http://www.faz.net/-gqz-90vbn

Zum Tod von Eberhard Jäckel : Das Vorurteil durch das Urteil bekämpfen

  • -Aktualisiert am

„Die Freiheit des deutschen Professors ist auch eine Verpflichtung“: Eberhard Jäckel (1929 - 2017). Bild: Patrick Junker

Der Historiker Eberhard Jäckel trug maßgeblich dazu bei, dass die Bundesrepublik einen gerechten Umgang mit der Vergangenheit erlernt hat. Nun ist er im Alter von 88 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

          „Der Mörder Hitlers.“ So antwortete Eberhard Jäckel in dem Fragebogen, den der Schriftsteller Marcel Proust gleich zweimal in seinem Leben ausfüllte, auf die Frage „Wer oder was hätten Sie sein mögen?“ Dass ihn dies nicht daran hinderte, Hitlers Weltanschauung mit analytischer Nüchternheit zu erklären, sagt Wesentliches über den Wissenschaftler und Bürger Eberhard Jäckel aus.

          „Hitler hatte zwei Ziele: den Erwerb von Lebensraum im Osten und das, was er die Entfernung der Juden nannte.“ Mit seiner pointierten Sprache war Eberhard Jäckel einer der führenden Hitler-Forscher der Bundesrepublik. „Hitlers Weltanschauung“ (1969) und „Hitlers Herrschaft“ (1986) setzten Maßstäbe der Hitler-Interpretation. Dabei zählte Jäckel zu den „Intentionalisten“, die der Person und dem Willen Hitlers entscheidende Bedeutung zusprachen, während die „Funktionalisten“ von einem „schwachen Diktator“ und einem Prozess „kumulativer Radikalisierung“ (Hans Mommsen) ausgingen.

          Dieser Streit, hinter dem die Auseinandersetzung um die Bedeutung von Personen und Strukturen in der Geschichte stand, ist heute längst überwunden, die Bedeutung der Person Hitlers ist ebenso unstrittig wie ihre Korrespondenz mit der Gesellschaft und ihren Eliten, die „dem Führer entgegenarbeiteten“ (Ian Kershaw). Und gerade Jäckel wusste, dass wissenschaftliche Forschung stets das Ziel haben muss, über sich selbst hinaus zu gelangen. Es gehe darum, so sein immer wieder vorgetragenes hermeneutisches Credo, „das Vorurteil durch das Urteil zu bekämpfen.“

          Eberhard Jäckel schrieb Holokaust mit „k“ und sprach nicht von einem Mahnmal, sondern einem Denkmal: Das Stelenfeld zur Erinnerung an die ermordeten Juden Europas in Berlin.
          Eberhard Jäckel schrieb Holokaust mit „k“ und sprach nicht von einem Mahnmal, sondern einem Denkmal: Das Stelenfeld zur Erinnerung an die ermordeten Juden Europas in Berlin. : Bild: dpa

          Das gelang ihm in besonderem Maße für den Holokaust, den er vorschlug, mit „k“ zu schreiben, um nicht der medial verbreiteten englischen Schreibweise zu folgen, sondern der sachlich richtigen griechischen Schreibung: „holos“ und „kaustein“, „ganz verbrennen“. Dabei zog er es vor, vom „Mord an den europäischen Juden“ zu sprechen, dessen wissenschaftliche Erforschung er in den achtziger Jahren ganz wesentlich vorantrieb. Der internationale Kongress, den er im Juni 1984 in Stuttgart veranstaltete, war von bahnbrechender Bedeutung für die Holokaust-Forschung, wobei er zu Recht stolz darauf war, dem frühen Pionier Raul Hilberg zu dem ihm gebührenden Platz zu verhelfen.

          Charakteristisch für Jäckel war sein Anspruch, die Ergebnisse dieser Forschung in die Öffentlichkeit zu tragen. Mit seiner eleganten Erscheinung und eingängigen Formulierungen hatte er bereits Fernsehprominenz gewonnen, als es noch nur drei Kanäle gab, bevor er den Mord an den Juden aus siebzehn europäischen Ländern 1990 mit der vierteiligen Serie „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ gemeinsam mit der Journalistin Lea Rosh einem Massenpublikum nahebrachte. Dass die Verwaltung der Universität Stuttgart, an der er von 1967 bis 1997 lehrte, ihn mahnte, eine Nebentätigkeitskeitsgenehmigung zu beantragen, konterte Jäckel, wie er gern erzählte, mit der Bemerkung, er betrachte die Vermittlung seiner Forschungsergebnisse nicht als Nebentätigkeit, sondern als zentrale Aufgabe eines Professors.

          Denkmal für die ermordeten Juden Europas

          Stein geworden ist diese Tätigkeit mit dem 2005 eingeweihten Denkmal für die ermordeten Juden Europas in der Mitte Berlins, das er ebenfalls gemeinsam mit Lea Rosh initiiert hat und das aus der deutschen Erinnerungskultur gar nicht mehr wegzudenken ist. Dass er stets darauf bestand, es heiße „Denkmal“ und nicht „Mahnmal“, sagte abermals Wesentliches aus: nicht um moralisierendes Mahnen ging es ihm, sondern um begründetes Denken.

          Eberhard Jäckel war ein der Aufklärung verpflichteter Bürger, stets bereit, geglaubte Gewissheiten in Frage zu stellen, aber auch Position zu beziehen. Adenauers Kampagne gegen „Brandt alias Frahm“ trieb ihn in die Arme der SPD, für die er 1968 gemeinsam mit Günter Grass und Siegfried Lenz die Sozialdemokratische Wählerinitiative gründete. Jäckel ergriff Partei und suchte zugleich Gegenrede: „Widersprechen Sie mir“, forderte er seine Studenten im Seminar ein ums andere Mal heraus.

          Liberaler Gentleman mit politischer Überzeugung

          Er war ein zutiefst liberaler Gentleman, der sich ehrlich machte. Wenn ich meine politischen Überzeugungen offenlege, so sagte er immer wieder, kann jeder überprüfen, ob es meine Unabhängigkeit als Wissenschaftler beeinträchtigt. Es tat es nicht, mit einer Ausnahme vielleicht: Als sein akademischer Lehrer Karl-Dietrich Erdmann in den neunziger Jahren wie auch andere führende deutsche Historiker der Nachkriegszeit in die Kritik geriet, dem Nationalsozialismus allzu nahe gekommen zu sein, verhielt sich Jäckel ebenso abwehrend wie andere Vertreter jener Flakhelfer-Generation der um 1930 Geborenen, die für eine offene westorientierte Gesellschaft gestritten hatten, die aber diese persönliche Dimension nicht an sich herankommen lassen wollten.

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

          Mehr erfahren

          Nichtsdestoweniger hat Eberhard Jäckel einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Bundesrepublik einen vernunftgeleiteten, offenen und gerechten Umgang mit der Vergangenheit erlernt hat, wobei er kritisch auf zunehmend reflexhafte Moralisierungen reagierte, auch wenn dies unpopulär war. Unabhängigkeit aber ging ihm über alles, und daher gehörte er auch keinem Lager an, er war kein Netzwerker, und er bildete auch keine Schule aus. Stattdessen gab er mir einen entscheidenden Satz mit auf den Weg: „Die Freiheit des deutschen Professors ist auch eine Verpflichtung.“ Am 15. August 2017 ist der große Historiker, Bürger und Gentleman Eberhard Jäckel im Alter von 88 Jahren gestorben.

          Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er war von 1994 bis 2001 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl von Eberhard Jäckel an der Universität Stuttgart.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Was Döpfner wirklich gesagt hat

          Verleger gegen ARD : Was Döpfner wirklich gesagt hat

          Der Verleger-Präsident Mathias Döpfner hält eine feurige Rede und teilt gegen die Medienpolitik, ARD und ZDF aus. Die ARD-Chefin Wille reagiert wie zu erwarten mit einem Beißreflex. Und produziert „Fake News“.

          Topmeldungen

          Aufstieg bei den Konservativen : Der britischste aller Briten

          Jacob Rees-Mogg war schon immer anders. Mit fünf Jahren wurde er Mitglied der Tories, doch niemand sagte ihm eine große Karriere voraus. Nun steht er plötzlich im Rampenlicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.