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Veröffentlicht: 19.08.2016, 06:59 Uhr

Verhaftete Schriftstellerin Asli Erdogan spricht aus, worüber andere schweigen

Asli Erdogan schrieb vehement an gegen Intoleranz und Gewalt, für die das Regime des türkischen Präsidenten steht. Nun sitzt sie im Gefängnis. Eine Stimme wie ihre darf nicht verstummen.

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© Andreas Pein Sie beschreibt, was das Regime des türkischen Präsidenten ausmacht: Asli Erdogan.

Wie schön war das Bild, das die Türkei im Oktober 2008 von sich zeichnete, damals, als das Land Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war. Das Ehrengast-Logo war ein Fest der Farben; ein Mosaik, von dem die geladenen türkischen Regierungsvertreter sagten, es symbolisiere das gleichberechtigte Nebeneinander der verschiedenen Kulturen und Stimmen in der Türkei. Die Autoren, mit denen man sich schmückte, wussten freilich, dass das schöne Selbstporträt eher ein Zerrbild war – nicht wenige von ihnen wurden damals von türkischen Nationalisten mit dem Tod bedroht. Auch die Ausstellung im Gastlandforum zeigte Ankaras Schönfärberei. Sie präsentierte Schriftsteller wie Yasar Kemal oder den Lyriker Nazim Hikmet, deren Werke der türkischen Literatur Weltruhm beschert haben. Dass viele der vorgestellten Autoren ihr Schreiben und ihr Engagement mit Verfolgung und hohen Gefängnisstrafen bezahlen mussten, blendete die Schau aus. Einige dieser Schicksale scheinen sich nun zu wiederholen.

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Seit dem Putschversuch am 15. Juli sind in der Türkei fast 40.000 Menschen festgenommen worden. Am Mittwoch waren die Journalisten der pro-kurdischen „Özgür Gündem“ dran: Ein türkisches Gericht hat die Zeitung verboten, weil sie Propaganda für die PKK betreibe. Die Polizei nahm 23 Mitarbeiter der Zeitung fest. Unter ihnen ist auch die bekannte Schriftstellerin Asli Erdogan, die Kolumnen für „Özgür Gündem“ verfasst hatte und die im Beirat der Zeitung ist.

Vorgetäuschte Toleranz der Regierung

Auf jener Buchmesse in Frankfurt, auf der sich die Türkei so tolerant gab, hatte ich Asli Erdogan kennengelernt. Einer ihrer Romane war gerade ins Deutsche übersetzt worden und unter dem Titel „Die Stadt mit der roten Pelerine“ im Schweizer Unionsverlag erschienen. Ich traf Asli Erdogan für ein Interview; eine zierliche, scharfsinnige Frau mit rotbraunen Locken, die kraftvoll, aber auch scheu und innerlich stark verwundet wirkte. Diese irritierende Ambiguität hatte, wie ich später verstand, das gesellschaftlichen Klima in der Türkei mit der damals Einundvierzigjährigen angerichtet. Denn eine Stimme wie jene von Asli Erdogan, die sich keinen Konventionen beugt und keine Tabus akzeptiert, erträgt die türkische Gesellschaft nicht. Eine solche Stimme wird bekämpft; sie wird ausgegrenzt, gesellschaftlich und beruflich, und wenn das nicht ausreicht, um die betreffende Person zum Schweigen zu bringen, dann arbeitet man eben mit körperlicher Gewalt. All das hatte Asli Erdogan, als ich sie 2008 traf, erfahren. Bei einer polizeilichen Festnahme hatte sie so schwere Verletzungen erlitten, dass sie bis heute auf Medikamente angewiesen ist und immer wieder eine Halskrause tragen muss, so auch bei unserem Gespräch auf der Buchmesse.

Asli Erdogan ist eigentlich Physikerin, schon mit 24 Jahren forschte sie am Cern in Genf über die Higgs-Partikel. Anfang der neunziger Jahre wandte sie sich ganz dem literarischen und journalistischen Schreiben zu. Liest man ihre autobiographisch geprägten Romane, dann begegnet einem eine Frau, deren unabhängiger Geist sie immer wieder an den Rand des Abgrunds bringt. Beschäftigt man sich mit ihrem Leben als Journalistin, lernt man viel darüber, wie die türkische Gesellschaft funktioniert.

Folter und Gewalt gegen Frauen

Nach einem längeren Aufenthalt in Südamerika, wohin Asli Erdogan ging, weil sie sich in der Türkei bedroht fühlte, schrieb sie von 1998 bis 2001 als Kolumnistin für die linksliberale „Radikal“. Sie berichtete von den Bedingungen in türkischen Gefängnissen, von Folter, Gewalt gegen Frauen und prangerte die staatlichen Repressionen gegen Kurden an – Themen, über die damals in der Türkei noch nicht gesprochen wurde. Journalisten anderer Zeitungen fielen deshalb geradezu über sie her – die türkische Gesellschaft ist geprägt von tiefen sozialen und gesellschaftlichen Gräben. Anstatt die Spaltung zu überwinden, kultivieren gewisse türkische Medien sie.

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2007, am Tag nach der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink veröffentlichte Asli Erdogan in „Radikal“ den Nachruf auf den Freund. Ein Jahr später entschuldigte die Schriftstellerin sich zusammen mit anderen Intellektuellen öffentlich für das Leid, das man den Armeniern angetan hatte – gemeint war der auf dem Boden der heutigen Türkei verübte Völkermord. Obwohl Asli Erdogan den Begriff nicht verwendete, nahmen regierungstreue Medien ihre Geste zum Anlass für eine beispiellose Hetzkampagne gegen die Schriftstellerin. Ihr blieb nur die Flucht ins Ausland. Sie kehrte dann aber zurück und begann 2011 aus politischem und menschlichem Interesse Kolumnen für die kurdische Zeitung „Özgür Gündem“ zu schreiben.

41907452 © AP Vergrößern Vierzigtausend Menschen hat der türkische Präsident Erdogan verhaften lassen: Am Zaun des Metris-Gefängnisses in Istanbul.

Die Nachricht von ihrer jetzigen Festnahme verbreitete sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer. Nicht wenige wurden durch die Tweets des türkischen Journalisten Can Dündar alarmiert. Dündar befindet sich seit Anfang Juli im Ausland. Sein Rücktritt als Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“ und seine Ankündigung, aus Sicherheitsgründen vorerst nicht in seine Heimat zurückkehren, lösten in dieser Woche ähnlich heftige Reaktionen aus wie die Festnahme Asli Erdogans.

Auch Dündars beruflicher Werdegang erzählt viel vom Klima in der Türkei. Dündar begann seine journalistische Karriere als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Außerdem moderierte er im Fernsehen, in einer Zeit, als kritisches Fragen und Hinterfragen in den türkischen Medien noch möglich war. Auch Bücher hat Dündar verfasst, darunter ein Werk über den Dichter Nazim Hikmet und eine Atatürk-Biographie. Anders als in der Türkei üblich, ist sie keine Lobhudelei auf Mustafa Kemal, sondern ein durchaus kritisches Porträt des Staatsgründers. Ähnlich wie Asli Erdogan brach Dündar damit ein Tabu. Man warf ihm Diffamierung Atatürks vor. In Ungnade fiel Dündar auch wegen seiner Kolumnen bei der Zeitung „Milliyet“, für die er bis zu seiner fristlosen Entlassung nach den Gezi-Protesten 2013 viele Jahre lang gearbeitet hatte. Bis 2011 war deren Tonlage liberal gewesen. Dann kaufte ein Erdogan-Vertrauter die Zeitung und sie wurde zu einem regierungsfreundlichen Medium. Dündars Kritik an Ankara während der Gezi-Proteste machte ihn für das nun Erdogan-treue Blatt untragbar.

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Can Dündar fand eine neue Heimat bei der „Cumhuriyet“. Sie nahm mehrere der damals geschassten Journalisten auf – etwa viertausend sollen infolge der Gezi-Revolte ihren Job verloren haben. Wegen eines Artikels über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes MIT an islamistische Milizionäre in Syrien wurden Dündar und sein Kollege Erdem Gül zu knapp sechs Jahren Haft verurteilt. Sie belegten mit ihrer Recherche, was nun auch in Deutschland für Aufregung sorgt: Dass die Türkei eine Plattform für Islamisten ist. Die beiden Journalisten haben Berufung gegen das Urteil eingelegt. Mit einem fairen Verfahren ist seit Erdogans Säuberungsaktionen aber nicht mehr zu rechnen. Würde Dündar in die Türkei zurückkehren, würde er wahrscheinlich sofort ins Gefängnis kommen. So aber kann er sich – im Exil – weiter für die türkische Demokratie engagieren.

Und Asli Erdogan? Freunde von ihr, unter ihnen die Schriftsteller Murathan Mungan und Burhan Sönmez haben eine Unterschriftenkampagne für ihre Freilassung gestartet. Bei unserem Gespräch in Frankfurt 2008 sagte Asli Erdogan, dass sie viel über die Zustände in den Gefängnissen schreibe, weil sie dort sein wolle, wo die menschlichsten Tragödien am dunkelsten sind. Sie sagte: „Denn dort herrscht die größte Stille.“ Hoffen wir, dass Asli Erdogan bald wieder frei kommt. Die Türkei hat auch ihre Stimme nötiger denn je. Doch setzt Staatspräsident Erdogan in dem von ihm verordneten Ausnahmezustand alles daran, dass es kritische Stimmen in seiner „Neuen Türkei“ gar nicht mehr gibt.

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