Wohin man den Blick auch wendet, überall Rosen: an Girlanden, die sich um Gardinenstangen winden, auf Lampenschirmen, Kissenbezügen. Wer das Frankfurter Julie-Roger-Haus betritt, begibt sich auf die Zeitreise in eine romantisierte Welt der zwanziger und dreißiger Jahre. Durch das gepflegt möblierte Foyer klingen alte sehnsuchtsvolle Chansons, Kronleuchter spenden dezentes Licht. Gleich könnte Marlene Dietrich im schwarzen Kleid den Raum betreten, sich, lasziv die Zigarette zwischen den Fingerspitzen, ans Klavier stellen und singen. Die Standuhr neben dem Piano zeigt seit Jahren zwölf Uhr. Die Mitglieder der Demenzgruppe stört das nicht. Für sie hat Zeit keine Bedeutung mehr. Dafür aber die Erinnerung. „Die Generation, die bei uns wohnt, kann mit der Moderne nichts anfangen“, erklärt Marlis Kohlbaum, die das sogenannte „Boehm-Konzept“ verwirklicht. Es arbeitet psychobiographisch, will den Bewohnern über eine vertraute Umgebung Sicherheit geben.
“Erinnerungen“, heißt es bei Jean Paul, „sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ Wie hätte er ahnen sollen, dass ihn eine Krankheit, die uns im 21. Jahrhundert vor immer größere Probleme stellt, Lügen straft? Die Lebenserwartung hierzulande nimmt stetig zu. Der Geist hält nicht Schritt mit den Körpern - mit den steigenden Lebensjahren schwindet die Erinnerung rapide. Demenz wird zum Alltag in Seniorenheimen, demenzgerechtes Bauen wird zur Hauptaufgabe für Betreuer und Architekten in diesem Bereich.
Orientierung mit der Lieblingsoper
Entscheidend für die Erinnerung sind die ersten fünfundzwanzig Lebensjahre, die sogenannte Prägungszeit, deren Erfahrungen bei Demenzkranken immer wieder aufsteigen. Marlis Kohlbaum erzählt von Bewohnern, die Panik vor Duschen haben. Sie sind während des Nationalsozialismus aufgewachsen, assoziieren Gaskammern, von denen damals selbst Menschen auf abgelegenen Dörfern vom Hörensagen wussten. Andere wehren sich, Medikamente zu schlucken - im „Dritten Reich“ verschwanden kranke Menschen.
Die Zimmer im Julie-Roger-Heim sind mit Möbeln der „Prägungszeit“ eingerichtet. „So haben wir viel weniger Wegläufer. Die Bewohner können sich besser orientieren, sind ruhiger und weniger aggressiv“, vergleicht Marlis Kohlbaum das Heute mit den Zeiten, als das Heim noch einem Krankenhaus ähnelte. Sie erzählt von Miss Miller, einer Demenzkranken aus den Vereinigten Staaten. Als sie in das Heim kam, suchten Pfleger in ihrem Leben nach ihrem Orientierungssinn. Schließlich fanden sich zwei amerikanische Freundinnen, die Auskunft gaben. Nun ziert ein Plakat der Oper „Madame Butterfly“ die Tür der Seniorin. „Miss Miller findet ihren Raum seither selbständig“, erklärt die Projektleiterin. „Es war ihre Lieblingsoper.“
Fragt man Marlis Kohlbaum, was verbesserungswürdig ist, nennt sie die Flure. Sie seien zu lang und hätten kein Tageslicht. Ein Manko der meisten Pflegeheime, die im Krankenhausstil entstanden. In München-Pasing hat der Stuttgarter Innenarchitekt Rudolf Schricker eine Demenzstation umgestaltet. Aus einem „typisch elenden Raum, der jeglichen Charme vermissen ließ“, wurde eine moderne durchdachte Wohngruppe. Der Professor der Universität Coburg nennt drei Zentralpunkte: Beleuchtungssysteme, Klangdesign und Farbtherapie. In München gibt es keine Dämmerflure, keine finsteren Ecken. Zumindest nicht bei gutem Wetter. Die Beleuchtungsanlage ist tageslichtabhängig - ist es draußen regnerisch und grau, wird das Innenlicht heruntergefahren, helle Witterung erhöht die Lux-Zahl. Licht vermittelt Dementen den Tagesablauf weit besser als ein Ziffernblatt. Morgens strahlt bläuliches Licht durchs Haus. Es macht die Bewohner wach und aktiv; neigt sich der Tag, wird der Rotanteil gesteigert, die Lux-Zahl verringert, so dass sie den Abend fühlen und müde werden. Auch wenn die Dementen zufriedener sind, wie der Architekt sagt - sie werden sanft, aber doch manipuliert. Deshalb gibt es diese Lampen nur in den Gemeinschaftsräumen, nicht in Privatzimmern.
Sie hat leidenschaftlich geweint
Licht kann auch den Orientierungssinn fördern: Zum Herz der Station hin, dem Gemeinschaftsraum, werden die Flure heller, in Richtung der Ausgänge dunkler. Licht, sagt Rudolf Schricker, zieht Menschen an, dunkle Ecken werden gemieden. So lenkt man die Dementen dorthin, wo Leben und Gemeinschaft sind. „Das kognitive Denkvermögen bei Demenzkranken nimmt immer mehr ab, das Bedürfnis nach Emotionalität und Vertrautheit umso mehr zu.“
Rudolf Schricker nennt Sinne den Schlüssel zur Vergangenheit. Im Zimmer eines ehemaligen Schreiners zum Beispiel erzeuge man zeitweise die Geräusche von Sägen, den Mittagsschlaf einer Naturfreundin untermale Windrauschen und Vogelzwitschern. Nicht selten kehrt damit die Erinnerung zurück, und die Betroffenen erzählen freudig vom einstigen Leben: Klangdesign ließ eine Bewohnerin an ihren ersten Freund denken, die Gefühle von damals noch einmal spüren. „Wir haben ihr ,Lili Marleen’ vorgespielt“, erzählt der Innenarchitekt. „Dieser Impuls hat gereicht, um sie aus ihrer Apathie zu holen. Sie hat leidenschaftlich geweint und den Pflegern von ihrer ersten Liebe erzählt.“ „So woll’n wir uns da wiedersehn. Bei der Laterne wollen wir steh’n. Wie einst ,Lili Marleen.“
So wichtig wie Klang ist Farbe. Sie sollte, weiß Schricker, auf jeden Bewohner abgestimmt werden: „Selbst wenn empirisch belegt ist, dass Lilablau eine beruhigende Wirkung hat, kann man Patienten verletzen, weil man nie weiß, was die Farbe im Leben der Betroffenen bedeutet hat.“ Deshalb werden die Räume der Bewohner nicht gestrichen, sondern mit LED-Technik angestrahlt, je nach Mensch und Stimmung. Sogar Blümchenmuster werden an die Wand projiziert, wenn Pfleger durch biographische Arbeit mit den Bewohnern oder deren Angehörigen wissen, dass dies die Betroffenen beruhigt.
In München hat man Medikationen inzwischen um dreißig bis vierzig Prozent reduzieren können. Zudem seien die Pfleger deutlich seltener krank: „Das Personal wird weniger bespuckt und geschlagen, weil ausgeglichene Patienten kaum aggressiv-auffällig sind.“
Ein familiäres Leben im Kreis
Der Berliner Architekt Eckhard Feddersen entwickelt keine Therapieformen, sondern ein architektonisches Grundkonzept auf anthropologischer Basis. Der Mensch, erklärt er, sei ein Herdentier, und verweist auf sein Pflegeheim in Nürnberg, ein acht Millionen Euro teures Paradebeispiel für demenzspezialisiertes Wohnen. 2008 wurde es fertiggestellt und bietet Platz für sechsundneunzig Bewohner in zehn Wohngruppen. Demente, so eine Erfahrung des Architekten, brauchen eine reduzierte Welt. In Gruppe zu siebt fühlten sie sich am wohlsten.
Die Küchen befinden sich stets in der Mitte der Wohnareale, wie einst in Dörfern der Brunnen. Die privaten Zimmer sind kreisförmig darum herum angeordnet. Alles soll familiär sein und dennoch Rückzugsraum bieten. „Wir haben das Leben um den Herd herum orientiert. Die Bewohner sollen aus dem Zimmer direkt in einen Raum treten, der allen gehört.“So können alle sehen, wie das Essen zubereitet wird, können die Mahlzeiten riechen, hören Teller klappern.
Die kreisförmige Anordnung hat einen weiteren Sinn: Demente leiden häufig an innerer Unruhe, die sie durch zwanghaftes Laufen abbauen. Sie laufen bisweilen fast dreißig Kilometer am Tag, denn oft vergessen sie ihr Ziel. In Nürnberg gibt es keine Sackgassen, in denen die Bewohner nicht mehr weiterwüssten - sie können durch die verschiedenen Gruppen laufen, ohne an ein Ende zu kommen. Sicher ist es merkwürdig, ziellos laufende Menschen auf Kreiskurs zu schicken, doch Eckhard Feddersen beschwichtigt: „Wir bieten ihnen auf dem Weg schöne Orte an.“ Er weist auf Sitzgelegenheiten, Blumen, teils modern, wechselnd hell und dunkel gestaltete Räume: „Menschen wollen auswählen, dann beruhigen sie sich. Sie wollen ernst genommen werden.“
Die Zukunft liegt in kleinen Heimen
Neben Gemeinschaft steht in Nürnberg Individualität im Vordergrund. Feddersen will Gleichmacherei vermeiden. Er hat drei Grundwohntypen entwickelt: Patio, Janus und Bauernstube. Der erste ist lichtdurchflutet und hell, der zweite für Menschen, die sich gerne zurückziehen: warmes Rot, runde Strukturen und dunkle Ecken schaffen eine höhlenartige Stimmung. Die Bauernstube wiederum signalisiert ländliche Geborgenheit mit Holzvertäfelung, robusten Bänken und Tischen.
Wo sich die Bewohner wohlfühlten, müsse erprobt werden, erläutert Eckhard Feddersen. Der eine sei glücklich mit viel Licht, der andere werde dadurch aggressiv. Doch klar ist, dass die Dementen häufig nicht mehr wissen, was sie tun und deshalb vor sich selbst geschützt werden müssen. Mit Licht und Farbe versucht man sie vor Gefahren zu bewahren - Treppen und Ausgangstüren, die als Fluchtwege nicht verschlossen werden dürfen, werden dunkel gestrichen, damit die Dementen, die es ins Licht zieht, sie kaum mehr wahrnehmen und unwillkürlich meiden.
Nie wird alles gelingen. In einem Pflegeheim zum Beispiel wollte man sehbehinderten Dementen das Aufzugfahren mit einer elektronischen Etagenansage ermöglichen. Die Betroffenen suchten verwirrt nach der sprechenden Person, gerieten in Panik. Ein zweigeschossiges Heim in den Niederlanden fand eine Lösung: Dort wurden Fahrstühle mit Bewegungsmelder installiert. Nähert sich ein Bewohner, öffnen sie sich und fahren in die untere Etage. So kann jeder den Garten begehen, den zuvor meist nur Bewohner des Erdgeschosses nutzten. Feddersen zieht daraus seine eigenen Schlüsse: größere Balkone als Ersatzgarten für jede Etage. „Wir dürfen nie wieder das Pflegen im Krankheitssinn bevorzugen. Es geht um Wohnen im Alter.“ Zudem sieht der Berliner Architekt die Zukunft nicht in großen Heimen, sondern in kleinen Einrichtungen, dort, wo der Mensch sein Leben verbracht hat - in seinem Stadtviertel. In Berlin und anderen Großstädten gibt es das schon. „Das wird der Normalfall. Aber die höchsten Demenzstufen können dort nicht gepflegt werden.“
“In zwanzig Jahren sind nur noch stark demente Menschen in Heimen.“ Was Feddersen prognostiziert, bestätigt das Kuratorium Deutscher Altenpflege (KDA) - weg von der Gemeinschaft, hin zur Privatheit. Alte Menschen sollen in ihrem Quartier gepflegt werden, im eigenen Appartement mit Küchenzeile. Die Frage ist, wer das bezahlen soll. Schon jetzt gibt es mehr Erkenntnisse, als umgesetzt werden können. Doch sicher ist: Auch wir werden uns im Alter dank Klängen und Gegenständen erinnern. Heute lauschen die Bewohner im Julie-Roger-Haus dem singenden Johannes Heesters: „Wir werden alle hundert Jahre alt!“ In einem halben Jahrhundert, wenn die Unterzeichneten pflegebedürftig sind, dröhnt wohl das „Ich weiß, dass wir unsterblich sind“ der „Toten Hosen“ in den Heimen.
Sex als Ziel des Herumlaufens...?
Gabi Heintz (Kolma_Puschi)
- 13.05.2012, 23:01 Uhr
Nicht ziellos
KLAUS SCHMIEDEL (schmiedel)
- 13.05.2012, 14:55 Uhr
Bewusste Ironie?
Seppel Mayer (sonemeinung)
- 13.05.2012, 09:23 Uhr