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Emma Watson und der Feminismus : Was ein Dekolleté alles auslöst

Sie weiß auch nicht, was die ganze Aufregung um eine Modefotografie von ihr in einem Bolerojäckchen soll: Emma Watson. Bild: AFP

Hat Feminismus noch etwas mit dem Kampf um Frauenrechte zu tun? Der bizarre Streit um Bilder von Emma Watson und die Aktion, die Gruner + Jahr mit Ministerin Manuela Schwesig startet, lassen Zweifel aufkommen.

          Wie eine Frau auszusehen hat, die sich zum Feminismus bekennt, glaubt die britische Radiomoderatorin Julia Hartley-Brewer ganz genau zu wissen: nicht wie Emma Watson. Zumindest nicht wie Emma Watson in der jüngsten englischsprachigen Ausgabe der „Vanity Fair“. Dort war die Schauspielerin, die mit „Harry Potter“ ein Kinderstar wurde und nun ihren Auftritt als Belle in Disneys Realverfilmung von „Die Schöne und das Biest“ als Schritt in eine Erwachsenenkarriere feiert, dekolletiert zu sehen. Der Fotograf Tim Walker hatte die Sechsundzwanzigjährige in einer High-Fashion-Modestrecke vor märchenhaften Kulissen in unschuldigem Weiß inszeniert – und bekleidet mit einem gewirkten Bolero-Schulterteil, das gerade so viel Brust freilegt, wie es auch ein tief ausgeschnittenes Kleid getan hätte.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mehr nicht. Doch der visuelle Nichtaufreger reichte Julia Hartley-Brewer, um auf Twitter die Feminismus-Keule gegen die Schauspielerin zu schwingen, die sich in einem für Celebrities durchaus gängigen Rahmen für Frauenrechte ausspricht: als UN-Sonderbotschafterin, beim gegen Trumps Präsidentschaft gerichteten Frauenmarsch auf Washington und wann immer es darauf hinzuweisen gilt, dass Frauen weniger verdienen als Männer, auch im Filmbusiness. Heuchelei!, empörte sich Hartley-Bewer, hinter der sich andere Watson-Kritikerinnen sammelten, die urteilten: Wer seine Brüste zeigt, kann als Feministin nicht ernst genommen werden.

          Kritik für Fotoshotting : Emma Watson über Feminismus und ihre Brüste

          Müssen Feministinnen zugeknöpft sein?

          Wie denn bitte schön der Dresscode für ernstzunehmende Feministinnen aussehe?, wollten die sich wiederum über die Empörung Empörenden wissen. Langer Rock? Bedeckte Knöchel? Hijab? Darauf der Konter: Emma Watson hatte doch auch Beyoncés Freizügigkeit kritisiert. Schon tobte in den sozialen Netzwerken einer dieser unschönen, von Hashtags und Promifaktor getriebenen Stürme im Wasserglas. Brust zeigen, so die Logik der Kritiker, dürfen Feministinnen nur, wenn sie es wie Femen tun, um das männliche Establishment zu erschrecken. Nicht, um attraktiv zu wirken. Die einen, die sich Feministinnen nennen und glauben, Frauen dürften im Kontext der ästhetisierten Warenwelt und vermeintlich unter dem Diktat des männlichen Blicks keine weiblichen Reize setzen, gehen denen an die Gurgel, die mit Recht sagen: Warum soll sich eine Frau nicht zeigen, wie sie will?

          Emma Watson quittierte den Lärm um fast nichts mit Verblüffung, und man könnte es dabei bewenden lassen, wäre feministische und vermeintlich feministische Aufgeregtheit nicht gerade so angesagt. Frauenthemen taugen wieder als politischer Reizstoff, Feminismus ist sexy – davon will auch Gruner + Jahrs alte Dame „Brigitte“ profitieren und bringt pünktlich zum Weltfrauentag das „Brigitte F Mag“ heraus, ein Frauenmagazin für „Politik, Sex & Lametta“, aufgelegt von sechs Redakteurinnen unter 35. Sie sagen: „Wir sind die Generation, die richtig was verändern kann.“

          Schminktipps von der Drag Queen

          Die Erstausgabe versammelt Porträts junger Bundestagsabgeordneter und der amerikanischen Oberstaatsanwältin Kym Worthy, einen Text darüber, wie Diskussionen über Konsequenzen aus der Flüchtlingskrise Freundschaften belasten können, Schminktipps von einer Drag Queen und die Erkenntnis, das Sexphantasien nicht politisch korrekt sein müssen. Des weiteren gibt sie Beispiele für als gelungen charakterisierten Aktivismus im Netz. Beispiel eins: Eine Studentin sammelt auf „Change.org“ 58.000 Unterschriften für eine Petition, in der sie eine niedrigere Mehrwertsteuer für Tampons fordert. Nächstes Beispiel: die gegen Rainer Brüderles Dirndl-Einlassungen gerichtete Initiative #aufschrei der Netzfeministin Anne Wizorek (die ebenso wie eine Mitherausgeberin des „Missy Magazins“ und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) in der Rubrik „31 Fragen an den Feminismus“ gefragt wird, während Alice Schwarzer ungefragt bleibt) und die Initiative #ausnahmslos, die nach den Übergriffen der Kölner Silvesternacht auf sexuelle Gewalt überall und grundsätzlich hinweisen wollte.

          Applaus, Applaus: Emma Watson beim „Women`s March“ im Januar dieses Jahres in Washington.
          Applaus, Applaus: Emma Watson beim „Women`s March“ im Januar dieses Jahres in Washington. : Bild: AP

          Das reproduziert unkritisch, was die neuen Aktivistinnen der Gendergerechtigkeiten propagieren. Es ist allzu oft verblüffend kurz gedacht, ideologisch engstirnig und auf Knalleffekte jenseits tatsächlicher Probleme für Frauen angelegt. Dazu passt, dass die „Brigitte“ einen neuen Hashtag-Protest „für Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung“ in den Zeiten Donald Trumps lanciert: #Pinkfirst, inspiriert von den rosafarbenen Katzenohrenmützen (pussy hats), die Demonstrantinnen auf Frauenprotestmärschen tragen. Solche Hashtag-Initiativen sind billig und wohlfeil.

          Unterstützt wird die „Brigitte“-Aktion von Manuela Schwesig. Sie hatte sich in den sozialen Netzwerken unter dem Rubrum #teamginalisa schon für Gina Lisa Lohfink eingesetzt, als diese in einem laufenden Verfahren zwei Männer anklagte, sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu haben. Das Gericht gab der Klage nicht statt. Aber Manuela Schwesig hatte die Novellierung des Sexualstrafrechts unter dem Titel „Nein heißt Nein“, in dessen Licht der Lohfink-Prozess beispielhaften Charakter anzunehmen schien, durchgebracht. So funktioniert feministische Aufmerksamkeitsökonomie heute.

          Inhaltsverzeichnis: Blick ins „F Mag“.
          Inhaltsverzeichnis: Blick ins „F Mag“. : Bild: dpa

          Quelle: F.A.Z.

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