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Demonstranten in Istanbul : Vierundzwanzig Stunden Willkür

Nicht die üblichen Verdächtigen: Harun und Hayalet (Namen von der Redaktion geändert) nach ihrer Freilassung durch die Polizei Bild: Sedat Mehder

Geschlagen,getreten und gedemütigt: Zwei junge Männer aus Istanbul erzählen, was sie einen ganzen Tag lang im türkischen Polizeigewahrsam erlebt haben. Eine Begegnung.

          Die Adresse liegt in Beyoglu. Ein Gespräch bei sich zu Hause haben die beiden Männer abgelehnt, ebenso ein Treffen in einem Café. Auch ihre richtigen Namen wollen sie nicht nennen. Sie haben zu viel Angst vor der Polizei. Wir treffen uns deshalb in der Wohnung eines Bekannten, und dort überlegen die beiden Männer nun, unter welchen Namen sie in der Zeitung zitiert werden wollen. Die Entscheidung fällt auf Harun und Hayalet. So heißen zwei Fernsehkommissare aus Ankara aus dem Team von „Behzat Ç.“. Im Fernsehen sind Harun und Hayalet rauhbeinige Kerle.

          Früher haben sie Heavy Metal gehört

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Freunde Harun und Hayalet, die mit müden Augen auf dem Sofa sitzen, sind das nicht. Sie wirken eher wie zwei Typen, die gern zusammen lustige Zeichentrickfilme schauen, dabei Unmengen von Chips essen und sich zwischendurch eine Tüte bauen. Harun ist 37 Jahre alt, klein und schmal, trägt Jeans und T-Shirt. Er arbeitet als Lehrer in einer Schule für behinderte Kinder. Hayalet ist 33, groß und breit, er trägt eine karierte, knielange Stoffhose und führt ein eigenes Geschäft. Beide haben lange Haare, die im Nacken von einem Gummi zusammengehalten werden. Sicherlich haben sie in jüngeren Jahren mal Heavy Metal gehört.

          Die beiden sind beste Freunde, lernten sich in einer Zeit kennen, „als wir noch Pickel hatten“, wie Harun sagt. Seit dem vergangenen Wochenende ist ihre Freundschaft um eine Erfahrung reicher. Gemeinsam mussten sie erleben, was passieren kann, wenn man in die Hände türkischer Polizisten gerät.

          Harun fängt an zu erzählen. Seine Zeitrechnung beginnt am 30.Mai, mit der Stürmung des Gezi-Parks, danach springt er hin und her zwischen den Ereignissen, als sei er im Kopf noch immer auf der Flucht vor der Polizei. Es fügt sich in das Bild zweier Männer, die in den vergangenen Wochen Erfahrungen gemacht haben, die alles, was sie bisher waren und einmal sein wollten, zutiefst erschüttert haben. Sie erlebten Dinge, die sie prägen werden - gute und schlechte -, und noch ist offen, in welche Richtung die Veränderung gehen wird.

          Es war kunterbunt, sagt Harun, wie ein Regenbogen

          So wie viele andere rutschten die beiden Freunde rein in die Revolte gegen Erdogan, aufgeschreckt durch die Ausschreitungen der Polizei. Sie bauten sich ein Lager unter einem Baum im Gezi-Park, und so wie Harun jetzt davon erzählt, klingt es, als seien die Tage und Nächte dort die glücklichsten ihres Lebens gewesen. Harun sagt: „Es war kunterbunt. Ein Regenbogen.“ Zum ersten Mal hätten sie erlebt, dass in der Türkei nicht alles gegeneinander gehe, sagt Harun. Hayalet sagt nur selten etwas. Er wirkt in sich gekehrt, wie tief verletzt in seinem Innern.

          Was die beiden Freunde im Gezi-Park fanden, wollten sie verteidigen. Und so standen sie, nachdem die Polizei ihn abermals gestürmt hatte, an Straßensperren, wickelten Tränengasgranaten in feuchte Handtücher, um sie unschädlich zu machen, schrien Parolen, rannten auf die Polizisten zu und vor ihnen wieder weg. Steine geschmissen hätten sie nicht, sagen sie, und wenn man sieht, wie die beiden Freunde nebeneinander auf dem Sofa sitzen, glaubt man ihnen das.

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