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Zu Besuch in Kasachstan Doch, doch, Huren gibt es hier tatsächlich

08.11.2006 ·  Mit Furor ist die politische Führung der zentralasiatischen Republik gegen die vermeintliche Kasachstan-Parodie „Borat“ zu Felde gezogen. Im Land, das auf Wachstum, Judenfreundlichkeit und gehobenen Jurtentourismus setzt, sieht man das entspannter. Ein Besuch von Kerstin Holm.

Von Kerstin Holm, Astana
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„Sie sind da, seien Sie gewiß.“ Swetlana, Tourismusagentin in der aufstrebenden kasachischen Hauptstadt Astana, besteht geradezu darauf, daß hinter der braven Fassade ihrer Heimatstadt das Prostitutionsgeschäft floriere wie in „normalen“ Wirtschaftszentren auch. Eine käufliche Kasachin, die sich weder provokativ kleide wie die westliche Kollegin noch ihre Reize aufdringlich inszeniere wie die Russin, sei auch recht günstig zu haben, sagt Swetlana: von ein paar Euro bis zu maximal ein paar hundert. Die elegante Geschäftsfrau spürt sofort, daß der britische Filmkasache Borat, der Frauen als Huren begrüßt und sich als Hunde- und Zigeunerjäger aufspielt, die Fragen der deutschen Zeitungschronistin inspiriert hat.

Wie viele ihrer Landsleute in der zentralsasiatischen Stabilitätsoase Kasachstan versteht Swetlana nicht, warum sich der Komiker Sacha Cohen für seine Tabuzertrampelungsorgie ausgerechnet eine kasachische Maske umgehängt hat. Doch während die junge Frau für „Borat“, der demnächst auch in hiesigen Kinos erwartet wird, wenig Interesse bekundet, ist sie überzeugt, daß ihrem Land die frische Neugier des Auslandes nur nützen könne.

Jeder Bildband wäre nach einem halben Jahr veraltet

Nachdem die politische Führung einen regelrechten diplomatischen Krieg gegen Cohen führte, eine Schadensersatzklage erwog und der Botschafter in London den Komödien-Landsmann als „Schwein“ beschimpfte, scheint das kasachische Establishment sich zusehends die Auffassung Swetlanas zu eigen zu machen. Der Kulturminister Jermuchamed Jertysbajew hält eine kleine Predigt darüber, wie wichtig Humor sei und daß man nicht beleidigt sein dürfe über Kunst, die nun mal frei ist. Jertysbajew erinnert an Gogols Rußland-Satiren und böse Kinokarikaturen von Amerikanern oder Deutschen, über welche die verspotteten Nationen herzlich gelacht haben sollen. Der stellvertretende Außenminister Rachat Aliew hat Cohen sogar eingeladen, das reale Kasachstan zu besuchen. Daß Borat überhaupt nicht über Kasachstan herziehe, sondern über Stereotypen und die Dummheit des westlichen Publikums, das hat der russischsprachige erste Blog des Landes von Anfang an klargestellt. Das wirtschaftlich wichtige, aber kaum bekannte Kasachstan bot sich nur als ideale Projektionsfläche an.

Selbst in Astana findet sich im Buchladen nur ein einziger Kasachstan gewidmeter Fotoband. Freilich wäre jeder Führer über die auf Hochtouren wachsende Hauptstadt, die erst vor zehn Jahren aus Almaty nahe der chinesischen Grenze hierher ins ehemalige Zelinograd verlegt wurde, nach einem halben Jahr veraltet. Das Herz der Stadt ist das Weiße Haus von Kasachstan, die säulengeschmückte Präsidentenresidenz mit der Sichtachse zum Ministerium für Energie und Bodenschätze, das als grandioser neostalinistischer Torbogenpalast einen Prunkboulevard sichelförmig abschließt. Den flankieren, wie Symbolsäulen des Wohlstands, zwei Bürohauszylinder mit goldener Glashaut, ein Turm, der eine Goldkugel in den Himmel emporstemmt, sowie, etwas versetzt, ein Verwaltungswürfel aus schwarzem Spiegelglas, ein geschäftsmännischer Gruß an den heiligen Kaaba-Stein in Mekka.

Nasarbajew könne man jedem Land nur wünschen

Kasachstan, über Jahrhunderte Siedlungsgebiet von Nomaden und Deportierten, erfindet sich eine nationale Identität aus dem Geist ethnisch-religiöser Balance. Seine Situation als dünnbesiedelter, rohstoffgesegneter Flächenstaat in christlich-islamisch-chinesischer Einkreisung gleicht, in kleinerem Maßstab, der Lage Rußlands. Doch im Gegensatz zum Nachbarn ist das Land vom Virus europäischen Denkens nahezu verschont geblieben.

Präsident Nasarbajew, der mit seinem Klan den Staat wie einen Familienbetrieb führt, brachte es zum ungekrönten König der Region. Nasarbajew habe von Anfang an erkannt, daß sein Land sich wirtschaftlich entwickeln muß, bevor es demokratischer werden kann, sagt Suleyman Yurdoglu, Hotelpionier in Astana, der Kasachstans wilde Natur für den Jurtentourismus erschließen will. Eine Figur wie Nasarbajew, der per Staatsprogramm bis zum Jahr 2030 die Armut überwinden will, könne man jedem Land nur wünschen, erklärt der bekennende türkische Atheist Yurdoglu. Zu Weihnachten, zum Pessach-Fest oder zum Ramadan richtet Nasarbajew offizielle Grußbotschaften an Christen, Juden und Muslime; arbeitsfrei sind indes nur Staatsfeiertage wie Unabhängigkeits- oder Verfassungstag. Die Mehrheit der Kasachen hänge einem vorbildlich moderaten Islam an, sagt Yurdoglu. Er kenne Kinder muslimischer Eltern, die problemlos zum Christentum übergetreten seien.

Der kasachische Fernsehkomödiant fordert Cohen

Wegen ihres unaufgeregten Temperaments und der guten Allgemeinbildung gelten die Kasachen als die Europäer von Zentralasien. Die gute säkulare Bildungstradition verdanke man den Russen beziehungsweise der Sowjetunion, hebt Ilyas Omarov, Sprecher des Außenministeriums, hervor. Auch der studierte Philosoph heißt uns als Borats Abgesandte willkommen - nicht ohne anzumerken, aus dem Westen habe er anspruchsvolleres Geistesfutter erwartet. Das sieht der kasachische Fernsehkomödiant Schantemir Baimuchamedow noch drastischer. Er hat längere Zeit in London gelebt und Sacha Cohen gerade zu einem Witzeduell herausgefordert. Die weiße Rasse degeneriere, sagt Baimuchamedow. England sei dazu verurteilt, allmählich in Migrantenströmen unterzugehen, und tröste sich mit platten Witzen über die anrückenden Barbaren.

Suleyman Yurdoglu sieht in Astana ein neues Dubai aus dem eurasischen Steppenboden wachsen. Die Gesellschaftsstruktur werde sich nach dem Modell des florierenden Scheichtums entwickeln: Die Kasachen, denen man einen gewissen Weisungsbedarf und eher geringe Begabung für den Dienstleistungssektor nachsagt, sollten - wie jetzt schon - vor allem den Staat verwalten und hoffentlich mehr Kinder in die Welt setzen. Ausländische Investoren würden ihre wirtschaftlichen Aktivitäten weiter ausbauen. Für elementare Fleißarbeiten könnte Kasachstan, dessen Bevölkerung auf fünfzehn Millionen gesunken ist, Inder und Südostasiaten ins Land lassen.

Unsere Abwehrwaffe gegen Borat

Ein Einwanderer nach Kasachstan ist der ukrainische Ingenieur Iossif, den der Bauboom in Astana hierherzog. Iossif betritt soeben die am Flußufer gelegene Synagoge, um in deren Cafeteria einen koscheren Imbiß zu nehmen. Auf einer Liste antisemitismusfreier Länder würde Kasachstan ganz oben stehen, sagt Rabbi Yehuda Kubalkin, der die etwa hundertfünfzig Familien praktizierender Juden in der Hauptstadt betreut. Es kämen auch viele Nichtjuden, um etwas über den jüdischen Glauben zu lernen, berichtet Kubalkin, und Religionslehrer brächten ihre ethnisch gemischten Schulklassen in die Synagoge. Sie ist eingefaßt von einem Metallzaun mit Davidsterndekor. An keinem anderen Ort der Welt, ist der Rabbi überzeugt, könnte man das wagen.

Als Abwehrwaffe gegen Borat, der in seinem Zerrbild von Kasachstan behauptet, hier werfe man Juden in Brunnenschächte, leistet sich die kasachische Regierung für vierzig Millionen Dollar den Historienfilm „Der Nomade“ (Kotschewnik). Nach einer Idee von Präsident Nasarbajew persönlich hat der russische Kultregisseur Sergej Bodrow das wildromantische Kostümepos gedreht. Es handelt von der Jugend des legendären Chan Abylai, der im achtzehnten Jahrhundert als selbstloser Krieger die kasachischen Reiterstämme vereinte.

Seine jüdischen Gastarbeiter ehrt Kasachstan durch ein philosemitisches Video mit einer Prise Prostitutionsromantik: Auf dem Flughafen, den hiesige Hochzeitspaare obligatorisch aufsuchen, läuft auf acht Bildschirmen in Endlosschleife ein Kurzfilm über die symbolische Begegnung einer mandeläugigen Kasachin mit einem attraktiven Ausländer, der dem russischen Ex-Oligarchen Chodorkowski als bekanntestem Juden dieser Region wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Die Kamera schildert, wie sich die beiden in derselben Glitzerhalle, wo auch der Zuschauer steht, durch Blicke verständigen und ihre Seele sich zur elektronisch verstärkten Geigenkantilene vom georgischen Modekomponisten Gija Kantscheli aufschwingt. Als der Mann, nach einem Kamerastopp auf dem Toilettensymbol, nach New York eincheckt, überreicht die Frau ihm einen geigespielenden Porzellanengel. Dafür steckt am Finger der wehmütigen Schönen ein dicker Brillantring.

Quelle: F.A.Z., 08.11.2006, Nr. 260 / Seite 37
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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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