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Zum Tod von Hilmar Hoffmann : Ein Mann seiner eigenen Gründerzeit

Er musste das Neue nicht in gesuchten Gegensatz zum Kanon bringen: Hilmar Hoffmann als Literaturzircusdirektor im Jahr 1975. Bild: Lutz Kleinhans

Hilmar Hoffmann zeigte in zwei Jahrzehnten als Kulturdezernent Frankfurts, wie man einer Stadt durch überlegte Kulturpolitik ein neues Gesicht geben kann. Mit Durchsetzungsvermögen, aber auch mit intellektueller Durchdringungskraft. Nun ist er mit 92 Jahren verstorben.

          Zu ihrem Ehrenbürger hat die Stadt ihn nicht gemacht, sie mag es jetzt bedauern. Hilmar Hoffmann, der am Samstag in Frankfurt am Main gestorben ist, arbeitete zwanzig Jahre lang als Kulturstadtrat der Metropole, die ihm viel verdankt. Er war hierher aus Oberhausen gekommen, wo man Anfang der fünfziger Jahre den sechsundzwanzigjährigen Absolventen eines Regiestudiums zum Direktor der dortigen Volkshochschule gemacht hatte. Die Gründung der schon bald berühmten Kurzfilmtage, die zunächst „Kulturfilmtage“ hießen, machte ihn republikweit bekannt.

          Dass er später sowohl Sozial- wie Kulturdezernent von Oberhausen wurde, war schon fast Programm. In vielen Städten bereitete sich damals auch kulturell der Übergang zu den sozialdemokratischen Wahlerfolgen der späten sechziger und siebziger Jahre vor. Die Formel „Kultur für alle“, die derjenigen von der „Bildung für alle“ nachfolgte, meinte dabei nicht nur die Beseitigung finanzieller und infrastruktureller Hindernisse beim Zugang zu ästhetischer Produktion. Sie war auch von der Überzeugung getragen, Kunst aller Spielarten und Schwierigkeitsgrade habe jedermann etwas zu sagen. Wer heute behauptet, die Zeit vor 1968 sei eine des Stillstands und der Restauration gewesen, schreibt nicht nur der heutigen Kultur der Rieslingfeste und Schloßplatzremmidemmis zu viel Belegkraft für eine offene Gesellschaft zu, sondern berichtet auch einseitig.

          Als Hoffmann 1970 sein Amt in Frankfurt antrat, war der Ruf der Stadt in vielen Hinsichten zweifelhaft. Schön fanden sie, um es vorsichtig zu sagen, nur wenige. An das kurz danach gebaute Technische Rathaus wird beispielsweise denken, wer sich erinnert, wie damals gebaut wurde. Das Geld der Banken verbreitete keinen Flair, die Studentenbewegung befand sich langsam im Übergang zur K-Gruppenbildung, Frankfurts Kriminalstatistik galt auch diesseits der ersten linksradikalen Anschläge als beeindruckend, und der Main floss mitunter in seltsamen Farben. Dass in der „Frankfurter Schule“ ästhetische Fragen zu Schlüsselfragen der Gesellschaftsdiagnose erhoben wurden, strahlte über die damalige Präsenz des Suhrkamp Verlages und des Generalmusikdirektors der Oper, Michael Gielen, hinaus wenig in die Stadt aus.

          Eine nicht ganz leicht zu bewertende Zahl

          Als Hilmar Hoffmann 1990 aus dem Amt als Kulturdezernent ausschied, konnte er auf eine eigene Gründerzeit zurückblicken. Das Frankfurter Museumsufer mit seiner Perlenkette von – um nur einige Einrichtungen zu nennen – Liebieghaus, Städel, Film- und Architekturmuseum, Museum der Weltkulturen und Jüdischem Museum, einer Kette aus Bestehendem und Neuem also, war seine Idee. Als die SPD 1977 abgewählt wurde, verwirklichte er sie eben mit der CDU. Hoffmanns Energie und Rhetorik übertrugen sich über die phantasielosen Grenzziehungen der Kulturpolitik (bürgerlich/unbürgerlich; E/U; kritisch/affirmativ) hinweg. Am Ende seiner Amtszeit hatten fünfzehn neue Museen eröffnet.

          Im Oktober 1970 als frischgebackener Kulturdezernent Frankfurts bei der Amtseinführung mit Oberbürgermeister Walter Möller Bilderstrecke

          Es ist ausgerechnet worden, dass 1,4 Milliarden Euro in Hoffmanns Projekte geflossen sind – eine im Vergleich allerdings nicht ganz leicht zu bewertende Zahl, wenn heute allein für die geplante Instandsetzung der Städtischen Bühnen mehr als achthundert Millionen angesetzt werden. Dass Brandschutzverordnungen, Arbeitsplatzrichtlinien und technische Standards die subventionierte Kunst an den Punkt bringen könnten, an dem selbst ihren größten Freunden auffallen würde, dass sie mit einer gewaltigen Umverteilung nach oben einhergeht, ist eine Möglichkeit, die sich in den wirkungsvollsten Jahren Hoffmanns noch nicht abzeichnete.

          Kein gesuchter Gegensatz

          Der Wille zur Kultur für alle hatte damals zumindest eine Fülle von Einrichtungen geschaffen. Die Erwartung, dass dann tatsächlich auch alle nutzen, was allen angeboten wird, war und bleibt gewagt. Hilmar Hoffmann gehörte allerdings zu einer sozialdemokratischen Generation, die in Bezug auf Kunst, Staat und Publikum und Bildung sowohl Bring- wie Holschulden sah. Dass das Kulturpublikum, wie ein Kollege Hoffmanns zu dessen 85. Geburtstag formulierte, „nach wie vor ein Abiturspublikum“ ist, sollte jedenfalls um den Hinweis ergänzt werden, dass in Hoffmanns Frankfurter Gründerjahren noch nicht wie heute knapp die Hälfte eines Jahrganges das Abitur erlangte. Das Missverhältnis zwischen dem Wohlstand, der Bildung und der Zahl der nach 1960 Geborenen einerseits, ihrer Anteilnahme an staatlich geförderter Kultur andererseits – immer noch nicht mehr als zehn Prozent der Bevölkerung –, zeigt weniger soziale Barrieren an als die erhebliche Konkurrenz um die Freizeit der meisten. Alles hat zugenommen: die Zahl der Bühnen, der Ausstellungshallen und Museen, der Literaturhäuser, der Festivals, der Konzerte und der Kinoleinwände – nur die Zeit, sich all dem zuzuwenden, die hat nicht zugenommen.

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          Hilmar Hoffmann war ein Kulturpolitiker, der unter der Bedingung der Konkurrenz aller Kulturgebiete um Aufmerksamkeit das Ausprobieren von Neuem nicht in einen gesuchten Gegensatz zum Kanon und zur Tradition brachte. Die Abschaffung des Frankfurter Balletts bei gleichzeitiger Hergabe des Schauspiels an performative Diskursmarotten wäre seine Sache wohl nicht gewesen. Die etablierte Kunst lag ihm so sehr am Herzen wie die „freie Szene“, die Stadtteilbibliotheken, die Lese- und die Musikförderung.

          An einer der gelungensten Museumsmeilen Europas

          Vor allem aber war Hoffmann ein Kulturpolitiker, der in der Sache der Künste selbst auskunfts- und urteilsfähig blieb. Darum sah man auf seinem Gesicht auch nie jenen Ausdruck hilflosen Überfordertseins durch unverstandene Avantgarden oder schwierige Traditionsbestände, der viele Politiker zeichnet und noch mehr Zeitgenossen einen großen Bogen um die Kultur machen lässt. Mit dem institutionalisierten Glauben, dass wir ganz, ganz viel öffentlich finanzierte Kultur brauchen und lieber ein Museum mehr als eines weniger, hält oft die politische Fähigkeit, etwas Inhaltliches zur Kunst zu sagen, eine Idee mit ihrer Personalplanung zu verbinden und einen Sinn für das Publikum zu entwickeln, nicht Schritt. Nicht selten tarnt sich diese hilflose Einstellung als Garantie der Kunstfreiheit: Wir finanzieren nur, wollen aber keinesfalls festlegen, was. Hilmar Hoffmann entzog sich dieser Alternative. Dass er aus der Welt der Bühne wie des Films kam, bewahrte ihn zusätzlich zu seinem Willen, die Aufgaben der Kulturpolitik intellektuell zu durchdringen, vor solcher Halbherzigkeit.

          Das prädestinierte ihn nach seinen Frankfurter Jahren für beinahe ebenso lange Zeit als Präsident des Goethe-Instituts. Man tut seiner weithin geschätzten Arbeit dort gewiss kein Unrecht, wenn man diese institutionelle Krönung der Karriere nicht mit dem verbindet, was von ihm bleiben wird: die lokalen, städtischen, gebauten Wirkungen. Wer dieser Tage an einer der gelungensten Museumsmeilen Europas entlanggeht, ohne sich vorab schon festlegen zu müssen, ob Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum“, William Kentridge, Rubens oder das Fahrrad als urbane Größe am meisten sein momentanes Interesse verdient, dankt die Möglichkeit dazu Hilmar Hoffmann. Die Stadt Frankfurt sollte aus Anlass der Trauer über einen entsprechenden und mehr als verbalen Dank nachdenken, um diesen verdienstvollen Bürger posthum zu ehren.

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