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Veröffentlicht: 28.03.2017, 11:23 Uhr

Sehnsucht der Zuwanderer Dieses Land ist nicht deutsch genug!

Sie leben in Deutschland in Freiheit und sehnen sich doch nach den starken Führern in ihren Herkunftsländern. Nationalistische Polen und Russen preisen Kaczyński und Putin und Türken stimmen begeistert für Erdogans Verfassungsänderung. Warum können sie Deutschland nicht mit der gleichen Inbrunst lieben?

von Anna Prizkau
© Wolfgang Eilmes In Hessen lebende Türkinnen vor dem türkischen Generalkonsulat in Frankfurt. Dort werden sie wohl mit „Evet - Ja“ für die Verfassungsänderung von Erdogan stimmen.

„Weil Deutschland schwul ist“, sagt Agatha und drückt den Zigarettenrauch aus ihren rosafarbenen Glosslippen. Agatha, deutsche Polin, Mitte zwanzig, sagt das als Antwort auf die Frage, warum sich manche Polen in Deutschland jetzt zurück nach Polen sehnen. Leise und unbemerkt lieben sie die alte Heimat. Ähnlich und anders geht es deutschen Türken, deutschen Russen – sie lieben lauter, lieben sichtbar. Warum aber leben Ausländer und Kinder von Ausländern in diesem Land und lieben doch ein anderes? Warum das freie Leben leben, das unfreiere lieben? Mit Polen, mit Agatha beginnt das Antwortsuchen.

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Sie raucht Slimlines vor einer Kirche in Berlin. Zu der katholischen Knien-Aufstehen-Sitzen-Choreographie auf Polnisch bewegten sich dort hundert Menschen, vielleicht mehr. Katholisch ist Agathas Arbeit nicht, in einem „Club“ verkauft sie ihren Körper. „Aber ich sage alles Gott, und so ist es okay“, sagt sie; und dann, dass das Glauben alle Polen eint. „In der Geschichte mussten Teile Polens die nationale Zugehörigkeit so oft wechseln wie ich meine BHs“, sagt diese Frau, die Sexarbeit anscheinend mit Schwerpunkt Sozialforschung betreibt. Agatha lächelt laut: „Deshalb ist unser Nationalbewusstsein so gestört, deshalb besteht es hauptsächlich aus Kirche.“ Am Nationalbewusstsein arbeitet die PiS, die Partei Jarosław Kaczyńskis: Polen soll auferstehen als stolze Nation. Das wollen auch Polen, die in Deutschland leben – 2015 wählten sie, zwar bei geringer Wahlbeteiligung, trotzdem die PiS an erster Stelle.

Warum?

In Deutschland werde nicht genug geglaubt, glaubt Agatha. „Deutschland verstehen viele Polen nicht mehr, weil es so wild wird, bunt, rassistisch, aber auch muslimisch.“ Sie selbst kann PiS nicht wählen, sogar als „stolze Polin“ nicht. Das liegt daran, dass manche Abgeordnete noch immer die Abtreibung komplett verbieten wollen.

© afp Verfassungsreferendum: Türken in Deutschland stimmen ab

Was ist so falsch an Deutschland?

„Kaczyński macht aus Polen wieder was!“, sagt Katerina, eine andere deutsche Polin, in einem anderen Stadtteil von Berlin. Ein Restaurant in Mitte. Sie bestellt Wein und sagt, dass sie nur wegen Jarosław Kaczyński zurück nach Polen gehen würde. Nach 15 Jahren Deutschland.

Warum? Was ist so falsch an Deutschland?

„Die Werte zählen hier nicht mehr.“ Die Werte sind Familie und Glauben. Die superblonde Frau erzählt von der Unmöglichkeit, in Berlin einen Kindergartenplatz zu finden, sagt dazu dreimal: „Katastrophe!“ Dann pudert sie die Wangen mit Chanel und sagt: „In Polen ist mein Herz.“

Was heißt das?

„Die Menschen – die Wärme gibt’s nur da.“ Wenn Katerina spricht, teilt sie in wir und teilt in sie. Sie teilt auch ihren Freundeskreis, Geburtstag feiert sie zweimal, einmal mit Ausländern, einmal mit Deutschen.

In Deutschland sind die Polen Unsichtbare

Eine Politiksprache müsste an Katerina die Worte „erfolgreich integriert“ ankleben, denn sie hat einen guten Job, eine Eigentumswohnung, ein schönes Deutsch. Warum kann Katerina also nicht patriotisch sagen: In Deutschland ist mein Herz? „Putzfrau wurde ich genannt am Anfang. Vielleicht deshalb!“, sagt diese Superblonde, um dann zu schwärmen vom Damals, den Straßen ihrer alten Stadt, dem Duft der Wälder – ausländertypischer sentimentaler schöner Kitsch. Dass PiS, dass Jarosław Kaczyński ein anderes Polen wollen als Katerinas Damals-Polen und auch ein anderes Land als Katerinas Jetzt-Deutschland, will sie nicht sehen. Achtung vor Deutschland hat Katerina sowieso nicht mehr.

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