07.03.2005 · Januar 1979, Bonn, Kanzleramt: Eine düstere demographische Zukunftsprognose wird zurückgewiesen. Es ist der Tag, an dem in einem modernen Land des Westens mindestens zwei Generationen ruiniert werden.
Von Frank SchirrmacherWir erleben einen Deutschland-Thriller und die Schriftsteller schweigen. Wo bleiben die Krimiautoren? Wo bleibt der Crichton, der Frank Schätzing, der darüber schreibt, wie in einem modernen Land des Westens mindestens zwei Generationen ruiniert wurden?
Mag sein, daß sich die Meere und Tiere einst gegen uns verschwören, wie Schätzing schreibt, oder das Eis einst die Erde beherrscht, wie in den jüngsten Hollywood-Produktionen. Naheliegender wäre es, einmal darüber zu reden, was mit uns, den Bürgern der einst fast bedeutendsten Volkswirtschaft der Erde, geschehen ist und geschehen wird. Denn ein Thriller ist so aufgebaut, daß ein Verhängnis seinen Lauf nimmt, wenn noch niemand etwas ahnt, und daß die ersten Ahnungen zerstreut werden von denen, die es besser wissen müßten, bis dann für alle alles zu spät ist.
Kinder unerwünscht
Im Januar 1979 veröffentlichte Joachim Nawrocki in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein zweiteiliges Dossier. Der erste Teil trug den Titel „Kinder unerwünscht“, der zweite hieß „Die Angst der Eltern vor dem Säugling“. Wer dieses Dossier heute liest erkennt, daß Nawrocki vor einem Vierteljahrhundert bei ganz wenigen Prognosefehlern exakt vorhersagt, was wir heute erleben. Nicht nur das: Alles was Nawrocki über die Probleme von Berufstätigkeit, Müttern, Familien und Kindern schreibt, liest sich, als sei es heute formuliert.
Seine Hauptthese: Die Folgen des Geburtenrückgangs seien irreversibel, unmittelbares Handeln für die Zukunft unabdingbar. Nawrocki wies auf die Halbierung der Kinderzahlen, die Überalterung und das Integrationsproblem mit Ausländern hin, die „infolge von Sprachschwierigkeiten zu zwei Dritteln keinen Schulabschluß schaffen, und deshalb die Arbeitslosen von morgen sind“ (1979). Das Dossier wurde mit einem Foto aufgemacht, auf dem ein stolzer Vater seinen Säugling in die Kamera hält. Bildunterschrift: „Seht her, mein Sohn, der Einzige! Er wird einmal in einer Republik mit mehr Rentnern als Kindern arbeiten - Vater hat es so gewollt“.
Alle Probleme beim Namen genannt
Nawrockis These vom „Raum ohne Volk“ nennt alle Probleme beim Namen, die fünfundzwanzig Jahre später eingetreten sind. Und warum sind sie es? Las denn niemand die „Zeit“? Im Gegenteil, gerade dieses Dossier wurde sehr genau gelesen. Einen Monat später meldeten sich zwei Mitarbeiter des Bundeskanzleramts mit einem Gegen-Artikel zu Wort. Dessen Überschrift ist schon das erste Kapitel des Deutschland-Thrillers: „Babys - der Rente wegen? Die bevölkerungspolitische Diskussion wird falsch geführt“.
Verfasser waren Wolf-Rainer Leenen und Albrecht Müller, Vordenker im megarationalen Amt des Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Müller gibt es noch heute. Er macht gerade durch ein Buch mit dem Titel „Die Reform-Lüge“ von sich reden. Im Deutschland-Thriller würde er die Rolle des klugen Betonkopfes spielen, eine Art Sozialbreschnew der alten Bundesrepublik.
Kein Deutschland-Thriller ohne Hitler
Wie entkräften die beiden Autoren das angebliche Horroszenario eines Landes, in dem zuwenig Kinder zuviel Ältere finanzieren müssen? Antwort: Kein Deutschland-Thriller ohne Hitler. Nawrocki, so die Vordenker des Bundeskanzlers, bewege sich in völkisch-kollektivistischen Vorstellungswelten, er sei archaisch in seinen Ängsten: „Das Gespenst vom sterbenden Volk appelliert an archaische Ängste und vorzivilisatorische Vorstellungen“.
Wer sich mit der Bevölkerungsentwicklung der Deutschen befasse, so Nawrocki in seiner entgeisterten Replik, werde zum „Neandertal-Nazi“ gemacht. Ob Volk ohne Raum oder Raum ohne Volk - es geht aufs gleiche. Dabei bestreiten die Autoren gar nicht, daß die Zahlen „rechnerisch“ stimmen. Sie würden aber beispielsweise durch die Kinder der Ausländer kompensiert (was, wie wir heute wissen, schon damals absurd war). Es gebe in Deutschland vier Millionen Ausländer, „deren Kinder sich zu einem beachtlichen Teil hier heute schon heimisch fühlen“. Das zu übersehen sei „ein grandioses Zeichen nationalistischer Engstirnigkeit“.
Die Träume der Ruinierer
Und schon sind wir beim dritten Kapitel. Nennen wir es „Utopia“. Die Ruinierer sind ja nicht böse Menschen. Sie haben ja ihre eigenen Träume. Und wie lauten die 1979 mit Blick auf den Geburtenrückgang und die Alterung der Gesellschaft? „Die alltägliche Erfahrung überfüllter Straßen und Verkehrsmittel steht in merkwürdigem Kontrast zu den Schreckensvisionen von den entleerten deutschen Landen und verödeten Städten. Wo in Deutschland finden sich heute noch weitläufige Naturgebiete? Wie reimt sich die neuerliche Sorge um die Entleerung mit der breiten Diskussion um die Überlastung und Plünderung unseres Planeten. Kann man den Ländern der Dritten Welt noch glaubwürdig zu Geburtenkontrollen raten, wenn man im eigenen Lande einer pronatalen Politik das Wort redet?“
Ab jetzt gibt es verschiedene Handlungsstränge in unserem Thriller, und da wir selbst als damals schon lebende und heute noch lebende Bürger in die Handlung hineingehören, können wir nicht jeden Faden verfolgen. Nur soviel: Bis zum Jahr 2005 erwarten die Verfasser des Jahres 1979 sogar Entlastungen bei der Altersvorsorge und für die Zeit bis 2030 Einkommen, „das auch bei steigenden Abgaben für die Rentenversicherung erheblich über heutigem Niveau liegen dürfte“.
Die Rechtfertigung eines Kindes
Jenseits der Spannung, die ein solcher Thriller bieten könnte, bietet er Aufklärung: Wer in der Bundesrepublik 1979 ein Kind rechtfertigen (!) wollte, mußte erst Hitler, dann die Überbevölkerung, die Umweltverschmutzung, die Zersiedlung, die Abwasserwirtschaft und die Ausländerfeindlichkeit überwinden. Und wie bei jedem Thriller liegt der Umschlagspunkt dort, wo es zu spät ist, die Katastrophe oder das Unglück aufzuhalten.
Und damit kommen wir Heutigen endgültig ins Spiel. Unsere Geschichte ist noch nicht auserzählt, weshalb wir das Ende nicht kennen. Aber wir wissen, daß die Kinder, die 1979 nicht geboren worden sind, weil man - so steht es auch in Günter Grass' „Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus“ (1980) - „in diese Welt keine Kinder reinsetzen kann“, uns jetzt das Weiterleben in unserer alten sozialen Welt unmöglich machen.
Ein Satz, den man sich merken muß
„Mit über vierzig Jahren ist es zu spät“ hat Meinhard Miegel am Wochenende im Zusammenhang mit der neuesten Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge formuliert. Den Satz, der sich auf die private Altersvorsorge bezieht, muß man sich merken. Er wird bundesdeutsches Lebensmotto. Und zwar, weil mittlerweile das ganze Land im Durchschnitt vierzig Jahre alt ist. Wenn für die Mehrheit einer Demokratie etwas „zu spät“ oder verloren ist und diese Mehrheit das Unausweichliche der Verspätung auch begreift, dann wird, wie es nach Kriegen oder großen Katastrophen zu geschehen pflegt, die individuelle Biographie von unzähligen Menschen dramatisch politisiert.
In dieser Lage befinden wir uns bereits. Daß im Augenblick über Kinder plötzlich wieder biographisch geredet wird, liegt daran, daß der typische Deutsche heute älter als vierzig ist. Die Frauen des Geburtsjahrgangs 1964 - des letzten der Baby-Boomer -, die bisher keine Kinder bekamen, werden aller Wahrscheinlichkeit nach auch keine mehr bekommen. Was einst als privatester aller privaten Entschlüsse galt, entwickelt sich jetzt vor den fassungslosen Augen der Beteiligten zu einem Politikum.
Die besten Ahnen aller Zeiten
Welche Anklagen, welche Sanktionen warten auf die Kinderlosen? Eine Generation, die sich mit Friedfertigkeit, Mülltrennung und Dosenpfand zu den besten Ahnen aller Zeiten machen wollte, spürt bereits daß sie in den nächsten Jahren aus ganz anderen Gründen verdammt und im Alter zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Dem biologischen und demographischen Zu-Spät entspricht der finanzielle Bankrott: Wer unter den heuten lebenden Deutschen mit vierzig Jahren noch nichts für seine Rente getan hat - vulgo: wer in den letzten zwanzig Jahren den Versprechungen des Staates glaubte -, holt nicht mehr auf.
„Mit über vierzig Jahren ist es zu spät“ - Miegel formuliert den Satz völlig emotionslos: „So müssen Versicherte, die 2035 mit 62 Jahren in Rente gehen wollen, ab sofort reichlich 6 Prozent ihres Bruttoeinkommens auf die hohe Kante legen, um so versorgt zu sein wie ein Rentner heute. Warten sie mit ihrer Vermögensbildung, bis sie Mitte 40 sind, müssen sie bereits rund 15 Prozent sparen. Wer noch länger wartet, schafft realistischerweise den Ausgleich nicht mehr. Ein 57jähriger müßte beispielsweise mehr als die Hälfte seines Bruttoeinkommens für Zwecke der Alterssicherung zurücklegen, um mit 62 Jahren das zu haben, was ein 62jähriger Rentner heute von der gesetzlichen Rentenversicherung erhält. Künftige Rentner, die eine Altersversorgung anstreben, die über dem heutigen Rentenniveau liegt, müssen sogar noch mehr als die genannten Prozentsätze sparen. Wer noch keine 30 Jahre alt ist, sollte sich darauf einstellen, für die Dauer seines Erwerbslebens etwa 10 Prozent seines Bruttoeinkommens für Zwecke der Alterssicherung abzweigen zu müssen. Bei Älteren ist der Anteil noch höher.“
Verlorene Generationen
Die deutsche Geschichte verzeichnet immer wieder lost generations, verlorene Generationen, und fast immer waren junge Leute damit gemeint. Seit Gertrude Stein die Formulierung auf Ernest Hemingway anwendete, steckt Pathos darin, eine Mischung aus James Dean und Hormonen. Die Gnade solcher Selbststilisierung, die bei allem Verlust und Zu-Spät wenigstens noch einen attraktive Lebensrolle bereitstellt, wird den Geburtsjahrgängen 1960 bis 1980 nicht zuteil werden.
Sie werden von allen Seiten bedrängt werden: als die, die daran schuld sind, daß zu wenig Kinder geboren wurden, als die, die den Jüngeren die Arbeitsplätze wegnehmen, als die, die zu lange leben und so weiter. Wenn Miegels Prognosen stimmen - und alles spricht dafür -, werden in zwanzig Jahren vier Millionen über Sechzigjährige noch arbeiten wollen und müssen (heute ist es eine Million), aber womöglich nicht mehr arbeiten können und dürfen.
Verantwortungslose Politiker
Die Vorstellung, daß der Renteneintritt als eine andere Form von Arbeitslosigkeit verstanden werden könnte, hat sich bei den Babyboomern noch nicht herumgesprochen. Müller und Leenen sind nur Beispiele verantwortungsloser Politiker; in diesem Fall Vordenker eines Kanzleramts, das sich Poppers Sozialingenieurwesen zur Staatsphilosophie gemacht hatte.
Einmal schreiben sie: „Die Energie- und Wasserversorgung wird erleichtert, Verkehrsprobleme werden tendenziell entschärft, für eine wachsende Freizeit bleibt mehr Raum“. Das wäre das letzte Kapitel. Eine Gesellschaft des Jahres 2005, eine Gesellschaft des „Zu Spät“, die nichts mehr korrigieren kann, keine Kinder und kein Geld mehr hat, stößt in der nun endlich wachsenden Freizeit auf die Schriften der Herren Leenen und Müller. Wie bei jedem Thriller verraten wir unser Ende nicht.