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Zum Tod von Ernst von Glasersfeld Erfahrung macht die Wirklichkeit

 ·  Er selbst hat sich einmal scherzhaft als Lumpensammler auf dem Terrain der Philosophie bezeichnet. Seine Arbeiten gaben Anstöße in einer Reihe von Disziplinen, von der Psychologie über die Kognitionswissenschaften bis zur Medientheorie: Zum Tod Ernst von Glasersfelds.

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Ernst von Glasersfeld hat sich einmal scherzhaft als Lumpensammler auf dem Terrain der Philosophie bezeichnet. Das zielte auf den ganz unakademischen Gestus, mit dem er sich Motive aus philosophischen Texten aneignete, um seinen eigenen Intuitionen zu folgen. Einer frühen Lektüre von Wittgensteins „Logisch-philosophischer Abhandlung“ verdankte sich denn auch der Anstoß, der ihn auf seinen Grundgedanken brachte. Denn dass Aussagen und die von ihnen beschriebene Wirklichkeit irgendwie miteinander zu vergleichen seien, um die Angemessenheit unserer Beschreibungen festzustellen, wie es Wittgenstein nahezulegen schien, das wollte ihm partout nicht einleuchten. Offensichtlich war doch vielmehr, dass uns eine solche zum Abgleich herangezogene Wirklichkeit vor aller Beschreibung nicht zugänglich ist. Und folgte man dieser Einsicht, so wie Glasersfeld es später tat, dann ging es dabei nicht nur um die Sprache, sondern grundsätzlich um die Wahrnehmung dieser recht betrachtet illusorischen Wirklichkeit - so lange man sie sich nämlich als festes Gegenüber des Subjekts vorstellt, statt sie als dessen beständig erneuerte konstruktive Leistung anzusehen.

Auf solcher Bahn bekam der alte Bischof Berkeley genauso Gewicht wie Gimabattista Vicos Überlegungen, dass Fakten eben im Wortsinn das von uns Gemachte seien. Aber akademische Wege waren es eben nicht, auf denen der 1917 in München geborene, in Meran und der Schweiz aufgewachsene Sohn eines altösterreichischen Diplomaten und einer sportbegeisterten Mutter zum Begründer des „Radikalen Konstruktivismus“ wurde. Als er bei der Lektüre von Joyces „Finnegans Wake“ auf Vico stieß, lebte er gerade als Farmer in Irland, nachdem die Flucht vor den Nationalsozialisten sein kaum begonnenes Studium der Mathematik in Zürich und Wien beendet hatte.

Interdisziplinär, weltläufig

Später war er Journalist und Kunstkritiker in Südtirol, Skilehrer mit Rennvergangenheit, dann einer der Pioniere auf dem Feld der Computerlinguistik, Erfinder einer Symbolsprache für Schimpansen und schließlich Professor für kognitive Psychologie an der University of Georgia. Seine konstruktivistische Sicht auf die Erzeugung und Instandhaltung unserer individuellen wie kollektiven Wirklichkeiten nahm viele Erfahrungen in sich auf; und als erkenntnistheoretisches Paradigma konnte sie zwar kaum in den philosophischen Seminaren Fuß fassen, wo man in dieser Hinsicht vermutlich zu abgebrüht ist, doch gab und gibt sie Anstöße in einer Reihe von Disziplinen, von der Psychologie über die Kognitionswissenschaften bis zur Medientheorie.

Interdisziplinarität, und zwar avant la lettre, ist ein Stichwort, das mit Blick auf die Arbeiten Ernst von Glasersfelds deshalb wohl fallen muss. Obwohl man den Ausdruck Weltläufigkeit für diesen akademischen Außenseiter mit beachtlicher Wirkung fast vorziehen wollte, denn so wäre gleich die Verbindung geschlagen zur selbstverständlichen, unwillkürlich an die besten Seiten Altösterreichs erinnernden Lebensart, die man an ihm bewundern konnte und die auch seine vor zwei Jahren erschienenen „Unverbindlichen Erinnerungen“ vor Augen führen. Am vergangenen Freitag ist Ernst von Glasersfeld nun im Alter von dreiundneunzig Jahren in seinem Haus in Amherst, Massachusetts, verstorben.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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