09.11.2009 · Der Fall der Mauer löste in ganz Europa große Hoffnungen aus. Und ein Kontinent hatte seine Mitte wieder. Aber wo ist der Geist des alten Mitteleuropa geblieben? Eine Erkundungsreise des Schriftstellers Olivier Guez.
Von Olivier GuezZadar, eine Nacht im August 2009. In den Gassen des barocken Stadtkerns, auf einem von den Jahrhunderten wie zu Elfenbein geschliffenen Kopfsteinpflaster, tanzen langgliedrige, kurzberockte Schönheiten mit zu viel Schminke und zweifelhaftem Blond zu Techno, der aus einer blütenweißen Lounge erklingt. Ihren Begleitern mit Igelfrisur, kurzen Hosen und Pullunder spannt sich der Bizeps bei jedem Griff zum Wodka Cranberry. Hinter ihnen wird auf Flachbildschirmen in einer Endlosschleife „Fashion TV“ ausgestrahlt. Auf einer Mauer daneben ein Foto von General Gotovina, vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag der Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.
Am nächsten Morgen sehe ich, noch im Halbschlaf, eine ebenso komische wie alberne Sendung auf MTV: Zwei Paare werden getrennt, neu gemischt, und anschließend sieht man auf Splitscreen, wie sie sich im Jacuzzi oder auf einem blasslila Sofa gegenseitig betrügen. Fassungslosigkeit! Diese vier Einfaltspinsel aus Miami, die da aufeinander losgelassen werden, sind Klone der dalmatischen Jugend. Auf CNN läuft eine Reportage über Ausschreitungen bei einem Roma-Treffen in Ungarn. Die baltischen Staaten stehen am Rand des Bankrotts. Die tschechische Republik erholt sich nur mühsam von ihrer fürchterlichen EU-Präsidentschaft, unter der ihre Regierung zusammengebrochen ist. In Polen lenkt noch immer Lech Kaczynski die Geschicke des Landes; das extrem antisemitische Radio Maria wird dort täglich von Millionen Menschen gehört. Von der Ostsee bis ans Schwarze Meer verbreiten sich dieselben Übel: Siegeszug des Populismus, Demokratieverdrossenheit, wachsende Fremdenfeindlichkeit, das Begleichen alter Rechnungen, Korruption . . .
Was blieb von den Hoffnungen?
Was ist in zwanzig Jahren geschehen? Was wurde aus der Euphorie, die Europa nach dem Fall der Berliner Mauer ergriff? Was blieb von den Hoffnungen und Versprechungen, die sich an die friedliche Revolution knüpften, die von Ungarn und Polen ausgehend über Berlin den gesamten Osten des Kontinents ergriff?
Eine Woche nach dem Berliner Mauerfall stürzte in Prag das sozialistische Regime. Noch vor Ablauf des Jahres entledigten sich Bulgarien und Rumänien ihrer kommunistischen Führer, und die Staaten des Baltikums rebellierten: Auch sie wollten nicht länger unter sowjetischer Vorherrschaft stehen. Den Eisernen Vorhang zwischen Stettin und Triest gab es nicht mehr. Man träumte schon von einem wiedervereinten Kontinent. Wollte wieder von Mitteleuropa sprechen und nicht mehr, wie seit Ende des Krieges, von Osteuropa. Dachte wieder an maria-theresia-gelbe Fassaden und nicht länger an das ewige Grau der großen stalinistischen Industriekomplexe.
Ein Mehr an Seele
Milan Kundera hat wohl als Erster den Begriff „Mitteleuropa“ wiederaufleben lassen, 1984, in einem Artikel in der „New York Review of Books“. Darin erklärte er den Kommunismus zur Krankheit Zentraleuropas; dieser habe es von seinen westlichen, rationalen und humanistischen Wurzeln entfernt, seine Traditionen von Demokratie und Toleranz pervertiert. Später führten der Pole Michnik, der Tscheche Havel, der Ungar Konrád und andere intellektuelle Dissidenten den Gedanken vom untergegangenen Kontinent fort. Aus ihren Schriften klangen die Ironie und die geheimnisvolle, heroische und nostalgische Skepsis dieser Region.
In der Nacht des 9. November 1989 waren diese „Zivilisationsliteraten“, wie Thomas Mann sie genannt hätte, diese würdigen Nachfolger von Roth, Musil und von Rezzori, am Ziel. Zwei Monate später beschwor in Warschau Vaclav Havel, der neue Präsident der Tschechoslowakei, vor dem polnischen Parlament die Rückkehr des gekidnappten Europa zum Westen, als er eine neue Solidarität zwischen den Völkern versprach, eine geistige und moralische Erneuerung, ein „Mehr an Seele“ für den gesamten alten Kontinent. Die Utopie übernahm die Macht.
Mitteleuropas Todesstoß
Ich fahre über die A1 in Richtung Norden. Eine wunderschöne Autobahn, brandneu, zum Teil mit Mitteln der Europäischen Union finanziert, die dem gestressten Fernfahrer oder pressierten Urlauber die Kurven der dalmatinischen Küste erspart. Mein Ziel ist Triest, wo ich einen Mann der Grenze treffe, den Spezialisten für diese Kulturlandschaft, Claudio Magris. „Mitteleuropa war die Frucht einer außerordentlichen jüdisch-deutschen Symbiose, zwei Faktoren, die eine weit größere Dimension hatten als die verschiedenen Nationalitäten, die den Donauraum bewohnten“, erklärt er mir an einem schönen Morgen auf der Terrasse des alten „Caffè Tommaseo“, das beinahe von den Wellen der Adria beleckt wird. „Mit dem Massaker der jüdischen Komponente durch die deutsche Komponente hat Mitteleuropa seinen Todesstoß erhalten.“
Zwischen 1933 und 1944 wurden zwischen Russland und Deutschland etwa zwölf Millionen Zivilisten durch den Totalitarismus der Nazis und Sowjets ermordet. In Zentraleuropa, dem Herzen der Finsternis des europäischen zwanzigsten Jahrhunderts. Die Juden sind aus dieser Region praktisch verschwunden. Zwölf Millionen Deutsche wurden nach dem Krieg aus Polen, der Tschechoslowakei, aus allen Ostgebieten vertrieben. Die Italiener aus Istrien und Dalmatien wurden von den Jugoslawen vertrieben. Und die Sowjets zerstörten, gestärkt durch ihre örtlichen kommunistischen Verbündeten, systematisch die Eliten und die Bourgeoisie ihrer Satellitenstaaten, wovon Sándor Márai in seinen Erinnerungen aus Ungarn so ergreifend erzählt.
Theaterkulisse ohne Akteure
Seit dem Fall der Berliner Mauer sind neue monoethnische Konfetti auf der europäischen Landkarte aufgetaucht. Ein jedes präsentiert stolz seine Hymne und Flagge, sein Handynetz und seine Fußballnationalmannschaft. In Tallinn feiert man regionale Barden in mittelalterlichen Gasthöfen. Aus Pressburg, einst slowakisch und ungarisch, jüdisch und deutsch, wurde Bratislava, die bukolische, aber provinzielle Hauptstadt der Slowakei. In Prag werden T-Shirts, Tassen und alles nur Erdenkliche mit Porträts von Kafka bedruckt, aber es gibt in dieser Stadt seit langem keine oder kaum noch Juden oder Deutsche, nur Friedhöfe und Synagogen, in denen die Namen der Toten in Stein gemeißelt sind.
In Czernowitz, Celans altem Jerusalem an der Pruth, diesem Schmuckkästchen des europäischen Grenzlandes, hat man das Gefühl, durch eine prächtige Theaterkulisse zu spazieren, dessen ursprüngliche Akteure jedoch die Bühne verlassen haben und von Darstellern der zweiten oder dritten Zone ersetzt wurden, die der Zufall, je nach Laune der Geschichte, dorthin verschlagen hat. Überall Porträts von Franz Joseph, Kalender mit Sissi-Bildern, Habsburger Kitsch, Karpfen nach jüdischer Art: Touristenattrappen. „1989 waren wir sehr naiv. Wir wollten einen Mythos wieder aufleben lassen, der seit langer Zeit verschwunden war“, sagt Magris.
Sieg der Prosa über die Poesie
Abgang also des kosmopolitischen Mitteleuropa, des Europa von Kafka, Zweig und dem fliegenden Vagabunden Panaït Istrati. Abgang auch des Mitteleuropa von Geremek und von Milosz, die beide in den letzten Jahren verschwunden sind. Klaus, der europaskeptische Ultraliberale, hat Havel verdrängt, der Consultant den Dissidenten. Die Prosa hat über die Poesie gesiegt. Auftritt des „neuen Europa“, dessen Erfolge zunächst einmal unbestreitbar sind: Integration in die Europäische Union und in die Nato, robustes Wachstum bis zur letztjährigen Finanzkrise, ausländische Investitionen, flat tax . . .
Und auch wenn jede Nation die Erinnerung an ihre Märtyrer und Tragödien kultiviert, stets in der Überzeugung, mehr gelitten zu haben als ihre Nachbarn, die oft genug die früheren Unterdrücker sind, hat sich kein Nationalismus entfesselt, wie gewisse Kassandras das glaubten, kaum dass die Euphorie des 9. November 1989 verflogen war. Natürlich hat es die jugoslawischen Bruderkriege gegeben, aber in Budapest oder in Krakau wurde das nicht ganz grundlos als Balkanthema angesehen, das einer anderen Welt, einer rauheren und gewalttätigeren. Dafür haben die Tschechen und die Slowaken sich gütlich getrennt, und die Ungarn haben nicht die Slowakei und Rumänien besetzt, um ihren Minderheiten dort zu Hilfe zu kommen. Den Westeuropäern scheint diese Erfolgsgeschichte jedoch insgesamt gleichgültig zu sein, während die neuen Europäer schimpfen und toben. „There is something rotten in the new kingdom of Europe“: etwas stimmt nicht.
Lieber in Prenzlauer Berg
Land Brandenburg, 13. Juli 2006. In seinem BMW-Cabriolet fahre ich mit meinem Freund Bruno vom Ruppiner See zurück. Bruno, ein Fernsehproduzent, ist seiner eigenen Definition zufolge ein „katholischer Latino“ aus Schwaben. Er hat seine Laufbahn in München begonnen und zog wie so viele, die während des Mauerfalls in ihren Zwanzigern waren, um die Jahrhundertwende nach Berlin. Wir haben Durst, also schlage ich ihm vor, im nächsten Dorf eine Pause zu machen. Wir setzen uns auf eine schattige Terrasse am Rande eines Bachs. Der Kellner lässt sich Zeit, unsere Bestellung aufzunehmen. Plötzlich steht Bruno auf und fleht mich an, weiterzufahren. „Ich kann das nicht“, sagt er zu mir. „Lass uns lieber etwas in Berlin trinken, in Mitte oder Prenzlauer Berg, das ist netter.“
„In den Köpfen der Menschen existiert die Mauer immer noch“, erklärt mir Vincent von Wroblewsky, zu Zeiten der späten DDR sicherlich der führende Sartre-Spezialist des Landes. „Viele Westdeutsche fühlen sich in Ostdeutschland nicht heimisch. Das ist fast etwas Physisches oder Ästhetisches, wie bei Ihrem Freund. Einige verachten uns, halten uns für Loser, als ob wir die BRD ruiniert hätten, dieses reiche Deutschland, das nur nach Amerika und Westeuropa schaute. Auch viele Ostdeutsche sind unzufrieden. Sie haben das Gefühl, wie Besiegte behandelt worden zu sein, als ob wir einen Krieg verloren hätten. Wir mussten uns dem System und der Justiz der Sieger unterwerfen.“
Eine Karikatur von euch
Andrzej Stasiuk, der polnische Schriftsteller, der zurückgezogen in den Karpaten lebt, ist in seinem Urteil nicht milder. In seinem jüngsten Buch „Fado“, das von seinen Reisen durch den Osten des Kontinents handelt, wettert er gegen die neue europäische Vereinigung, der er jeglichen Sinn und jede Wertvorstellung abspricht, außer vielleicht jene der Reise- und Konsumfreiheit. „Mit unserem Eintritt in die Union mussten wir zu euch werden oder, genauer, zu einer Karikatur von euch (. . .), zu euch, dem alten Europa, die ihr euch selbst bewundert und eure Tugenden.“
Diese mangelhafte Konstruktion sei die Wurzel für viel Unmut unter den neuen Europäern. Stasiuk wartet mit einer anderen interessanten Idee auf: Entsetzt über ihre eigene Vergangenheit, über die die Bevölkerung mehr oder weniger Bescheid wisse, wollten die Länder Zentraleuropas um jeden Preis ihre Unschuld wiedergewinnen, indem sie, bewusst oder nicht, ihre lokalen Besonderheiten auslöschten und sich via Adoption des amerikanischen Konsumismus verwestlichten. In Mitteleuropa, wo „man einst die Kunst des Vergessens ignorierte“, so Magris in „Donau“, beschäftigen sich jüngere Generationen zuweilen nur noch mit Gegenwart und Zukunft.
Auf die Gefahr hin, ihre Seele zu verlieren.