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Veröffentlicht: 11.05.2017, 17:42 Uhr

Nachruf auf Joachim Kaiser Vom Genie eines ergriffenen Begreifers

Er war eine Art Mozart der Publizistik und wurde zur Berühmtheit des Kulturbetriebs: Zum Tode von Joachim Kaiser, dem großen alten Mann des deutschen Feuilletons.

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© Regina Schmeken/SZ Photo/laif Joachim Kaiser (1928 - 2017).

Man kann sich den Journalismus ja gut als Kathedrale vorstellen. Mit allerlei nebensächlichen Wichtigkeitstuergewölben und Leitartikelsäulen und Stammtischmeinungsorgeleien – von der scharrenden Weihwasserkompanie in Boulevard-Opferstock-Nähe ganz zu schweigen. Dort aber, wo das ewige Licht brennt und das Allerheiligste verwahrt wird, wo das Wunder sich vollzieht, wenn Fleisch und Blut von Figuren und die Töne von Engelskomponistenzungen sich in Worte, Sätze und Pointen, also in göttliche Anschaulichkeiten verwandeln müssen – dort strahlt die Rezension. Dort zelebriert der Kritiker seine hohen Künste.

Wir trauern jetzt um Joachim Kaiser, einen der letzten großen Hohepriester der Dreieinigkeit von Theater-, Musik- und Literaturkritik. Und setzen uns mit Tränen nieder. Denn Kaiser, der Universalkritiker, der in der Wesenheit der Musikkritik die anderen Disziplinen miteinbegriff, wenn er literarkritisch aufs Theater, theaterkritisch auf die Musik, musikkritisch auf die Literatur zuging – war ein herrlicher Liturgiker. Wenn er zelebrierte, war die Kathedrale überfüllt. Man wollte ihn predigen, die unbegreiflich hohen Werke der Ton- und Dichtkunst auslegen hören.

Man konnte ihn mit verbundenen Augen lesen

Sein Publikum las ihn in der Laune, wie Marcel Proust im siebten Band seiner „Recherche“ sich allein den idealen Leser der Journale vorstellen mag: „Aber man liest die Zeitungen, wie man liebt: mit verbundenen Augen. Man versucht den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Man hört die süßen Reden des Chefredakteurs mit an, wie man den Worten der Geliebten lauscht“. Man konnte Joachim Kaiser deshalb mit verbundenen, das heißt: fasziniert gebundenen Augen lesen, weil er den Dingen schon auf den Grund gegangen war. In einem Ton, einer Gestimmtheit, die ganz Ergriffenheit, zugleich aber ganz Begrifflichkeit war. Keiner konnte so wie er große, absolute Musik in eine Sprache kritischer, lebensvoll reflektierender Beschreibung übersetzen.

46341220 © Hauri, Michael Vergrößern Beim Besuch der Frankfurter Buchmesse, 2008: Joachim Kaiser (1928 - 2017).

Er war ein Meister des Sternstundenzaubers. Was ihm an Chopins Polonaisen, an Mozarts Figuren (ein ganzes Buch nur über das Personal von dessen Opern), an Beethovens langsamen Einleitungen und vor allem an seinen Klaviersonaten, über die er ein kluges, emphatisch eindringendes Buch schrieb, am Phänomen Adagio, an den Klavierverdichtungsabenden großer Pianisten, an den Seelenabgrundabenteuern sinfonischer Riesenwerke, in den Verfehlungen und Verhunzungen präpotenter Opern- oder Theaterregie aufging – das wurde unter seiner frei formulierenden Emphasenschreibregie, der man das strömend Diktierte immer anmerkte, zum publizistischen Ereignis. In empfindsam geballten Espressivo-Wendungen wie „linde Bewegtheit“ oder „Pianissimo-Süße“ wurde Musik selbst zur Nahrung seiner Sprache, die ein Werk überformte, entschlüsselte, seinen Verlaufsformen und Formverläufen nachspürte und seine Melodierätsel und Konstruktionsmirakel glücklich feierte.

Jedes Wort kündete vom Durchdringensein

Philosophischer Anspruch, sentimentalische Naivität und grundgescheiter Kitsch durften sich da zuweilen bei ihm ohne Pein umarmen. Denn es ging ihm wie bei seinem absoluten musikalischen Idol, dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler, um ein „zu Herzen gehendes Durchdrungensein“. Jedes Wort, das er zu Papier brachte oder in Mikrofone sprach, kündete von diesem Durchdrungensein. Und davon, was es wollte: Wirkung.

46342158 © Hauri, Michael Vergrößern Buchmesse in Frankfurt, 2008: Joachim Kaiser und seine Tochter Henriette stellen ihr gemeinsames Buch „Ich bin der letzte Mohikaner“ vor.

Schon der ganz junge Schüler, Spross einer musikalischen Tilsiter Arztfamilie, bei der ein Edwin Fischer und ein Wilhelm Kempff ein und aus gingen, bat, als er nach dem Krieg nach Flucht und Vertreibung in Hamburg gestrandet war, einfach die Klassen der Oberstufe des hanseatischen Gymnasiums in die Aula, wo er ihnen Beethoven-Sonaten vorspielte. Und der junge Student der Musikwissenschaft belegte sofort wie selbstverständlich einen Nachkriegshörsaal an der Universität Göttingen, wo er seinen Kommilitonen aus dem Stand heraus Vorlesungen über Chopins Leben und Werke hielt – die überlaufen waren, während die Veranstaltungen der ordentlichen Professoren vor Leere gähnten.

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