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Veröffentlicht: 11.05.2015, 17:38 Uhr

Zum Tod von Odo Marquard Wir Menschen sind stets mehr unsere Zufälle als unsere Wahl

Prägnanz, Gelassenheit und Witz zeichneten diesen Kenner und Therapeuten großer gedanklicher Entwürfe aus: Zum Tod des Philosophen Odo Marquard.

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© dpa Kluger Psychoanalytiker und Therapeut der philosophischen Übertreibungsgesten: Odo Marquard (28. Februar 1928 bis 9. Mai 2015) im Jahr 2008 in seiner Wohnung in Gießen

In den siebziger und achtziger Jahren gehörte der Philosoph Odo Marquard zu den auffälligsten Denkern der Bundesrepublik. Das zu werden gelang ihm durch seinen ganz unverwechselbaren Ton des Argumentierens. Marquard fand sich in der Philosophie von Kant und Hegel bis Heidegger und Adorno blind zurecht, konnte die wichtigsten Gedankenlinien des Idealismus und seiner Verfallsstufen, die von ihm begrüßt wurden, auf unnachahmlich verständliche Weise nacherzählen, hatte einen ebenso präzisen wie witzigen Sinn für die Pointen großer philosophischer Entwürfe.

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Der seine blieb absichtlich klein. Für ihn war bürgerliches Leben der „Abschied vom Prinzipiellen“ (1981). Der sogenannten „skeptischen Generation“ der um 1925 herum Geborenen war Marquard das gute Gewissen. Er nämlich fand, dass Leute, die nicht aufs große Ganze gehen, nach den Überhebungen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts kein schlechtes Gewissen haben mussten. Sie sollten vielmehr überhaupt ein Gewissen haben und - wie er an die Intellektuellen adressierte - sich nicht nur zu dem der anderen aufspielen. Pluralismus, Gewaltenteilung, Ironie waren Marquards Stichworte zur Situation nach 1945. Was Richard Rorty später mit den Mitteln der analytischen Philosophie vortrug, hatte er mit denen Kants, der Romantik und Freuds formuliert. Es gibt keine besseren Einführungstexte in die europäische Tradition seit 1770 als Marquards Aufsätze. Seine Freiburger Dissertation von 1954, als „Skeptische Methode im Blick auf Kant“ gedruckt 1958, ist hundertzehn Seiten lang und sollte jedem Schüler oder Studenten, der Kant verstehen lernen möchte, in die Hand gedrückt werden.

Besser als der Spatz auf dem Dach

Seine eigene Position gewann er „kritisch“: indem er die Sackgassen und blinden Flecken von schon Gedachtem ermittelte. Die ewigen Debatten zwischen Deterministen und Indeterministen, Optimisten und Pessimisten, Realisten und Konstruktivisten erschienen dem gewitzten Kantianer dabei naiv. Lesen schützt vor Wiederholungszwang, war seine Devise. Marquards wichtigste Aufsatzsammlung, „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“, in die auch Beiträge eingingen, die er zur Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ leistete, interpretierte die Texte neu, mit denen sich der Marxismus munitioniert hatte. Sie markierte 1973 einen Übergang von den Utopien der Zeit um 1968 zu einer realistischeren Einschätzung der historischen Lage.

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Diese Einschätzung war vom Begriff der „Kompensation“ bestimmt. Die Moderne steigert die Übel, hieß das, und kompensiert zugleich dafür. So fasste er zusammen, was er von seinem Münsteraner Lehrer Joachim Ritter gelernt hatte und in den Werken seines bewunderten Kollegen Hans Blumenberg durchdacht fand. Berühmt wurde sein Wortmonstrum „Inkompetenzkompensationskompetenz“ als Umschreibung von Philosophie, die sich nirgendwo richtig auskennt, aber zuständig dafür und befähigt dazu ist, diesen Nachteil als einen allgemein menschlichen durch Denken auszugleichen.

Überhaupt Marquards Formulierungen. Manchen mögen sie fast zu zwangsläufig stets auf einen Scherz hinausgelaufen sein. Darunter waren aber viele treffende. Der „Njet-Set“ für die Vielflieger unter den Kritischen Theoretikern etwa, oder seine Variation auf Karl Marx: die Geschichtsphilosophen hätten die Welt nur verschieden verändert, „es kömmt aber darauf an, sie zu verschonen“. Oder das Motto über dem Resümee seiner Dissertation: „Die Taube auf dem Dach ist besser als der Spatz auf dem Dach“.

Nur aus der Geschichte begreiflich

Doch man würde sich täuschen, sähe man in Marquard nur einen intelligenten Unterhaltungskünstler der Philosophie. Auch der berühmte und tausendmal zitierte Vortrag über die „Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften“, denen er die Aufgabe zumutete, Folgeprobleme der industriellen Zivilisation durch Pflege von historischem Gedächtnis und kultureller Vielfalt abzumildern, charakterisiert nur unzureichend, worum es Marquard ging. Das zeigten viel besser zuletzt seine Vorlesungen „Der Einzelne“, die 2013 herausgegeben wurden, in ihren Interpretationen der existenzphilosophischen Motivlinien von Kierkegaard bis Sartre und Heidegger.

Argumente, wird dort demonstriert, lassen sich nur aus der Geschichte begreifen, denn zum Verständnis gegenwärtiger Befunde müsse man, das habe Freud gelehrt, auf jene Situation zurückgehen, in welcher sie entstanden. Für ihn war das stets eine polemische Situation, fast eine Gesprächssituation. Odo Marquard, der kluge Psychoanalytiker und Therapeut der philosophischen Übertreibungsgesten, ist am vergangenen Samstag im Alter von 87 Jahren gestorben.

Glosse

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Selbst Menschen, die öffentlich über Bücher sprechen, erklären häufig, sie hätten ja gar keine Zeit zum Lesen. Der Bazillus des nichtinformierten Diskurses verbreitet sich zusehends. Mehr 3 10

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