18.02.2010 · Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen. Guido Westerwelles Diktum von der „spätantiken Dekadenz“ ruft Scharen von Kritikern hervor, aber auch gelehrte Köpfe wie den Althistoriker Werner Eck oder geübte Polemiker wie Heiner Geißler.
Von Oliver JungenAsinus humanum est, singen die Sportfreunde. Wie aber gelangte der Esel in die Geschichte? Heute durch Heiner Geißler: „Vor hundert Tagen ist ein Esel Außenminister geworden.“ In der dekadenten Antike aber: durch eigene Torheit. Ein Vogel wollte der draufgängerische Jüngling eigentlich werden, ein Überflieger, so lesen wir bei Apuleius. Griff nur zur falschen Zaubersalbe und musste prompt sein Leben zwischen I und A fristen. Oh, wie saftig wird dieser „Goldene Esel“ verdroschen. Und heute nicht minder: Ein zweiundvierzigjähriger Hartz-IV-Ostfriese prügelt gerichtlich auf den – nun ja, zumindest offiziell – Außenminister ein. Weder Römer sei er noch dekadent, spreche auch gar kein Latein, folglich handele es sich um Verleumdung. Doch die schwerste Keule wird nun aus der Historikerzunft geschwungen. Ist die These vom Überfressungstod des römischen Reiches doch in etwa so aktuell wie die Annahme, Barbarossa warte im Kyffhäuser auf seinen Einsatz. „Ich weiß gar nicht, was Herr Westerwelle mit der Spätantike meint – das sind immerhin zweihundert Jahre. Diese Jahre werden auf keinen Fall von einer Verweigerungshaltung breiter Bevölkerungsschichten bestimmt“, erklärt jetzt im „Kölner Stadt-Anzeiger“der angesehene Althistoriker Werner Eck: „Wenn man überhaupt von Dekadenz spricht, könnte man das höchstens auf die Oberschicht anwenden.“
Er hat es sich mit der Göttin verscherzt
Auch wenn in der Stadt Rom im vierten, fünften Jahrhundert tatsächlich Wohlstand geherrscht habe, bekamen einfache Leute nur „aus politischen Gründen“ Lebensmittel. Für Eck steht die steile These, Rom sei am Kommunismus verfault, auf einer Stufe mit Edward Gibbons verstaubter Theorie, tödlich sei die Wendung zum Christentum gewesen. Wenn aber nicht durch Barmherzigkeit, wie ging Rom dann unter? „Durch die ständigen Angriffe der Germanen.“ Und die verhielten sich bekanntlich zu Römern wie Esel zu Pferden. Tief hineingeritten hat sich der Freidemokrat, der vielleicht ein Jahrtausend im Kyffhäuser auf den nächsten Auftrag der „Welt“ warten sollte. Dabei wäre die Enteselung so leicht, wie Apuleius mitteilt: Der Verwandelte muss nur Rosen fressen. Hartz, aber herzlich! Leider blühen sie nur kurz im Jahr. Und just als der „Goldene Esel“ sie vor der Schnauze hat, ist er unter die Räuber gefallen, die ihn als Lasttier schätzen, als Menschen aber abmurksen würden. So bleibt der Esel ein Esel, bis ihn die regierende Göttin rettet. Aber mit der hat es sich sein Nachfolger ja auch schon verscherzt.