16.11.2008 · An diesem Sonntag, am Volkstrauertag wird der toten Soldaten gedacht. Ein verkrampftes Gedenken in Deutschland. Denn die Kriege von heute werden mit verlogenen Begründungen geführt. Und ihre Toten werden verdrängt.
Von Nils MinkmarNeulich saß ich in einer Gruppe freundlicher Neonazis. Da in diesem Regionalzug öfter mal die Anhänger von Rollenspielen zum Gruppenevent aufbrechen, fielen mir ihre Thor-Steinar-Jacken und Kriegsabzeichen erst gar nicht auf. Aber schnell war ich im Bilde, denn sie plauderten offen, beschwerten sich darüber, von der lokalen Antifa ausgetrickst worden zu sein, und über Lehrer, die sie aus der rechten Ecke wieder herauslocken wollten. Aber sie wollten lieber zu ihren „nationalen Werten“ stehen. Sie trugen keine Glatzen, sondern einen harten Seitenscheitel. Es war Rechtsextremismus ohne mildernde Umstände: kein Alkohol, kein Hass, keine Perspektivlosigkeit, sondern allgemeine gute Laune im Bewusstsein, irgendwie was Besseres zu sein und doch von allerlei Gesetzen und Tabus unterdrückt zu werden.
Dann war von Erkenntnissen die Rede, die die offizielle Geschichtswissenschaft den Leuten vorenthalte. Ein Professor habe es nun herausgefunden: In den dreißiger Jahren hätten alle aufgerüstet, „Deutschland aber gar nicht so sehr“. Der Zweite Weltkrieg sei Notwehr und Selbstverteidigung gewesen. Daran war weniger die Ignoranz der Fakten erstaunlich – ohne die Bereitschaft dazu kann man ja schlecht Neonazi sein –, sondern dieser Versuch, die Untaten der Vergangenheit mit heutiger Ethik zu begründen. Fehlte nur noch, dass die Operation Barbarossa als nation-building im Baltikum und humanitäre Hilfe für den Osten interpretiert worden wäre.
Man muss eben alle im Auge behalten
Das war schon verblüffend: Nazis, die den Krieg nicht schätzen. Unbegreiflich und ekelhaft, dass es solche Gruppen überhaupt noch gibt, aber es gibt ja auch Kannibalen und Kinderquäler, man muss eben alle im Auge behalten. Bei denen sollte das, angesichts ihrer unverkrampften Art, in einem vollen Zug so offen über ihre Sorgen, Nöte und Pläne zu plaudern, noch eher leichtfallen. Dennoch hatte ich etwas gelernt: Ich hätte nicht gedacht, dass Opferkult und Heldentod selbst unter Neonazis out sind.
In einer postmodernen Gesellschaft ist man solche Begriffe ohnehin schnell wieder los. Der vernetzte Bürger hat zum großen Glück ganz andere Mittel zur Verfügung, auf die Geschichte einzuwirken, als sich, irgendwelchen halbgaren Befehlen folgend, in taktischen Manövern zu Hackfleisch schießen zu lassen. Man kann Briefe schreiben, Bürgerinitiativen bilden und den Konsum steuern, per Boykott oder Anbieterwechsel. Man kann es sich vor allem aussuchen, ob man etwas tut oder nicht.
Rettet uns die Technik aus dem Dilemma?
Aber was ist mit den Berufen, die ohne Lebensrisiko nicht zu machen sind und die doch gemacht werden müssen? Personenschützer beispielsweise. In dem Film „In the Line of Fire“ erkundet Clint Eastwood genau diesen Punkt: Ein alternder Bodyguard leidet darunter, den Mord an JFK nicht verhindert zu haben. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Würde derselbe Mann in demselben Job aber auch den amtierenden Präsidenten unter Einsatz seines Lebens beschützen? Der vorzügliche Film gibt eine zeitgemäße Antwort. Der Leibwächter wirft sich im entscheidenden Augenblick durchaus zwischen Leib und Geschoss, aber er riskiert nicht so viel: Eine hochmoderne Schutzweste rettet sein Leben. Rettet uns also die Technik aus dem Dilemma?
Nur in einer idealen Welt. Genauso verhält es sich mit den Soldaten der Bundeswehr, für die nach quälender Debatte ein Ehrenmal gebaut werden soll (siehe auch: Sprache des Krieges: Wenn Gefallen nicht mehr gefällt). Dass Soldaten im Einsatz töten und sterben, ist ein Fakt, der für unsere Gesellschaft nur schwer akzeptabel ist. Trotzdem unterhalten wir eine Armee. Dieser Grundwiderspruch führt zu Debatten von quälender Verklemmtheit, weil die Begründungen nicht zu den Einsätzen passen, die Risiken nicht laut ausgesprochen werden und insgesamt der Preis möglichst gering sein soll.
Was unterscheidet Afghanistan von Somalia, Zimbabwe und Kongo?
„Die Freiheit Deutschlands wird am Hindukusch verteidigt“, ist ein seltsamer Satz, von dem keiner wissen kann, ob er stimmt oder nicht. Die Taliban verfolgen ein regionales Ziel, nämlich Kabul zu erobern. Al Qaida verfolgt auch ferne Ziele, nämlich Terroranschläge in Europa und überall zu verüben, aber Al Qaida ist dazu gar nicht auf die Taliban oder gar Afghanistan angewiesen. Ebenso gut gedeiht die von einem Saudi und einem Ägypter angeführte Bande in den pakistanischen Tribal Areas, wo sie, wie der CIA-Chef erst am Freitag wieder bestätigte, blüht und gedeiht.
Was haben die Isaf-Truppen dann aber in Afghanistan verloren? Sieht man die Taliban als Terrorgruppe, ist deren Bekämpfung mit fremden Armeen unsinnig, ungefähr so, als habe die Bundesregierung gegen Baader/Meinhof und die RAF die nepalesischen Ghurkas engagiert. Terrorgruppen werden durch Infiltration, Mithilfe der Bevölkerung, geheimdienstliche und polizeiliche Maßnahmen gestoppt, nicht durch Militär. Sieht man die Taliban hingegen als Fraktion eines Bürgerkriegs, in dessen Rahmen wir einer anderen Fraktion beistehen, macht die Abordnung schon mehr Sinn. Die Präsenz der Truppen wäre dann aber mindestens so sehr im afghanischen Interesse wie in dem der Bundesrepublik, außer man vertritt die These, ein stabiles Afghanistan sei für uns lebenswichtig. Aber dasselbe gilt ja für ein stabiles Somalia, Zimbabwe und Kongo, auch dort könnte sich Al Qaida niederlassen, in Sudan waren sie ja auch schon mal. Aber gäbe es dafür eine Mehrheit hierzulande?
So weit sind unser Recht und unsere Politik längst noch nicht
Die die Last dieses Einsatzes tragen, wie der Unteroffizier Boris Schmuda (siehe auch: Bundestag und deutsche Soldaten: Helden im Geplänkel), der bei einem Attentat in Kundus schwer verwundet wurde und dennoch in Vorträgen und Interviews die deutsche Präsenz dort verteidigt, argumentieren weniger mit deutschen Interessen als mit den Chancen, die die fremde Militärpräsenz für die Afghanen bringt: Handel und Gewerbe entwickeln sich, Schulen haben geöffnet, Frauen und Mädchen werden nicht mehr unterdrückt. Das sind hohe ethische Maßstäbe, die mit dem engen Begriff der Landesverteidigung nichts mehr zu tun haben, sondern die eine Weltinnenpolitik schon vorwegnehmen.
Unser Recht und unsere Politik sind aber längst noch nicht so weit. Dort muss der Einsatz mit dem Recht auf Selbstverteidigung begründet werden, als stünde der Sturm der Taliban auf Karlsruhe bevor. Und er darf nicht riskant sein: Tote sind Unfälle. Darum fallen so seltsame Sätze wie der des Abgeordneten Henning Otte: „Absolute Sicherheit kann gerade in einer asymmetrischen Bedrohungslage niemand garantieren.“ Ein immergrüner Satz, denn absolute Sicherheit kann kein Mensch einem anderen auf Erden garantieren, und zwar nie. Gemeint ist: Wir schicken euch in eine Gegend, in der sich alle gegenseitig an die Gurgel gehen, wo ein Menschenleben nichts zählt, gegen Typen, die seit drei Jahrzehnten ohne Pause Krieg führen und alle Ausländer, Weißen und ziemlich viele andere auch noch hassen – aber wir hoffen mal, dass nichts passiert.
Passt nicht zusammen: hehre Rhetorik und miese Ausstattung
Diese Verklemmtheiten gründen in ehrenwerten Motiven, aber sie erhöhen die Unsicherheit, weil sie zu einer bloß oberflächlichen Beschäftigung verführen, man blinzelt nur so durch die vor den Augen ausgebreiteten Hände. Resultat sind dann Katastrophen wie der Hinterhalt, in den die französische Patrouille geriet, wobei die staunende Öffentlichkeit erfährt, dass man den großen Kampf gegen Terror mit kaputten Funkgeräten und dreißig Jahre alten Hubschraubern führen möchte. Passt nicht zusammen: die hehre Rhetorik und die miese Ausstattung. In Wahrheit sind es verlogene Einsätze, deren Risiko afghanische Zivilisten und Bundeswehrangehörige tragen, von denen hierzulande lieber niemand zu viel wissen möchte, weil man schon ahnt, dass die Dinge nicht aufgehen. Das hat auch, laut eines Vortrags, den er in Loccum hielt, Attentatsopfer Schmuda belastet: das Desinteresse an diesem Einsatz und an dem Attentat, das ihn beinahe getötet hätte.
Löblich ist auch der Kampf der Bundeswehr gegen die Piraterie am Horn von Afrika, wer mag schon Piraten? Aber die deutsche Öffentlichkeit und das Rechtssystem sind noch nicht entsprechend entwickelt. Die Einsatzbedingungen sind darum so eng, dass sie uneffektiv sind. Man könnte sie also anpassen, lockern.
Die Dinge sind irreversibel in Bewegung gekommen
Andererseits: Was hat es mit deutscher Selbstverteidigung zu tun, die Weltmeere zu sichern? Man muss dazu schon sehr abstrakt werden: Freier Handel ist eine gute Sache, also auch gut für uns. Aber viele Dinge in der Welt sind schlecht, und es wäre besser, irgendwie auch für die Bundesbürger besser, wenn sie berichtigt würden. Aber lohnt das auch den Einsatz des Lebens deutscher Soldaten? Solche Debatten stehen an.
Das Ehrenmal, für das am 27. November der Grundstein gelegt wird, soll folgende schlichte Inschrift tragen: „Den Toten unserer Bundeswehr. Für Frieden, Recht und Freiheit.“ Ohne lokale Begrenzung. Der Hinweis, dass sie für Deutschland gestorben sind, fehlt – eine historische Zäsur. Dass es süß und ehrenvoll sei, fürs Vaterland zu sterben, galt seit Horaz als unumstößlicher Grundsatz des Zusammenlebens – ähnlich wie die Existenz der Sklaverei und das Verbot der Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare. Die Dinge sind also irreversibel in Bewegung gekommen, und obwohl vieles besser ist, ist längst nicht alles gut.
Die Antwort des Westens gegen Terroristen: einfach und in bequemen Raten
Das Opfer, wenn auch nicht unbedingt jenes von Leib und Leben, ist ein Konzept, ohne das es auch im Westen nicht gehen wird und auch nicht sollte: Unter den vielen, vielen Vorwürfen, die dem scheidenden amerikanischen Präsidenten gemacht werden, ist überraschenderweise einer besonders beliebt. Der Schriftsteller Joe Klein hat ihn mal so formuliert: „Nach dem 11. September 2001 hätte Präsident Bush alles von uns verlangen können, etwa all unsere SUV zu verbrennen. Und was kam stattdessen? 'Geht einkaufen, sonst haben die Terroristen gewonnen.'“
Gerade der Verzicht darauf, ein Opfer zu verlangen, wurde Bush vorgeworfen. Der unvermeidliche Militäreinsatz wurde der Berufsarmee und zu einem nie dagewesenen Teil Privatfirmen, also Söldnern, überlassen, die kein Opfer kennen, sondern bloß ein Risiko, das entsprechend entlohnt wird. Zur gleichen Zeit gab es Steuersenkungen, bezahlt wurde mit der Kreditkarte der Exekutive, dem Budgetdefizit. Einfach und in bequemen Raten, wie es in der Werbung heißt, wurde die Antwort des Westens gegen Terroristen, die, ohne zu zögern, ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben, konzipiert.
So gibt sich postmoderne Politik, so flott und so verlogen
Diese Haltung ist keine Erfindung von Bush: Auch die gigantische Aufgabe der deutschen Wiedervereinigung, die Zeitenwende von 1989, wurde so nebenher und heimlich über die Sozialsysteme finanziert. Niemand sprach von Opfern, die gebracht werden müssen, nicht einmal von finanziellen. Steuererhöhungen gelten schließlich als politisches Zyankali, wer davon spricht, verfolgt wohl den dringenden Wunsch, mal etwas ganz anderes zu machen.
Irgendwann hat sogar Bush diesen Fehler erkannt. Er ließ in einem Interview verlauten, er habe nach Beginn des Irak-Krieges auch Verzicht geübt und sei nie wieder Golfen gegangen, bloß Joggen und Radfahren. Das brachte ihm einen auf YouTube bald legendär gewordenen Wutanfall des Fernsehkommentators Ken Olbermann ein, der minutenlang in die Kamera schrie, ob Bush eigentlich den Verstand verloren habe.
Militäreinsätze ohne Tote, Wohltaten ohne Steuern, Krisen ohne Opfer haben für die Regierenden große Vorteile, sie entlasten auch sie von Verbindlichkeiten und Verhaltensstandards. Hätte Bush bei einem ernsthaften Kriegseinsatz mit Wehrpflicht und Mobilmachung noch sechs Wochen Urlaub machen und die wesentlichen Fakten ignorieren können? Kann man sich einen Silvio Berlusconi vorstellen, der von seinen Bürgern auch nur die geringsten Einschränkungen fordert? Alles im Griff, Daumen hoch und ein Lied auf den Lippen, so gibt sich postmoderne Politik, so flott und so verlogen.
Hoffentlich ....
Roland Niederberger (itzmi)
- 16.11.2008, 10:09 Uhr
guter Kommentar,
harald schneider (asklepion)
- 16.11.2008, 10:27 Uhr
Das ist eine brillante Diagnose …
Stefan Pohl (friedrich_leipzig)
- 16.11.2008, 14:32 Uhr
Vom Irrglauben der moralischen Legitimation
Ulrich Haselmann (oliver12345)
- 16.11.2008, 18:44 Uhr