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Zum Tod von Hans-Adolf Jacobsen : Militärisch für den Frieden

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Hans-Adolf Jacobsen, geboren am 16. November 1925, gestorben am 12. Dezember 2016 Bild: privat

Mit dem „Imperativ des Friedens“ im Blick und einer „Politik des praktischen Handelns“ im Kopf war der Politologe Moralist und Menschenfreund. Im Alter von 91 Jahren ist Hans-Adolf Jacobsen gestorben.

          Der Kalte Krieg endete am Bonner Hofgarten. Dort, im Seminar für Politische Wissenschaft, inspiriert von Hans-Adolf Jacobsen – seit 1969 Professor in dem von ihm und Karl Dietrich Bracher geführten Seminar –, standen in den siebziger und achtziger Jahren die Türen offen für Begegnungen von Deutschen, Amerikanern, Russen und Polen. Immerzu waren Besucher da, mal aus dem Osten, mal aus dem Westen und am besten gleichzeitig. Studierende aus Ost und West mischten sich, und führende Intellektuelle der verfeindeten Großmächte gaben sich ein Stelldichein.

          Je kälter es im Kalten Krieg wurde – auch nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 –, umso zielgerichteter waren die Podien, die Jacobsen zum Meinungsaustausch schuf, den „Imperativ des Friedens“ im Blick. Für Jacobsen umfasste dieses sein Lieblingswort, das er als Titel eines seiner Bücher wählte, immer auch und in besonderer Weise die unmittelbaren Nachbarn der Deutschen im Osten, die Polen. Dass er die Partnerschaft der Universität Bonn mit der Universität Warschau begründete, war nur folgerichtig. Der Frieden würde nur gelingen, so war er überzeugt, wenn alle sich in ihm wiederfinden, die durch die Logik der totalitären Geopolitik geteilt worden waren.

          Er blieb seinem Credo treu

          Nie wurde er müde, eine „Politik des praktischen Handelns“ zu fordern, um die Russen davon zu überzeugen, dass die euro-amerikanischen Gesellschaften es ernst meinen mit dem Friedensgebot: Erziehung, politische Bildung und „gesellschaftspolitische Prozesse“, die auf Dauer den antitotalitären Konsens in besonderer Weise fördern, seien immer wieder neu auszurichten an dem Gebot des „Abbaus noch vorhandener Vorurteile auf beiden Seiten“. Engagiert postulierte Jacobsen diese Gedanken noch einmal bei einer von ihm angeregten Tagung des Zentrums für Europäische Integrationsforschung und der Russischen Akademie der Wissenschaften 1998 in Moskau. Mit Sorge sah er in den nachfolgenden fünfzehn Jahren, wie die Dinge sich wieder zum Schlechten wendeten, doch er blieb seinem Credo treu.

          Teilweise jüdische Familienbande machten das Leben für den 1925 in Berlin geborenen Jacobsen nach 1938 nicht mehr möglich, so besuchte er als Jugendlicher zeitweise die Deutsche Schule in Brüssel. 1943 fand er sich gleichwohl als Soldat in der Wehrmacht des Deutschen Reiches. Russische Gefangenschaft gab ihm über fünf Jahre Gelegenheit, Russisch zu erlernen. Er wollte wissen, wie die Menschen „ticken“, vor denen er in Deutschland gewarnt worden war. Nach Studien in Heidelberg und Göttingen wurde er 1955 bei Percy Ernst Schramm promoviert über „Die deutschen militärischen Planungen zum Einfall in Holland, Belgien und Luxemburg“.

          Im Sinne der Selbsterhaltungspflicht des Staates

          Karl Dietrich Bracher, der unlängst verstorbene Gründer des Bonner Seminars für Politische Wissenschaft, betreute 1966 die Habilitation über die „Nationalsozialistische Außenpolitik: 1933 - 1938“. Das Buch ist bis heute ein Standardwerk, und verhalf seinem Autor zum Entree in die traditionsreiche Bonner Universität: 1969 wurde Jacobsen ordentlicher Professor für Politikwissenschaft, Zeitgeschichte und Internationale Beziehungen. Jacobsen und Bracher verkörperten die Bonner Schule der Politikwissenschaft, eine Säule der politischen Kultur in Deutschland.

          1981 wurde Jacobsen Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung und wenige Jahre später Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Innere Führung in der Bundeswehr, für deren Beirat er zwischen 1969 und 1989 sprach, und die Aussöhnung mit Polen trieben ihn an und um. Militärisch denken im Sinne der Selbsterhaltungspflicht des Staates und zugleich dem Frieden dienen im Sinne der Zusammenarbeit zwischen den Mächten, das war für ihn die realpolitische Aufgabe. Es war die Überzeugung eines vom Krieg geprägten und dadurch gegen den Krieg imprägnierten Moralisten und Menschenfreundes. Inmitten seiner großen Familie ist Hans-Adolf Jacobsen am Montag gestorben, nur wenige Monate nach Vollendung seines 91. Lebensjahres.

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