bebelplatz versammeln sich Menschen, die sich als Mitglieder des „Prekariats“ verstehen, womit all jene gemeint sind, die von ihren Arbeitgebern, so sie welche haben, ohne Sicherheiten, ohne sozialen Schutz angestellt sind. Auf Bettlaken oder Plakaten, die aussehen wie Sprechblasen, haben sie ihre Forderungen geschrieben. Vor allem sind sie gegen Dinge: gegen die europäische Grenzpolizei Frontex, gegen Einzelkämpfertum, gegen Kapitalismus . . . „Arbeit nervt!“ steht auf einem besonders häufig fotografierten Schild. Irgendwie sind sie auch gegen das Finanzministerium, an dessen Mauern sie, als ihr Protestzug in Richtung Kreuzberg daran vorbeiführt, Farbbeutel werfen. Wofür sie sind und vor allem wie das zu organisieren und von wem zu bezahlen wäre, bleibt unklar. Vielleicht aber auch nur der Akustik geschuldet, denn als eine Frau zu Beginn der Demonstration sehr laut in ein Mikrofon schreit, ist immer wieder nur das Wort „Kapitalismus“ zu verstehen, und einmal „wir verlangen“. Den Rest verweht der Wind über dem Bebelplatz, der weiß Gott auch schon viel hat mitmachen müssen in seiner Geschichte.
Von hier wird nichts ausgehen
Am frühen Abend dann: Kreuzberg. 18 Uhr, Kottbusser Tor: Das ist der Treffpunkt für die „Revolutionäre 1.-Mai-Demonstration“. Wenn an diesem Tag irgendwo Randale erwartet wird, dann hier. Wobei man natürlich sagen muss, dass Randale nichts mit Revolution zu tun hat und dass die aktuelle Wirtschaftskrise wohl auch nie zu einer Revolution führen wird. Eine Revolution bedarf immer einer Elite, die sie anführt, sonst bleibt es Randale - den Eliten aber geht es dafür nach wie vor zu gut. Also wird, das steht bereits vor Beginn der Kundgebung fest, an diesem Abend von hier nichts ausgehen, das mehr umstürzen wird als im ärgsten Fall ein paar Autos.
Um was geht es den Veranstaltern? Angeblich wird auch hier gegen den Kapitalismus demonstriert, der auf Plakaten mit Krieg und Krise gleichgesetzt wird. Es geht auch hier wieder gegen Neonazis - aber man kann sich des Eindrucks schwer erwehren, dass es in Wahrheit um etwas ganz anderes geht, jedenfalls sehr vielen, die hier mitlaufen: um den sich in Gewalt entladenden Abbau von Testosteron, das sich in vielen Teilnehmern gefährlich angestaut zu haben scheint. Als Ableiter haben sich die Demonstranten die Polizisten auserkoren, die wie in einem Theaterstück, dessen Ausgang jeder kennt, die Rolle spielen müssen, die ihnen zugedacht ist: Sie sind der Feind.
Immer wieder die „Scheißbullen“
Egal, was sie machen, es ist in den Augen der Demonstranten eine ungeheure Frechheit - und auch wenn sie gar nichts machen, ändert das nichts. „Lasst euch von den Bullenschweinen nicht provozieren!“, das ist so ziemlich das Erste, was ein Sprecher den Tausenden Menschen, die sich versammelt haben, über Lautsprecher zuruft, als der Demonstrationszug sich zum aufpeitschenden Anti-Globalisierungs-Rock von Asian Dub Foundation in Bewegung setzt. Kein Polizist hat bis dahin irgendjemanden provoziert, sie sind einfach nur da, junge Beamte, ältere Beamte, darunter viele Frauen, und halten sich im Hintergrund. Jedes Gespräch, das im Vorbeigehen aufzuschnappen ist, dreht sich um „die Bullen“, darum, wann's „losgeht“, dass die „Scheißbullen“ es noch abkriegen werden und so weiter.
Außer den Türken, die mit Softdrinks in der Hand mitlaufen, trinken so gut wie alle Bier. Es sind wieder viele mit diesen schmalen Sonnenbrillen da, viele mit schwarzen Käppis und Tüchern; aber auch Familien mit Kindern, Berlinale-Taschen-Trägerinnen und einige Hunde, die aufgeregt hechelnd ihre Besitzer hinter sich herziehen. Hinter dem Banner mit dem Antikapitalismus-Motto der Demonstration laufen junge Männer, die sich zunehmend stärker vermummen. Das könnte der berüchtigte Schwarze Block sein, aber Verbündete von ihnen laufen eigentlich überall. Wie Chaoten wirken sie gar nicht, eher im Gegenteil hochkonzentriert: vor allem Männer, aber auch junge Frauen, ganz in Schwarz, mit ernsten Gesichtern, schon nach kurzer Zeit haben sich viele Skimützen übers Gesicht gezogen, die nur Sehschlitze freilassen, andere knoten sich Palästinenserschals ums Gesicht, die sie dann aber immer wieder nachbinden müssen, weil Palästinenserschals offenbar schlecht auf der Nase halten.
Irgendwann knallt etwas
Über Lautsprecher immer wieder Parolen wie „Wir lassen uns von der Polizei nicht auseinanderprügeln“. Nirgends prügelt Polizei. Nichts ist passiert. So wird eine Atmosphäre der Gewaltbereitschaft kreiert, die Gegenseite ohne aktives Zutun zum bösen Aggressor stilisiert und die Menge nach und nach vorbereitet auf das große Gefecht. Subjektiv geschätzt sind zwanzig Prozent der Leute hier, um sich mit der Polizei anzulegen, siebzig Prozent, um sich das anzusehen, und vielleicht zehn, weil sie sonst nichts vorhatten und ohnehin in Kreuzberg wohnen.
Irgendwann knallt etwas. Alle laufen zurück, ein kurzer Moment der Panik, jemand ruft „Wasserwerfer“, es passiert aber nichts. Auf Englisch als Nächstes die Durchsage, wo man anrufen soll, falls man arrested werde. Diese Leute sind wirklich gut organisiert, es ist unabwendbar, dass es heute noch knallt, so professionell, wie hier Hass geschürt wird. Die Polizisten, die Ketten bildend neben und hinter dem Zug herlaufen, tun einem wirklich leid, weil sie hier physisch und psychisch als Stellvertreter herhalten müssen für - ja, was eigentlich? Das System? Die Neonazis, die sie bisweilen schützen müssen? Den Staat? Es ist alles sehr diffus und gleichzeitig extrem aufgeheizt. „BRD - Bullenstaat / wir haben dich zum Kotzen satt“ ist die neueste Parole. Kein Humor, nirgends.
Ein Mann, der kaum noch gerade laufen, aber noch laut lallen kann, ruft: „Wir wollen ein totes Bullenschwein!“ Und so geht es immer weiter, bis die Veranstalter die Demonstration gegen 21 Uhr auflösen, auf den Weg gibt es noch „Fight for Your Right to Party“ von den Beastie Boys, und wenige Augenblicke später reißen die ersten Vermummten den Asphalt auf und zerschmettern die Steinplatten auf dem Boden, um so an Wurfmaterial zu kommen, das auf die Polizisten niedergehen wird. Flaschen fliegen da schon lange. Wenn Kapitalismus Krise und Krieg sein soll, dann ist diese unsägliche Hassparade hier das Neoliberalste, das man sich vorstellen kann: Alles erlaubt, keine Grenzen. Was für eine unfassbare Verschwendung von Energie.
Und wenn´s auch die "richtige" Revolution wäre...
Gabor von Zoltan (Putinras)
- 02.05.2009, 23:20 Uhr
Es war nichts von riot zu spueren
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 02.05.2009, 23:25 Uhr
Es geht ihnen noch viel zu gut...
thomas ackermann (chefmixer)
- 03.05.2009, 04:43 Uhr
Was soll die Hetzerei der FAZ ?
heinz peter (pitiplatsch)
- 03.05.2009, 08:53 Uhr
Grandioser Artikel
Frank Lorenz (FrankLorenz)
- 03.05.2009, 11:51 Uhr
Johanna Adorján Jahrgang 1971, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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