12.01.2009 · Sechzig Jahre Bundesrepublik, zwanzig Jahre Mauerfall. Das Supergedenkjahr hat begonnen, und die Medien hüpfen von Jahrestag zu Jahrestag. Wie steht die Wissenschaft von der Zeitgeschichte im Zeitalter der boomenden Erinnerungskultur da?
Von Martin SabrowDie Zeitgeschichte präsentiert sich vor allem als Streitgeschichte. Über den öffentlich ausgetragenen Kontroversen aber sollte der stabile Konsens nicht übersehen werden, in dem die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des zwanzigsten Jahrhunderts heute gründet. Einer Welt von gestern gehört die Sorge an, die in den achtziger Jahren den „Historikerstreit“ ausbrechen ließ: dass im Zeichen der Kohlschen „geistig-moralischen Wende“ der Weg in die Zukunft mit dem Schlussstrich unter die Vergangenheit erkauft werden könne. Die Befürchtung war vollkommen irrig.
Tatsächlich hat sich in den zwei Jahrzehnten nach 1986 eine neue, historisch zu nennende Allianz zwischen Wissenschaft und Politik herausgebildet, aber sie steht im Zeichen der Aufarbeitung und nicht der Verdrängung. Ihre Grundlage bildet die allgemein anerkannte Auffassung, dass aus der deutschen Diktaturvergangenheit eine besondere Verantwortung in Gegenwart und Zukunft hervorgehe. Das Umschalten vom Vergessen zum Erinnern ist heute politisches Prinzip in Deutschland. Es repräsentiert einen geschichtspolitischen Konsens, den zu missachten zur Ächtung führen kann und der in seiner Geltungskraft die aus der Antike ererbte Tradition der Oblivio als moralischer und rechtlicher Voraussetzung sozialer Versöhnung in denkbar radikaler Weise abgelöst hat: Gegen das Versöhnungspotential des Vergessens setzt die Pathosformel der Aufarbeitung das Lernpotential des Erinnerns.
Der Gestus der Entlarvung
Seit Adorno 1957 der Stille die Forderung nach einer andauernden Auseinandersetzung mit der deutschen Diktaturvergangenheit in Form der Aufarbeitung entgegensetzte, hat der Begriff eine Karriere ohnegleichen gemacht. Die Anlehnung an Freuds tiefenpsychologisches Konzept des erinnernden Durcharbeitens machte es möglich, die zukunftsgerichtete Neuorientierung als Verdrängung und die Abschüttelung der Vergangenheit als gefährliche „Unfähigkeit zu trauern“ zu sehen. Vergangenheitsvergegenwärtigung als Weg zur Gesundung - aus dieser Einbettung des Umgangs mit der jüngsten Geschichte in einen sozialen wie politischen Krankheitsdiskurs erklärt sich der Erfolg des Begriffs der Aufarbeitung, und dieser Begriff vermochte andere Formen der Vergangenheitsüberwindung als Abwehr und Weigerung in den diagnostischen Rahmen von Störung und Verdrängung zu stellen.
Dies verlieh im Zeichen des Generationswechsels seit dem Ende der sechziger Jahre dem Willen zur schonungslosen Aufarbeitung genügend Durchschlagskraft, um die seit Mitte der fünfziger Jahre gebräuchliche Rede von der Vergangenheitsbewältigung ganz gegen die Intention ihrer Wortschöpfer als fatalen Glauben an den Schlussstrich außer Kurs zu setzen. Zugleich streifte die Aufarbeitung rasch ihren therapeutischen Anklang ab, der das erinnernde Durcharbeiten als Schritt zur endgültigen Heilung begreift, und stellte stattdessen auf die Widerstand erregende Schmerzhaftigkeit jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ab.
So kann im Zeichen der Aufarbeitung bis heute jede öffentliche Anprangerung einer nationalgeschichtlichen Vergangenheitsbelastung als Schritt zur Gesundung gedeutet werden. Ein empörungsbereiter Gestus der Aufdeckung und Entlarvung wird konserviert, der die deutsche Auseinandersetzung mit der Diktaturvergangenheit so deutlich etwa von dem Selbstverständnis der Wahrheits- und Versöhnungskommissionen in Südafrika und Ruanda unterscheidet.
Gedächtnis und Fortschritt
Dennoch wäre es töricht, die immense Leistung des Aufarbeitungsparadigmas in der deutschen Geschichtskultur zu verkleinern. Es hat nach zwei Diktaturen den alten Systemeliten die Deutungshoheit zu entwinden geholfen und die Mechanismen der totalitären Verführung wie der individuellen Verstrickung bloßgelegt. Es hat der Stimme der Verfolgten Raum gegeben und die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Alltag der Unterdrückung gelenkt. Es hat eine Gedenkkultur etabliert, die auf kritische Befragung der Vergangenheit statt auf Affirmation von Traditionen angelegt ist. Die Erfolgsbilanz der Zeitgeschichte in der Gegenwartsgesellschaft könnte also nicht glänzender sein. In gewisser Weise hat das Gedächtnis dem Fortschritt als kulturelle Orientierungsnorm in der westlichen Welt den Rang abgelaufen.
Doch gerade diese Ankunft der Geschichte in der Gegenwart fordert die Selbstreflexion einer Wissenschaft heraus, die sich auch als Korrektiv der jeweils allgemein anerkannten Ansprüche an die Vergangenheit versteht. Um welchen fachlichen Preis wurde die gesellschaftliche Akzeptanz der Vergangenheitszuwendung im Namen der Aufarbeitung erkauft? Hat die Zeitgeschichte ihren Gewinn an öffentlicher Aufmerksamkeit womöglich im gleichen Maße mit dem Verlust an fachlicher Autonomie und reflexiver Distanz zu bezahlen?
Zeitgeschichte im öffentlichen Raum
Für diese These spricht, dass die Zeithistorie eine schleichende Entwertung ihres symbolischen Fachkapitals erlebt, die an der Folge ihrer öffentlichen Debatten deutlich ablesbar ist. Die Fischer-Kontroverse über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde in den sechziger Jahren noch fast ausschließlich unter Universitätshistorikern ausgetragen. Der im Feuilleton um die Pole Jürgen Habermas und Ernst Nolte kreisende Koryphäenkonflikt um die Gleichrangigkeit stalinistischer und nationalsozialistischer Verbrechen lebte bereits von seiner medialen Inszenierung und blieb inhaltlich weitgehend unergiebig. In den großen öffentlichen Debatten der späten neunziger Jahre über Daniel Goldhagens These vom eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen einerseits, die Teilhabe der deutschen Wehrmacht am Zivilisationsbruch andererseits spielten die professionelle Geschichtswissenschaft und ihr längst erarbeiteter Kenntnisstandard nurmehr eine untergeordnete Rolle.
Hinter diesem Phänomen steht eine tektonische Verschiebung: Die Zeitgeschichte hat sich über die Universitäten und akademischen Forschungseinrichtungen hinaus in den Raum der gesellschaftlichen Aufarbeitung verbreitert, und in der öffentlichen Wahrnehmung haben sich die Akzente von der akademischen Grundlagenforschung hin zur angewandten Zeitgeschichte verschoben. Die Zahl der zeitgeschichtlichen Lehrstühle an deutschen Hochschulen stagniert, während das öffentliche Interesse an der Vergangenheit des zwanzigsten Jahrhunderts stark wuchs.
An die Seite universitärer Geschichtsinstitute und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen sind Geschichtsmuseen und Gedenkstätten getreten, die sich als anerkannte Träger der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit etabliert haben. Zusammen mit zivilgesellschaftlichen Geschichtsinitiativen und semiöffentlichen Arbeitsgemeinschaften bilden sie ein Netzwerk, in dem die Grenzen zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtsvermittlung fließend sind.
Gesetze der Nachfrage
Zu sehen ist weiterhin, dass die Zeitgeschichte in der Gegenwart immer weniger der fachlichen Eigenlogik der Grundlagenforschung folgt als den anwenderorientierten Gesetzen der Nachfrage. Zeitgeschichte ist ein geschichtskultureller Zulieferbetrieb geworden. Die Magie der Jubiläen lenkt Fördergelder und bindet Forschungskapazität mehr nach den Gesetzen der Medien als nach denen der Wissenschaft. Sie drängt die historische Deutung des Gewordenen im Wechselrahmen einer ereignisfixierten Event-Geschichte zusammen, die von einem Jahrestag zum nächsten hüpft.
All dies macht darauf aufmerksam, wie weit das Bewusstsein der Eigenständigkeit der Zeitgeschichte als Profession und der Respekt vor ihrer fachlichen Dignität geschwunden sind. Die Tendenz ist die Verschmelzung von Wissenschaft, Gedenkpolitik und Erinnerungskultur. Die Pathosformel der Aufarbeitung verbirgt, dass die Verbindung von Erinnerungskultur und Fachwissenschaft eine liaison dangereuse ist. Zeitgeschichte als Wissenschaft ist zeitlich strukturiert; sie interessiert sich für den historischen Verlauf in der Zeit. Die Erinnerung ist stärker räumlich bezogen, sie schafft sich Erinnerungsorte und braucht gemäß den Gesetzen der Mnemotechnik räumliche oder symbolische Institutionen, an die sich die Erinnerung halten kann.
Analyse und Moral
Dennoch: Einen Weg zurück in das Beinhaus fachlicher Selbstgenügsamkeit gibt es nicht; er würde nur in die fachliche Bedeutungslosigkeit führen. Die Zeitgeschichte als Wissenschaft muss akzeptieren, dass sie in der heutigen Gesellschaft nur eine Stimme unter vielen ist, die den Dialog der Gegenwart mit der Vergangenheit mit gleichrangigem Geltungsanspruch führen. Umso mehr hat sie darauf zu pochen, dass die fachlichen Standards und die politische Unabhängigkeit der historischen Erkenntnisbildung überall den Maßstäben akademischer Forschungsfreiheit zu entsprechen haben: in außeruniversitären Zeitgeschichtsinstituten wie in der Behördenforschung und im Gedenkstättenbereich oder in den Entscheidungsgremien öffentlich finanzierter Drittmittelgeber.
Es herrscht heute Konsens über die identitätsstiftende Kraft eines Geschichtsbewusstseins, das die Opfer ins Zentrum stellt. Wie es zu diesem Boom gekommen ist, hat die Zeitgeschichte zu beschäftigen. Man darf die Zeitbedingtheit des heutigen Erinnerungsimperativs nicht verkennen. Wenn öffentliche Aufmerksamkeit für die Wissenschaft kein Wert an sich ist, muss ein Unterschied bleiben zwischen geschichtsanalytischer Erkenntnis und geschichtsmoralischem Bekenntnis.