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Ang Lee zum Sechzigsten : Die Zerbrechlichkeit der Welt

Ang Lee 1995 mit Kate Winslet bei den Dreharbeiten zu "Sinn und Sinnlichkeit" Bild: Picture-Alliance

In Taiwan gilt er als Chinese, in China als Amerikaner. Doch zuhause ist er im Kino. Der fremde Blick, der eigene Ton, vermutlich haben sie damit zu tun. Der Filmregisseur Ang Lee wird sechzig.

          Im Grunde ist es nur konsequent, dass der Regisseur, der die amerikanische Seele im Kino am genauesten erkundet hat, selbst kein Amerikaner ist. Man braucht Distanz, um dorthin zu schauen, wo es weh tut, wo die Sehnsüchte und Ängste, die unser Leben bestimmen, einander ständig in die Quere kommen. Und man braucht eine Neugierde, die keine wissenschaftliche ist, sondern eine Form der Einfühlung, ein Versuch, im Spiegel des Fremden sich selbst zu entdecken.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ang Lee wurde am 23. Oktober vor sechzig Jahren in Pingtung in Taiwan geboren. Sein Vater war Lehrer, und der junge Ang sollte ebenfalls eine akademische Laufbahn einschlagen. Stattdessen ging er nach Amerika und studierte Theater-, dann Filmwissenschaft. Seine frühen Kurzfilme erregten einige Aufmerksamkeit, aber es war dann doch kein amerikanisches, sondern taiwanisches Geld, mit dem er seine ersten drei Spielfilme drehte. Wenn man „Schiebende Hände“, „Das Hochzeitsbankett“ und „Eat Drink Man Woman“ heute sieht, erkennt man, dass Lee hier mit ruhiger Hand sein erzählerisches Terrain absteckt. Es geht um unterdrückte Wünsche und Gefühle, die sich auf unvermutete Weise ihren Ausgang suchen; um Familienverhältnisse, die nur scheinbar übersichtlich sind; und um die Frage, wie sich Freiheit und Sicherheit auf der Suche nach dem Lebensglück im Gleichgewicht halten lassen. Jeder von Lees späteren Filmen beantwortet diese Frage auf andere Art. Aber es gibt keinen, der sie nicht stellt.

          1993 entstand „The Wedding Banquet“ Bilderstrecke

          Danach überraschte Lee sein Publikum zum ersten Mal, indem er mit „Sinn und Sinnlichkeit“ eine der besten Jane-Austen-Verfilmungen aller Zeiten drehte, einen Film, der mit so sanfter Selbstverständlichkeit auf das Treiben des englischen Landadels um 1800 blickt, dass man sich nur wunderte, warum das bis dahin noch niemandem gelungen war. Und dann kam „Der Eissturm“, Ang Lees erstes amerikanisches Meisterwerk. Es geht um Ehepaare in der amerikanischen Provinz auf dem Höhepunkt der sexuellen Revolution: Alle dürsten nach Sex, aber die wenigsten gestehen sich ein, dass sie eigentlich nach Liebe und Anerkennung suchen. Am Ende gibt es einen Toten, einen Jungen, der dem Eissturm zum Opfer fiel, während die Eltern ihre Feste gefeiert haben. Ein Unglücksfall; und doch ein treffendes Zeichen der Zeit.

          Jenen besonderen Ton

          Man könnte jetzt einwenden, dass „Der Eissturm“ ja wie die meisten von Lees Filmen eine Roman-Adaption und also nur die Bebilderung einer Vorlage sei. Aber erstens war es den großen Regisseuren immer ein Stück weit egal, aus welchen Quellen sie den Stoff für ihre Visionen bezogen. Und zweitens gibt es auch im „Eissturm“ jenen besonderen Ton, an dem man einen Film von Ang Lee unter Hunderten erkennen kann. Es ist eine Mischung aus Melancholie und Leichtigkeit, aus Nüchternheit und zärtlichem Verständnis für die Figuren. Der Quickie, den Joan Allen mit ihrem Nachbarn in dessen Auto abzieht, gehört zu den Szenen im Kino, die man nicht mehr vergisst, so wie das Liebeswerben von Tobey Maguire um Jewel Kilcher in dem Bürgerkriegsdrama „Ride With the Devil“, das Lee zwei Jahre später drehte.

          Nachdem er mit „Tiger and Dragon“ das Martial-Arts-Genre in Hollywood salonfähig gemacht und sich in „Hulk“ an der Banalität des gleichnamigen Comics die Zähne ausgebissen hatte, drehte Lee abermals einen Film, den man von ihm nicht erwartet hatte. Zwei Cowboys; sie hüten gemeinsam Schafe im Gebirge, schlafen miteinander, werden ein Paar. Aber es darf nicht sein, also trennen sie sich, gründen Familien, treffen sich wieder, ziehen wieder hinauf zum Brokeback Mountain. So vergehen die Jahre, und irgendwann halten sie es nicht mehr aus. Sie brüllen sich an, gehen aufeinander los, umarmen sich, dann besteigt der eine sein Pferd, und der andere klettert in seinen Pick-up. Es ist einer jener Abschiede, bei denen man sich wünscht, dass man sie selbst nie erleben muss.

          Dass „Brokeback Mountain“ vor neun Jahren nur mit dem Oscar für die beste Regie und nicht als bester Film ausgezeichnet wurde, gehört auf die lange Liste von Fehlentscheidungen, die die Geschichte der Academy Awards begleiten. Vielleicht muss man bis zu John Ford und Howard Hawks zurückgehen, um zu begreifen, was Lee hier gelungen ist: eine Bestandsaufnahme des amerikanischen Traums; und eine Liebesgeschichte, die einem beim Zuschauen das Herz zerreißt. Er sei im Leben immer ein Außenseiter gewesen, hat Lee einmal in einem Interview gesagt, in Taiwan als Sohn chinesischer Emigranten, in Amerika als Taiwaner in China als Amerikaner. Aber es gibt einen Ort, an dem Ang Lee, der im vergangenen Jahr einen zweiten Regie-Oscar für „Life of Pi“ gewonnen hat, zu Hause ist. Dieser Ort ist das Kino. In jedem seiner Filme nimmt er uns dorthin mit, um uns das Staunen zu lehren über die Zerbrechlichkeit der Welt.

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