07.12.2009 · Kann man Angst vor Überfremdung kulturell begründen, wie es ein CSU-Politiker am Wochenende als Reaktion auf das Schweizer Minarett-Verbot getan hat? Wie hilfreich oder irreführend ist es, die Minarett-Moscheen-und-Kreuz-Debatten als Identitätsdebatten zu führen?
Von Christian GeyerWie kann ich mir meiner „sicher“ sein? Anders gefragt: Wie hilfreich oder irreführend ist es, die Minaretten-Moscheen-und-Kreuze-Debatten als Identitätsdebatten zu führen? „Wir müssen uns unserer eigenen kulturellen Identität so sicher sein, dass niemand in Deutschland Angst vor Minaretten hat“, erklärte der CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich am Wochenende stellvertretend für all jene, die ihre Angst vor Überfremdung kulturell begründen.
Der Witz des hier wie selbstverständlich eingeführten Kulturbegriffs ist freilich, dass er sich nicht von selbst versteht. Wer ihn in der politischen Auseinandersetzung verwendet, muss genau erklären, was mit kultureller Identität gemeint sein soll. Ist es ein Kampfbegriff, der „Kultur“ schlechterdings an die Stelle von „Rasse“ setzt? Dann richtet er künstliche Grenzen auf, behauptet kollektive Mentalitäten, schürt Ressentiments. Etwas anderes würde die flotte Identitätsvokabel, mit der Politiker hantieren, nur ausdrücken, wenn damit die Möglichkeit gemeint sein sollte, sich zu seinen Zugehörigkeiten und Herkünften in ein Verhältnis zu setzen.
„Was bezeichnet und wie kann ich überhaupt sagen: ,meine' Kultur?“, fragt der Philosoph François Jullien in seiner lesenswerten neuen Schrift „Das Universelle, das Einförmige, das Gemeinsame und der Dialog zwischen den Kulturen“. „Mein“ dürfe weder passiv noch possessiv verwendet werden: „Weder passiv: Ich gehöre durchaus zu einem kulturellen Ganzen oder zu einer kulturellen Kollektivität (der Sprache, der Geschichte, der religiösen Tradition etc.), so wie ich auch sage ,meine Familie'. Noch possessiv: Denn das ist eine Zugehörigkeits-Abhängigkeit, bei der ich mich nicht damit zufriedengeben kann, sie wie eine Art Atavismus zu ertragen. Vielmehr soll ich sie bearbeiten und transformieren, denn auch das ist die Eigenart von Kultur.“
Auch nach dem Kreuz ist so gefragt worden
Meine Kultur - passiv oder possessiv oder transformativ? Auf einmal geht die Rede von der kulturellen Identität nicht mehr so flott über die Lippen. Wer dazu aufruft, sich seiner Kultur „sicher zu sein“, sollte dies unterhalb eines bestimmten Differenzierungsgrads nicht tun dürfen. Denn man weiß ja nicht, was „Identität“ im Politikermund bedeuten soll: Wird da - gleichsam antikulturell: biologistisch oder nationalistisch - an Isolationismus und Abkapselung appelliert? Oder im Gegenteil in einem toleranzpolitischen Sinne daran erinnert, dass das Kulturelle selbst ein bewegliches Produkt permanenter Verschmelzungen, Entlehnungen und Überlappungen ist? Wer die Angst vor Minaretten (Moscheen und Kreuzen) erst dann verlieren wollte, wenn er auf seine „wahre“ kulturelle Identität stößt, käme aus dem Alarmzustand, in den er sich damit hineinversetzt, nicht mehr heraus. Er müsste warten, bis er sein wahres Selbst als ein gleichsam präexistentes und in sich schon fertiges Substrat der Persönlichkeit entdeckt hätte - in Wahrheit a never ending story, von der man seine Angstfreiheit und Toleranzbereitschaft besser nicht abhängig macht.
Hinter der Angst vor dem religiösen Symbol steht kein Kulturbegriff (es sei denn ein rassistisch deformierter), sondern eine laizistische Engführung der liberalen Ordnung. Indem man die Symbole von Christentum und Islam aus der Öffentlichkeit verbannt, sollen die Religionen zivilreligiös gezähmt und auf einen laizistischen Begriff von Gemeinnützigkeit reduziert werden. Das ist der Kern der identitätspolitisch aufgeplusterten Debatte um Minarette und Moscheen und Kreuze. Natürlich haben die Fragen nach der theologischen Notwendigkeit des Minaretts, die nun europaweit nach dem Schweizer Referendum aufgeworfen werden, ihre Berechtigung. Auch nach dem Kreuz ist so gefragt worden, als man es der Traumatisierung von Schulklassen verdächtigte.
Symbole als Deko?
Aber wie man skeptisch wurde, als Theologen nach dem Strassburger Kruzifixurteil das Kreuz nur noch als ein Kultursymbol des Abendlandes lesen wollten, so stutzt man, wenn deutsche Verbandsmuslime und Berufsintegrations-Ingenieure sich jetzt beeilen, Minarette als neutralen und eigentlich religiös entbehrlichen architektonischen Schmuck hinzustellen. Was immer sich über die kulturelle Kontingenz des religiösen Symbols herausfinden lässt, so behält es doch als öffentliche Manifestation des Glaubens seine missionarische, gerade nicht zivilreligiös neutralisierte Bedeutung.
Aber die Religionen sind nicht nur theologisch schlecht beraten, wenn sie ihre Symbole zur Deko erklären. Auch staatsrechtlich gibt es für einen solchen vorauseilenden Gehorsam keinen Grund. Religionsfreiheit schließt die Freiheit zur Ausdrucksformen ein, die erkennbar keine anderen Zwecke als religiöse verfolgen. In dieser rein religiösen Rationalität ist das opake Ritual als Beitrag zum säkularen Gemeinwesen gerechtfertigt - ein Beitrag, der nur durch entgegenstehende Rechtsvorschriften unserer Verfassung (und sei es des Baurechts) in Frage gestellt werden kann. Es führt kein Weg daran vorbei: „Meine Kultur“ hängt an Kreuzen und Minaretten.