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Historiker Jacob Burckhardt : Altgierig auf jede große Einzelheit

High Noon in Basel: Jacob Burckhardt, 1878, mit Bildmappe auf dem Weg zur Vorlesung Bild: Staatsarchiv Basel-Stadt, PA 207, 4.3

Wie und zu welchem Ende schreibt man als Knirps Geschichte? Vor zweihundert Jahren wurde der Historiker Jacob Burckhardt geboren.

          In seinem Buch über die Demokratie in Amerika hat der französische Publizist Alexis de Tocqueville 1840 auch über die Wirkungen der modernen Gesellschaft auf die Geschichtsschreibung nachgedacht. In aristokratischen Epochen, schreibt er, werde viel den großen Einzelnen und deren Launen zugerechnet, in demokratischen hingegen seien zur Erklärung historischer Ereignisse anonyme Kräfte beliebt: Rasse, Geographie, Klima, Ökonomie, Kultur und so weiter. Die aristokratische Historie sehe alles abhängig von wenigen Personen, die demokratische kenne nur Individuen, die relativ unabhängig voneinander und nur durch „Gesetze“ oder „Kräfte“ verbunden seien. Aristokratische Historie komme ohne Theorien aus, hingegen sei noch die armseligste moderne Gesellschaftsdeutung voll von ihnen. Während der aristokratischen Betrachtung daher die Verbindung der Ereignisse untereinander entgehe, neige die demokratische Betrachtung dazu, überall systematische Zusammenhänge zu sehen, die sich den menschlichen Absichten entziehen.

          Tocqueville deutet diesen Unterschied politisch. Die aristokratische Geschichtsschreibung sieht nur die Freiheit weniger, die demokratische nur die Ohnmacht aller. Wer alte Schriftsteller lese, lerne, dass, um Einfluss zu haben, man sich zunächst selbst im Griff haben müsse. Wer moderne Schriftsteller lese, erhalte den Eindruck, dass nicht einmal das möglich sei. Die alten Historiker, so Tocqueville, lehren herrschen, die modernen gehorchen.

          Fremdling in seiner Zeit

          Nach Maßgabe dieser Unterscheidung war einer der bürgerlichsten Historiker des neunzehnten Jahrhunderts ein aristokratischer Denker: Jacob Burckhardt, der am 25. Mai vor zweihundert Jahren in eine Basler Patrizierfamilie hineingeboren wurde, betrieb eine Geschichtsschreibung der gemischten Gefühle über verlorene Freiheit. Dem Individuum, das sich gegenüber religiösen, ständischen und staatlichen Mächten behauptet, hat er in seiner „Cultur der Renaissance in Italien“ ein Denkmal gesetzt. Und zwar eines, das alle Rücksichtslosigkeiten, alle Gewalttätigkeit, Niedertracht und allen Zynismus wie Hochmut dieser Epoche mit darstellt. Das Erstaunen darüber, dass etwas so Chaotisches wie die italienische Renaissance zur „Mutter unserer Civilisation“ werden konnte, liest man heute noch aus jeder Zeile Burckhardts. Es hat ihn zur Abneigung gegen lineare Geschichtsmodelle geführt: Unsere eigenen Freiheiten sind die Erben von Verbrechen, Egoismen und Lastern.

          Sofern es denn noch Freiheiten sind – Burckhardt selbst fühlte sich seiner Zeit entfremdet. Überall Ismen, überall Lärm, allgemeine Unruhe, Geschwätz, Größenwahn und Geschäftssinn „Oder soll alles gar zum bloßen business werden wie in Amerika?“ Wie müsste man den Satz umformulieren, wollte man ihn gegen die heutigen Elogen auf China oder Trump wenden? Überall Wachstum, so Burckhardts Eindruck, darum aber auch überall wachsende Abhängigkeiten und Unfreiheiten, politisch wie ökonomisch und geistig. Burckhardts Diagnosen, die sich von Aufrufen fernhalten, dem Rad der Geschichte in die Speichen zu greifen, erinnern an die nur wenig späteren Max Webers, der eine ähnlich skeptische Freiheitsbilanz der Moderne aufstellte.

          „Größe ist, was wir nicht sind“

          „Unsern Ausgang“, so Jacob Burckhardt in seiner Vorlesung über das Studium der Geschichte, „nehmen wir von unserem Knirpstum, unserer Zerfahrenheit und Zerstreuung.“ Gehalten zwischen 1868 und 1872 und unter dem Titel „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ acht Jahre nach dem Tod Burckhardts publiziert, handelt das so eingeleitete Kapitel von der Frage, was historische Größe ist. „Größe ist“, so der berühmte eine Satz am 8. November 1870, „was wir nicht sind.“

          Jacob Burckhardt, 1818 bis 1897

          Würde ein Historiker heute einen Vortrag damit beginnen, er handele im Folgenden von den großen Männern, in denen sich die Dynamik der Weltgeschichte individualisiert habe, er – wir nehmen einmal willkürlich an, eine Frau käme gar nicht auf so eine Idee – dürfte froh sein, wenn ihm nur Gelächter antwortete. Dass Männer Geschichte machen, hat heute allenfalls noch die Unterstützung der Massenmedien, die etwas zum Abbilden brauchen, oder von manchen Sachbuchautoren, die Biographien mit solchen Leuchtmitteln ausstatten. Auch Hollywood zeigt Geschichte so.

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