30.03.2010 · An diesem Dienstag wird Nikolaus Brender als Chefredakteur des ZDF verabschiedet. Wir wissen, warum er gehen muss. Er war für die Medienpolitik zu unbequem. Das gilt es festzuhalten. Ein Beitrag des früheren WDR-Intendanten Fritz Pleitgen.
Von Fritz PleitgenNeulich fragte mich ein Reporter, welche Eigenschaft Nikolaus Brender am meisten auszeichne. Geschmeidigkeit mochte ich dem langjährigen ZDF-Chefredakteur nicht attestieren, diplomatisches Geschick auch nicht. Eine Reihe hübscher Tugenden fiel mir ein: Unabhängigkeit, Leidenschaft, Solidarität, Kompetenz, Streitlust, Witz - allesamt passende Beschreibungen, aber für mich ist Wahrhaftigkeit der herausragende Charakterzug von Nikolaus Brender.
Dieses Wesensmerkmal hat er sich nirgends und von niemandem abpolieren lassen, was ihn am Ende eine Nummer zu sperrig für unseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk machte. Nicht nur beim ZDF, sondern auch beim WDR war er vielen Gremienvertretern nicht geheuer.
Kennengelernt habe ich Nikolaus Brender im Dezember 1987. Ernst Elitz, Chefredakteur des SDR, hatte uns eingeladen. Wir sollten über unsere Arbeitsbedingungen als Auslandskorrespondenten berichten. Nikolaus Brender über Südamerika, ich über die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten. Als das Thema „Chile unter General Pinochet“ aufs Tapet kam, ließ es Brender nicht an Klarheit in Analyse und Charakterisierung fehlen. Was bei der rachsüchtigen Junta durchaus zu unangenehmen Konsequenzen führen konnte.
Ein anderes Kaliber
Aber auch gegenüber der heimatlichen Politelite war Brender nicht auf Appeasement aus. Was der Südamerika-Korrespondent der ARD über die persönliche und politische Kumpanei des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß mit dem chilenischen Diktator vortrug, wich in seiner scharfen Unmissverständlichkeit deutlich vom öffentlich-rechtlichen Mainstream bei der Beurteilung politischer Akteure ab.
Nun war FJS in jeder Hinsicht ein anderes Kaliber als Roland Koch heute. Der Ministerpräsident des Freistaates Bayern machte nicht nur Helmut Kohl das Leben als Bundeskanzler schwer, er regierte je nach Stimmungslage auch kräftig in die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hinein, von denen er sich chronisch verfolgt fühlte. Was Brender vom Stapel gelassen hatte, besaß nach den damaligen Maßstäben durchaus die Qualität von gleich mehreren Programmbeschwerden. Ernst Elitz ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Ob er nach der Sendung Ärger bekam, entzieht sich meiner Kenntnis.
Als mir ein halbes Jahr später Friedrich Nowottny anbot, Chefredakteur beim WDR zu werden, setzte ich mich umgehend mit Nikolaus Brender in Verbindung. Ob er mit mir als Auslandschef nach Köln gehen wolle, fragte ich ihn. „Klar!“, sagte er. „Wann geht es los?“ Sobald der Verwaltungsrat unseren Verträgen zugestimmt habe, ließ ich ihn wissen. „Bürokratenladen!“, bekam ich für meine Auskunft zu hören.
Zwischen aktivem Journalismus und Programmstrategie
Wir haben bewegte Jahre erlebt: die Rebellionen im Ostblock, den Niedergang der DDR, die deutsche Einheit, das Ende des Sowjetimperiums, den Golfkrieg. Wir gingen immer an die technischen Grenzen, manchmal auch darüber hinaus, was Rückschläge zur Folge hatte. Wenn etwas schiefging, drückte sich Brender nicht davor, die Verantwortung zu übernehmen. Nach einer heftigen Panne, die wir alle verursacht hatten, bot er spontan seinen Rücktritt an. Ich bat ihn, mich künftig vor derartigen Überlegungen zu verschonen.
Dann trennten sich doch unsere Wege. Das Angebot von Dieter Stolte, Chefredakteur beim nationalen Fernsehsender ZDF zu sein, konnte er nicht zurückweisen. Auf der Nahtstelle zwischen aktivem Journalismus und Programmstrategie zu agieren war sein Ding. Mit seinem Team neue Formate zu entwickeln, Programme durchzusetzen und zu verteidigen war seine Passion. Sich vor das ZDF und seine Mitarbeiter zu stellen, betrachtete er als Selbstverständlichkeit, praktiziert je nach Gefechtslage mit jesuitischer Dialektik oder Brachialgewalt, mal Winkelried, aber viel lieber im Blücherstil als Marschall Vorwärts. Wenn es um die Sache seines Senders ging, kannte Brender keine Verwandten. Sein bester Freund, Hartmann von der Tann, weiß als sein damaliger Gegenspieler in der ARD ein Liedchen davon zu singen.
Nichteinmischung in die ureigene Angelegenheit
Nikolaus Brender hat uns in der ARD hart zugesetzt. Wir betrachten uns als den Informationssender Nummer eins. Mit seiner Mannschaft hat uns Brender diesen Rang ständig streitig gemacht: in der Aktualität, im Zeitgeschehen, im Sport und auch in der Nutzung neuer Medien. Mit Missmut verfolgten wir, dass er uns ebenso unverfroren die Meinungsführerschaft in grundsätzlichen Fragen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mehr und mehr abnahm. Wenn es um Politikerauftritte in Sendungen, Einflussnahmen von Parteien und anderen Interessengruppen oder Doping ging, holten sich die Medienjournalisten am liebsten die Ansichten von Nikolaus Brender ab.
Was er sagte, war erfrischend eindeutig, und er stand für das, was er sagte. Der ZDF-Chefredakteur Brender genoss keinen schlechten Ruf bei der schreibenden Zunft. Dennoch überraschte mich, mit welcher Verve die gedruckte Presse im Fall „Koch und Co. gegen Brender“ auf die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks pochte, während die Öffentlich-Rechtlichen in ihrer ureigenen Angelegenheit Nichteinmischung praktizierten. Verkehrte Welt.
Es war die Piusbruderschaft um Roland Koch
Es war nicht die Union, die den Vorschlag des ZDF-Intendanten, einen erfolgreichen und weithin respektierten Chefredakteur im Amt zu bestätigen, aushebelte. Es war die Piusbruderschaft um Roland Koch, deren Mitglieder bezeichnenderweise alle der CDU oder CSU angehören. Der Makel, den seit langem übelsten Angriff auf die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unternommen zu haben, wird an der Union hängenbleiben. Aber mit Blick auf Rundfunkpolitiker wie Berlusconi, Sarkozy und Putin fühlt man sich vermutlich in bester Gesellschaft. Ob die Spur bei der Brender-Enthebungsaktion auch ins Bundeskanzleramt führt, lässt sich nicht beweisen. Bemerkenswert ist allerdings, dass Angela Merkel ihre Parteifreunde nicht zur Raison gerufen hat.
Als ehemaliger EBU-Präsident habe ich einen recht guten Überblick über die Rundfunkverhältnisse in unserer näheren und auch ferneren Umgebung. Aus dieser Kenntnis heraus halte ich das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem in Deutschland, dank verschiedener Urteile des Bundesverfassungsgerichts, für das beste in Europa. Die Achillesferse ist die Aufsicht. Darüber verstehen es die etablierten Parteien ihren Einfluss geltend zu machen. Beim ZDF, wie wir jetzt erlebt haben, in besonders eklatanter Weise. Nun scheint kein Weg an Karlsruhe vorbeizuführen, um diese bedrohliche Systemschwäche zu beseitigen. Deshalb sehe ich keinen Grund, den Stab über Roland Koch zu brechen. Am Ende werden wir froh sein, dass er mit seiner klein-machiavellistischen Vorstellung von der Unabhängigkeit des Rundfunks die Klärung durch das Bundesverfassungsgericht erzwungen hat. Und Brender? Als Rentner werden wir ihn nicht lange erleben.