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70 Jahre Befreiung von Paris : Barrikaden mussten sein

Von einer „Schlacht um Paris“ kann man allerdings kaum sprechen. Von Choltitz hatte, als der von Streiks eingeläutete Aufstand in Paris am 19. August in Fahrt kam, keine Möglichkeit, mit seinem bescheidenen Truppenkontingent die Stadt zu kontrollieren. Deshalb fortifizierten seine Leute einige Orte im Inneren von Paris, sorgten für Verbindungen zwischen ihnen, sicherten insbesondere die Seine-Brücken, Verteidigungsriegel in den Vororten kamen hinzu. Die ärmlich bewaffneten Kämpfer der Forces françaises de l’intérieur (FFI) wiederum hatten keine Chance, diese Stützpunkte aus eigener Kraft einzunehmen, konnten sich aber im Übrigen ziemlich frei bewegen.

Barrikaden als historische Reminiszenz

Aus dieser Lage entwickelte sich das seltsame Katz-und-Maus-Spiel, dessen Szenen viele der in Paris zu sehenden Fotografien festhalten. Der Ausgang war mit dem unaufhaltsamen Heranrücken der alliierten Verbände zwar klar, aber offen blieb, wie viele Opfer und Zerstörungen die Tage bis zu deren Eintreffen fordern würden. Teile der Widerstandsbewegung, insbesondere der kommunistische Flügel, hatten zum frühen Aufstand gedrängt, weil sie damit ihre Chancen gegen de Gaulles Führungsanspruch erhöht sahen. Als dessen Repräsentanten nicht länger für ein Abwarten plädieren konnten, blieben noch heikle Tage, in denen das Stichwort „Warschau“ für die schlimmsten Befürchtungen stand - und die Gefahr einer kommunistischen Machtübernahme von de Gaulle mit der Erinnerung an die Pariser Kommune von 1871 verknüpft wurde.

Es sind auch die Tage des hektischen Barrikadenbauens im gesamten Stadtgebiet. Viele Fotografien zeigen es, genauso wie einige der fertigen Barrikaden, von denen über sechshundert entstehen. Der Symbolcharakter des „Volksaufstands“ wird mit ihnen deutlich, denn sie waren strategisch so gut wie bedeutungslos, manchmal sogar hinderlich für die schnelle Bewegung der FFI-Kämpfer und später für die Panzer von General Leclercs Division. Aber ihr Symbolcharakter schloss an die großen Pariser Insurrektionen des neunzehnten Jahrhunderts an, wo sie sich freilich in den proletarisch-kleinbürgerlichen Vierteln im Osten konzentriert hatten. Dazu passte gut, dass die Reste der deutschen Besatzer mit ihrer Notstrategie befestigter Punkte und - durch die Haussmannisierung begradigter - Verbindungslinien an Dispositive der obrigkeitlichen Aufstandsbekämpfung in der Hauptstadt anschlossen.

Die „Säuberungen“ begannen früh

Die befürchtete systematische Repression durch die Deutschen fand nicht statt, wozu auch die vom schwedischen Generalkonsul Raoul Nordling vermittelten Verhandlungen und ein zeitweiliger, allerdings schnell durchlöcherter Waffenstillstand intra muros beitrugen. De Gaulles Hoffnungen erfüllten sich, die Kommunisten und der nichtgaullistische Widerstand mussten einlenken, und General Leclerc beging in höherem als bloß militärischen Pflichtbewusstsein noch eine weitere Insubordination gegenüber seinen amerikanischen Vorgesetzten, blieb im Stadtzentrum und sicherte mit seiner Zweiten Panzerdivision das große Défilee de Gaulles am 26. August über die Champs-Elysées.

Mit Bildern heimkehrender Kriegsgefangener, Zwangsarbeiter oder Deportierter und mit amerikanischen Soldaten in Paris greift die Ausstellung im Musée Carnavalet noch über die Tage der Befreiung hinaus. Im Gegensatz zur Schau im Pariser Rathaus zeigt sie auch einige Bilder der bereits nach dem 20. August einsetzenden Verfolgungen und öffentlichen Demütigungen von Mitbürgern, die als Kollaborateure angesehen wurden. Zu jenen des nationalen Freudentaumels gehören sie als Ergänzung durchaus, zumal es Tausende von Franzosen waren, die mit oder ohne Schnellurteil diesen Schaustellungen und „Säuberungen“ unterworfen wurden.

Der Krieg ging indessen weiter. Im März 1945 wurde Paris per Dekret zum Compagnon de la Libération erklärt. Und bei der Parade am Nationalfeiertag wird heute noch an die Hauptstadt als Ort einer der Schlachten der republikanischen Armee erinnert: „Paris 1944“ ist dann auf einem der über die Champs-Elysées rollenden Panzer zu lesen.

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