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Dialektforschung : Der letzte Frisist

Wo die Torfbahn durch die Weite zuckelt: Herbststimmung im Saterland. Bild: Picture-Alliance

Im Ostfriesischen Moor liegt das Saterland, geheimnisvolle Enklave unbeugsamer Bürger. Ihre Sprache ist bestens erforscht – dank eines Bostoners kreolischer Abstammung.

          Richten wir unseren Scheinwerfer scharf auf Nord-Nord-West, auf das kleine sandige Eiland inmitten jahrtausendealten Moores, das bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein weitab von jeglicher Zivilisation, ja die längste Zeit wohl überhaupt ganz ohne jeden Kontakt zu irgendeiner Außenwelt, mithin absolut für sich war. Das ist das Saterland, gelegen im Nordwesten des Oldenburger Münsterlandes, im wenig magischen Dreieck Leer–Cloppenburg–Oldenburg, zugehörig dem Landkreis Cloppenburg, welcher, als überwiegend katholischer, selbst und insgesamt eine eigene Enklave im deutschen Nordwesten bildet.

          Aufgrund gewisser, landsmannschaftlich bedingter charakterlicher Eigenheiten könnte man diesen heute zumindest mit dem Auto zugänglichen Landstrich das Gallien Norddeutschlands nennen, Heimstatt für Menschen, die in hartnäckigster Verschanzung und Widersetzlichkeit nicht nur ihr Genüge, sondern geradezu ihren Daseinszweck finden. Aber das Saterland hat Gallien nicht nur eine Bundesstraße voraus – die B72, vom Volksmund „Ostfriesen-Highway“ geheißen, geht mitten hindurch und führt sogar direkt auf die Bundesautobahn A1, danach kommt dann also ganz bald die große, weite Welt –, sondern noch etwas anderes.

          Ju Meente Seelterlound bistoant uut do fjauer Täärpe

          Schlagen wir auf: Cäsar, „De Bello Gallico“! „Gallia est omnis divisa in partes tres...“ Gallien besteht also, als Ganzes, aus drei Teilen, aus Belgien, aus Aquitanien und aus dem Land, das die Kelten bewohnen, die von den Römern „Gallier“ genannt werden. (Komisch im Nachhinein, dass der Widerspruch, der in der Bezeichnung Galliens als des Ganzen und gleichzeitig als nur eines Teils dieses Ganzen ja handgreiflich liegt, im Latein-Unterricht nie eine Rolle spielte.)

          Der Frisist Marron Curtis Fort

          Mit dem Saterland, und damit kommen wir zum kleinen Unterschied, verhält es sich dagegen so: „Ju Meente Seelterlound bistoant uut do fjauer Täärpe Strukelje-Uutände, Romelse, Skäddel un Sedelsbíerig.“ Diese Feststellung ist, abgesehen von ihrer sachlichen Richtigkeit – „Die Gemeinde Saterland besteht aus den vier Dörfern Strücklingen-Utende, Ramsloh, Scharrel und Sedelsberg“ –, vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie, gesprochen in lupenreinem Saterfriesischen, welches zum nordseegermanischen Zweig der westgermanischen Sprachen gehört, aus dem Munde eines Mannes kommt, dem es kaum an der Wiege gesungen worden sein dürfte, dass er sich mit dem Saterland dermaleinst näher beschäftigen, ja überhaupt und jemals von ihm erfahren würde.

          Marron Curtis Fort jedoch, in Boston geboren und kreolischer Abstammung, wurde nicht nur ein anerkannter Frisist – so nennt man jemanden, der sich mit der Sprache und der Literatur des Friesischen, welches wiederum vom Platt- beziehungsweise Niederdeutschen streng zu unterscheiden ist, befasst –, sondern geradezu der „letzte Saterfriese“. Allzu viele gibt es von dieser Sorte tatsächlich nicht mehr, man schätzt die Zahl derer, die das Saterfriesische noch beherrschen, was wirklich nicht leicht ist, auf ungefähr zweitausend. Heute wird deren oberster Sprachpfleger achtzig. Dazu „hatelk biglukwonskje!“

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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