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Sonntag, 12. Februar 2012
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Demographie Die Arbeitszeitbombe

02.05.2006 ·  Die demographische Krise, so eine aktuelle Studie, beginnt nicht erst, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, sondern schon sehr bald. Denn auch, wer die Älteren stillegt, legt eine Gesellschaft lahm.

Von Jürgen Kaube
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Immer mehr Rentner, wird gesagt, stehen in Zukunft immer weniger Beitragszahlern der Sozialversicherungen gegenüber. Obzwar nicht falsch, legt diese Formulierung doch ein schiefes Bild der kommenden sozialen Umbrüche nahe. Denn zum einen führt die Wendung „in Zukunft“ zur norbertblümhaften Illusion, noch sei Zeit, sich liebgewonnener Zustände zu erfreuen oder, in der angelamerkelhaften Variante, sich ihrer allenfalls ganz langsam zu entwöhnen. Zum anderen suggeriert die Formulierung, daß wir es in erster Linie mit unlösbaren, weil demographischen Problemen zu tun haben.

Demographische Probleme werden hierzulande nämlich gern durch Individualisierung weggeschoben. Wem läßt sich schon ein bestimmter Lebenslauf und -stil ausreden, in dem dann eben aus vielen Gründen keine eigenen Kinder vorgesehen sein mögen? Oder man behandelt die demographischen Befunde umgekehrt, als signalisierten sie naturwüchsige Verläufe in einem Kollektiv, an denen sich nichts ändern läßt.

Man müßte etwas tun

Beide Formen, die Zukunft für ein Schicksal zu halten, die individualistische der freien Einzelentscheidung wie die kollektivistische der Schrumpfungsdynamik, führen leicht zur selben achselzuckenden Haltung. Man müßte etwas tun, aber man kann ja leider nicht.

Tatsächlich aber haben wir es mit Fragen zu tun, in denen die Handlungsspielräume größer als angenommen sind. Das Rostocker Max-Planck-Institut für demographische Forschung hat in diesem Sinne einen Index entwickelt, der die gesamtwirtschaftlichen Folgen des Bevölkerungswandels mißt. Wirtschaft - daran kann man, allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz, etwas ändern, daran kann unter anderem die Wirtschaft selber etwas ändern.

Erzwungenes Nichtarbeiten

Der Zeitdruck allerdings ist ebenfalls größer als angenommen. Die üblichen Messungen der ökonomischen Effekte kollektiven Alterns rechneten bislang mit den größten Problemen von 2030 an, wenn die geburtenstarken Jahrgänge den Ruhestand erreichen. Das jedoch berücksichtigt nicht, daß es Ältere auf dem deutschen Arbeitsmarkt besonders schwer haben, ja regelrecht diskriminiert werden. Im internationalen Vergleich sind Deutsche im Alter von mehr als fünfzig Jahre deutlich häufiger arbeitslos oder frühverrentet als in anderen Industrieländern. Rentner, die arbeiten wollen, sind teils absurden Restriktionen unterworfen, und viele Banken verweigern Älteren Kredite für Existenzgründungen. In diese Arbeitswelt des erzwungenen Nichtarbeitens wächst die Babyboomergeneration hinein. Bleibt alles beim alten, schrumpft die durchschnittliche Wochenarbeitszeit, die Basis der Finanzierung von Gesundheits- und Altersrisiken, stark.

Die Gesamtarbeitszeit geht in einem Wirtschaftsraum nicht erst deutlich zurück, wenn geburtenstarke Jahrgänge (etwa die zwischen 1953 und 1963) das Renteneintrittsalter erreichen, sondern schon früher. So kommen die mehr als Sechzigjährigen - siehe Grafik - im Durchschnitt jetzt schon auf weniger Wochenarbeitsstunden als die Fünfzehn- bis Neunzehnjährigen. Da die Sozialversicherungsbeiträge aber, wenn alles so bleibt, an den Lohneinkommen hängen, schwinden damit auch die Verteilungsspielräume vorzeitig. Das Rostocker Institut hat ausgerechnet, daß die deutsche Bevölkerung im Durchschnitt pro Kopf und pro Woche gegenwärtig 16,5 Stunden arbeitet. Vor zwanzig Jahren waren es siebzehn Stunden. In zwanzig Jahren werden es, wenn alles so bleibt, nur fünfzehn Stunden sein - gesamtgesellschaftlich eine gewaltige Differenz.

Die Arbeitszeit schrumpft schon jetzt

Wenn alles so bleibt. In die Rechnung geht nämlich eine Reihe von Gewohnheiten ein, die geändert werden könnten. Die Länge der Ausbildungszeiten, die geringe Erwerbsbeteiligung von Frauen und die Praxis der Frühverrentung gehören dazu, aber auch die personalwirtschaftlichen Kriterien von Firmen, die Produktivität an „Flexibilität“ erkennen wollen und diese als Eigenschaft einer Jugend auffassen, die von derselben Wirtschaft derzeit indes nur noch zu Praktikumsbedingungen eingestellt wird.

Daß die Deutschen schon heute weniger Stunden arbeiten als noch vor zwanzig Jahren, geht nicht auf die demographische Entwicklung zurück. Immerhin stehen ja heute die sogenannten Babyboomer ganz im Erwerbsleben und haben, aufgrund ihrer Zurückhaltung beim Familiengründen, auch für weniger Kinder zu sorgen als frühere Generationen. Vielmehr sind es Wirtschaftsflaute, Altendiskriminierung und Frühverrentung, wegen denen die Einnahmen der Sozialkassen schwinden.

Eine Andersverteilung der Arbeit tut not

Geht es den Babyboomern nicht anders, werden 2025 fast neun Prozent weniger Stunden gearbeitet als heute. In den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Dänemark liegt dieser Rückgang zwischen vier und sechs Prozent, in den Niederlanden sowie Italien bei zehn. Ein Fünfundvierzigjähriger arbeitet in Deutschland schon heute durchschnittlich dreißig Stunden pro Woche, ein Sechzigjähriger hingegen nur noch acht. Und das, obwohl die physischen Belastungen der Erwerbsarbeit zurückgegangen sind und der Gesundheitszustand der Sechzigjährigen heute im Durchschnitt dem von weit Jüngeren vergangener Tage entspricht. Soviel zur Frage, gegen welches Risiko die Rentenversicherung eigentlich absichert. Die komplementären Redensarten der Industrie, ältere Arbeitnehmer könnten mit dem rasenden Wandel der Wissensgesellschaft nicht mehr Schritt halten, stammen im allgemeinen von Leuten, die älter als fünfzig sind, und sollten entsprechend eingeschätzt werden.

Aus alldem folgt, daß eine andere Verteilung von Arbeit zwischen den Generationen für deutliche Entlastungen der Sozialversicherungen sorgen könnte. Gelänge es bis 2025, so eine Modellrechnung der Forscher, daß die Fünfzig- bis Sechzigjährigen wöchentlich so lange arbeiten wie alle Jahrgänge, die aus der Ausbildung heraus sind, und die Sechzig- bis Fünfundsechzigjährigen im Durchschnitt zwanzig Stunden - dann bliebe die Gesamtarbeitsleistung der Volkswirtschaft konstant.

Was in den Rostocker Zahlen dabei noch gar nicht berücksichtigt ist, sind die unterschiedlichen Qualifikationen der Jahrgänge, wie sie sich spätestens 2025 darstellen werden, wenn die heute Geborenen die Universität verlassen haben werden oder die Eingeschulten von 2006 auf den Arbeitsmarkt kommen. Denn wenn alles so bleibt, dann wird auch eine Erhebung der Verteilung von Schulabschlüssen oder Deutschkenntnissen über die Generationen hinweg aufschlußreich werden. Oder ein Vergleich der unterschiedlichen Beteiligung von Jahrgängen an der Schattenwirtschaft. Wir werden noch erleben, daß die Argumente, die man heute gegen ältere Arbeitnehmer verwendet, sich zu ihren Gunsten wandeln.

Quelle: F.A.Z., 03.05.2006, Nr. 102 / Seite 39
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