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Zukunft des Goethe-Instituts Die Nachbarn sind fassungslos

31.03.2006 ·  Schließung oder Nicht-Schließung? Dänische Künstler protestieren gegen die Pläne des Goethe-Instituts für Kopenhagen.

Von Robert von Lucius, Stockholm
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Dänische Künstler und Wissenschaftler haben sich am Freitag „bestürzt und entsetzt“ gezeigt über Erwägungen, das Goethe-Institut (GI) in Kopenhagen zu schließen. Das Haus gilt als das weitaus einflußreichste und lebendigste der sechs ausländischen Kulturinstitute in Dänemark. Die Finanzsperre in München kommt zur Unzeit. Nicht nur, weil der ebenso angesehene wie rege Leiter Christoph Bartmann im Herbst diesen Posten verläßt, sondern auch weil das GI vor einem Umzug steht.

Der Vermieter hatte die wenig attraktiven, aber zentral gelegenen Institutsräume wegen Eigenbedarfs gekündigt. Das Institut hat trotz des schwierigen Mietmarkts eine geeignete und obendrein günstigere neue Unterkunft in der Innenstadt gefunden. Aufgrund der Sperre der Haushaltspolitiker kann eine in den nächsten Tagen fällige Entscheidung, ohne die diese Anmietung nicht möglich ist, nicht getroffen werden. Die GI-Zentrale in München bestreitet, daß eine Schließung geplant sei, wie es am gestrigen Freitag die angesehene dänische Zeitung „Politiken“ in großer Aufmachung berichtete. Ungewiß aber ist derzeit, in welcher Form das Institut weiterbestehen kann.

Halbierung der Projektmittel

Das Goethe-Institut in Kopenhagen, zuständig auch für Atlantikinseln von Grönland über Island bis zu den Färöern, wurde wie andere Institute in Nordeuropa 1961 gegründet. Das Haus litt zuletzt unter den beständigen Mittelkürzungen: In den vergangenen sieben Jahren halbierten sich die Projektmittel. Die Sprachabteilung bietet Deutschlehrern Zugang zur deutschen Gegenwartskultur und Fortbildungen; das Institut unterstützt zudem dänische Sprachinstitute bei der Sprachausbildung, die im Nachbarland mit seiner engen Verflechtung zur deutschen Kultur und Geschichte für die Wirtschaft wichtig ist. Das Informationszentrum hilft nicht nur Besuchern, sondern vermittelt auch zwischen deutschen und dänischen Bibliotheken.

Gefährdet sind nun vor allem die Bibliothek, das Informationszentrum und der Vortrags- und Begegnungsraum, in dem viele deutsche und dänische Geistesgrößen - zu den häufigen Besuchern zählt der Dänemark-Freund Günter Grass - miteinander beraten. Das geplante neue Gebäude hätte Platz gehabt für einen kleinen Vortragsraum und ein um Bücher erweitertes Informationszentrum.

Orientierung nach Deutschland ist stark

Dänische Künstler und Wissenschaftler, für die in den letzten Jahren Berlin und die deutsche Kultur wieder zu einem wichtigen ausländischen Orientierungspunkt wurden, gaben sich beunruhigt. Der Germanist und Träger der Goethe-Medaille Per Ohrgaard zeigte sich „entsetzt und fassungslos“. Er wisse nicht, warum und wie er bei einem solchen aus Deutschland bekundeten Desinteresse an einem kulturellen Austausch die deutsche Sprache Dänen näherbringen könne und solle. Dänische Germanisten bereichern die deutschen Literaturlandschaft auf vielerlei Weise; so stammt eine unlängst bei C. H. Beck veröffentlichte zweibändige „Geschichte der deutschen Literatur“ vom bedeutendsten dänischen Germanisten, Bengt Algot Sorensen.

Ähnlich stark ist die Orientierung dänischer Maler, Bildhauer, Musiker und Schauspieler nach Deutschland hin, bestärkt durch den Austausch bei den Andersen-Feiern im Vorjahr. Dabei halfen das Goethe-Institut und ihr Leiter Bartmann wesentlich, Vorbehalte aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren zu überwinden. 2005 zeigte etwa das Nikolaj-Zentrum für zeitgenössische Kunst in Kopenhagen mit Goethes Hilfe eine ebenso gewagte wie eindrucksvolle Ausstellung „Circa Berlin“, in dem die deutsche Hauptstadt als „internationales Zentrum des Austausches und eines gigantischen Brückensystems“ für die zeitgenössischen Künstler Nordeuropas gewürdigt wurde. Vom Physiker Niels Bohr über den Erzähler Hans Christian Andersen bis zum Philosophen Soren Kierkegaard war der Austausch mit deutscher Sprache und Kultur wegweisend für beide Länder. In Kopenhagen spielt die nun akut gefährdete Instituts-Bibliothek eine wichtige Rolle. Dänen sind traditionell regelmäßige Besucher von Bibliotheken.

Es gibt wohl kaum einen dänischen Studenten oder Schüler der Hauptstadtregion, der beim Erstellen einer Magisterarbeit mit Bezug zu Deutschland nicht die Bibliothek und deren Beratung genutzt hätte.

Quelle: F.A.Z., 01.04.2006, Nr. 78 / Seite 35
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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