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Veröffentlicht: 05.11.2014, 13:12 Uhr

Islamkritiker in Gefahr Wer hat sie verraten? Googles Youtube-Daten!

Wer auf der Videoplattform Youtube Mut zeigt und gegen Islamisten frei redet, ist in Gefahr: Das Netzunternehmen, das zu Google gehört, leitet personenbezogene Daten auch an radikale Verfolger weiter.

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© Gaby Gerster/laif Die Drohung kam per E-Mail: Sabatina James moderiert beim islamkritischen Youtube-Sender Al Hayat TV, der von Islamisten attackiert wird

Ein Mitarbeiter des islamkritischen Senders Al Hayat TV, der auf der Internetvideoplattform Youtube sendet, musste nach Morddrohungen von Islamisten untertauchen. Sein Name war auf schwarzen Listen von Al Qaida aufgetaucht - und zwar durch die Mithilfe von Youtube-Mitarbeitern, also Angestellten einer hundertprozentigen Google-Tochter. Juristisch ist Youtube kein Vorwurf zu machen, da es nach den Firmenrichtlinien eine Kontaktperson geben muss, wie jede Website im Internet ein Impressum aufweist. Der Einfluss des Rechtsstaats kommt hier an Grenzen. Doch dieser Fall zeigt, dass sich dringend etwas ändern muss. Was ist geschehen?

Al Hayat ist ein großer arabischer Sender, initiiert von zum Christentum konvertierten Arabern, die Islamkritik betreiben. In Deutschland gibt es seit einiger Zeit einen kleinen Online-Ableger, der ehrenamtlich betrieben wird. Um Inhalte bei Youtube zu veröffentlichen, muss man sich nur mit einem Nutzernamen und einer E-Mail-Adresse anmelden. Geht man auf die Youtube-Seite und ist eingeloggt in einem Google-Account, übernimmt der Server die Daten. Ein anonymisierter Zugang aber ist ein Kinderspiel. Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Offenlegen der Daten oder ein Tracking des Nutzers immer möglich sind. Doch im Schutz einer Organisation wie Al Hayat TV kann man dort relativ frei und einigermaßen ungefährdet seine Meinung äußern. Doch nur wenige Ex-Muslime sind so mutig, dort ihr Gesicht zu zeigen.

© Al Hayat TV Net Trailer für Website und Youtube-Kanal von Al Hayat TV

Moderiert wird die Sendung daher von der bekannten Frauenrechtlerin Sabatina James und dem ehemaligen Islamisten Barino Barsoum, der schon mit Peter Scholl-Latour bei Maischberger seine Haltung zum Islam diskutierte. Sie sind jedoch die Einzigen, die sich öffentlich zeigen. Sonst übernehmen Avatar-Figuren ihren Job.

Nur persönliche Daten verhindern die Schließung

Der Sender wendet sich mit Koranexegese direkt an Salafisten. „Wir wissen aus eigener Erfahrung“, sagt Sabatina James, die selbst eine Koranschule in Pakistan besuchte, „dass man nur mit Quellenarbeit überhaupt etwas erreichen kann.“ Am Anfang seien sie nicht ernst genommen worden, doch seit ihre Klickzahlen die Millionengrenze überschritten hätten, sei auch der Druck von außen gestiegen. Die Youtube-Seite werde mit schlimmsten Beschimpfungen geflutet, man löscht die Drohungen unter Mühen.

Am 25. September dann meldete sich bei der Copyrightabteilung von Youtube jemand unter dem christlichen Namen „FirstCrist, Copyright“ und behauptete, Al Hayat TV habe Urheberrechte verletzt. Daraufhin teilte Youtube den Betreibern von Al Hayat mit, dass der Sender im Fall von nur zwei weiteren Beschwerden geschlossen werde - es sei denn, er reiche eine „Gegendarstellung“ ein. Dadurch würden allerdings die persönlichen Daten an den Beschwerdeführer weitergeleitet. Der Passus dazu liest sich bei Google so: „Nach Erhalt deiner Gegendarstellung leiten wir sie an den Nutzer weiter, der den ursprünglichen Urheberrechtsanspruch eingereicht hat. Beachte bitte, dass bei der Weiterleitung der Meldung auch deine personenbezogenen Daten gesendet werden. Durch das Einreichen einer Gegendarstellung stimmst du zu, dass deine Daten auf diese Art offengelegt werden. Wir leiten die Gegendarstellung ausschließlich an den ursprünglichen Beschwerdeführer weiter.“ Die Nachricht wurde von der E-Mail-Adresse copyright@youtube.com versendet, Absender „The YouTube Copyright Team“. Persönlicher wurde der Kontakt mit Al Hayat im Verlauf dieses Dramas nicht mehr.

Rückzug für mindestens ein halbes Jahr

Die honorige Formulierung „an den ursprünglichen Beschwerdeführer“ bedeutete für Al Hayat große Gefahr. Vergeblich hätten sie sich bemüht, Youtube davon zu überzeugen, sagt Sabatina James, dass ein anderer Weg gefunden werden müsse. Sie hätten offen ihren Verdacht geäußert, hinter „FirstCrist, Copyright“ verbärgen sich Islamisten. Alle diese E-Mails liegen dieser Redaktion vor. Die Sorge wurde von den Youtube-Mitarbeitern ignoriert und der Kanal gesperrt. Sabatina James kennt die Bedrohung durch Islamisten aus ihrem Alltag. Paranoia wäre das Letzte, was man ihr vorwerfen kann.

Sabatina James ist nicht ihr richtiger Name. Sie wurde unter einem anderen Namen im Jahr 1982 in Pakistan geboren, zog mit ihrer Familie nach Linz in Österreich. Dort begann sie ein Doppelleben als gute Muslima, die auf die Pflichten in der Ehe vorbereitet wird, und emanzipierte, westliche Frau. Doch den Eltern entging nicht, dass ihre Tochter sich veränderte. Sie entschlossen sich zu einem brutalen Schritt: Sie schickten sie zurück nach Pakistan, um sie mit ihrem Cousin zu verheiraten. Um der Zwangsheirat zu entgehen, floh Sabatina James, bekam Morddrohungen von der Familie, nahm eine neue Identität an, lebt im Opferschutzprogramm - bis heute kann sie sich nicht ohne Bewacher ungefährdet bewegen und wechselt nach wie vor alle paar Jahre ihren Wohnort. Sie hat nach den letzten Vorfällen alle öffentlichen Auftritte abgesagt und will sich nun mindestens ein halbes Jahr zurückziehen. Bei einem Vortrag habe sie ein Mann beobachtet, er sei im Anschluss zu ihr gekommen und habe ihr direkt gedroht, sie solle aufhören, den Propheten zu beleidigen.

Al Qaida kennt jetzt seine Daten

Solche Erfahrungen verändern Menschen und ihre Haltungen. Für die Mitstreiter von Al Hayat sind Islam und Islamismus das Gleiche. Gläubig ist Sabatina James jedoch auch heute noch. Sie ist Katholikin und vertritt eine durchaus konservative Linie. Ein wichtiger Ort zur Vermittlung ihrer Ansichten sind die sozialen Medien und eben: Youtube. Jetzt ist sie entsetzt, dass die Islamisten Mittel nutzen, die in demokratischen Staaten zur Verfügung stehen, um kritischen Menschen zu schaden. Das haben sie geschafft. Nach drei Beschwerden wurde Al Hayat tatsächlich gesperrt. Also blieb den Machern nichts anderes übrig: Ein Mitarbeiter erklärte sich bereit, seine Daten zur Verfügung zu stellen.

Er sei noch nicht einmal besonders engagiert beim Sender, sagt Sabatina James, „aber weder Barino Barsoum noch ich waren bereit, mit dieser eidesstattlichen Erklärung auch unseren Wohnort und alle möglichen anderen Daten offenzulegen“. Mittlerweile ist der Kanal wieder aufrufbar, aber die persönlichen Daten des Mitarbeiters sind auf einschlägigen Seiten von Al Qaida nachzulesen.

Sie sind doch nur Host-Provider

Die Reaktion der Islamisten sei schnell gekommen, sagt Sabatina James. Schon zwei Tage später erhielt Al Hayat eine E-Mail, in der sich „FirstCrist, Copyright“ über die erfolgreiche Transaktion mit Youtube freut: „Danke für deine persönlichen Daten. Diese werden wir mit einem Bild deines Senders ,Alhayattvnet‘ auf den Websites von Al Qaida und anderen europäischen Dschihadisten posten: In deinem Sender beschimpfst du den Propheten des Islams und sagst, er sei ein Verrückter und ein Verbrecher. Pass auf deinen Kopf auf und sorge jetzt schon dafür, dass dein Haus unter Polizeischutz gestellt wird!“

Auf dem erwähnten Bild sind Sabatina James und Barino Barsoum zu sehen. Die Botschaft ist schlicht: Wenn man liest oder hört „Pass auf deinen Kopf auf“, versteht man im Arabischen, dass man eine Morddrohung erhalten hat. Polizei und Verfassungsschutz sind eingeschaltet, und der gefährdete Mitarbeiter von Al Hayat TV ist untergetaucht. Sabatina James sagt dazu knapp: „Er kommt damit zurecht, er ist selbst Araber, er kennt seine Brüder.“

Und wie kommen Youtube und Google damit zurecht? Sie ziehen sich in solchen Fällen auf ihre Rolle als Host-Provider zurück. Ein Host-Provider lehnt eine generelle Überprüfungspflicht ab, erst wenn Kenntnis über eine Rechtsverletzung vorliegt, trifft den Anbieter eine Pflicht zum Tätigwerden.

Gleicher Namen, gegenläufige Haltung

Hätte Youtube prüfen müssen, wer hinter „FirstCrist, Copyright“ steckt? Eine Sprecherin erklärt in einem Statement, dass die Firma das Urheberrecht und die Privatsphäre der Nutzer sehr ernst nehme. „Wenn mehr als eine Person uns darauf hinweist, das Urheberrecht zu einem Video zu besitzen, kann Youtube nicht in die Streitigkeit eingreifen. Die beiden Parteien müssen direkt miteinander sprechen, um eine Lösung zu finden.“ Die zweite Information aber, die die Redaktion jetzt auf Nachfrage bei Google erreichte, kannte Sabatina James bislang nicht: Der „Nutzer könne entscheiden, seine Kontaktdaten nicht zu teilen und stattdessen die Kontaktinformationen seines gesetzlichen Vertreters einzureichen“. Scrollt man sich durch die Mails, finden sich ausschließlich automatisierte Antworten von copyright@youtube.com.

Al Hayat hat schließlich mehrere Wochen warten müssen, um zu erfahren, wer eigentlich hinter „FirstCrist, Copyright“ steckt: Es ist ein sehr wahrscheinlich nicht existierender Mann mit dem Namen Edward Samuel George, der als Adresse 245 George Street in Sydney in Australien angibt. Google Street View zeigt einen Woolworth Store unter der Adresse.

Im Internet tauchen derweil immer mehr Websites auf, die Al Hayat kopieren und unter seinem Namen Botschaften des „Islamischen Staats“ verbreiten. Auf einer Youtube-Seite unter dem Label Al Hayat, das übrigens „das Leben“ bedeutet, erklärt Ayman al-Zawahiri seine Haltung zu Hamas und Fatah. Man muss mittlerweile ziemlich suchen und genau achtgeben, dass man auch die richtige Seite vor sich hat. Die Macher des Senders Al Hayat wollen trotzdem nicht aufgeben. Sie stehen zu ihren Überzeugungen. Zu Beginn jeder ihrer Sendungen wird ein Hinweis eingeblendet: „Unsere Videobeiträge dienen der Aufklärung über undemokratische Lehren und Praktiken des Islams. Muslime, die mit Wort und Tat zu Demokratie und Menschenrechten stehen, sollten sich nicht angesprochen fühlen.“

Das Programm selbst nimmt kein Blatt vor den Mund. Bei „Islam bei Dr. Sam“ hören wir einem Psychiater-Avatar zu, wie er seinen Patienten, den Islam, behandelt. Diagnostiziert wird eine Persönlichkeitsstörung, die anhand von Sure 3,28 festgestellt wird: „Wenn ihr unter der Autorität der Ungläubigen steht und ihr Angst um euch habt, so verhaltet euch ihnen gegenüber mit eurer Zunge loyal, währenddessen ihr innere Feindschaft zu ihnen pflegen sollt.“

© Al Hayat TV Net "Die zwei Gesichter des Islams" von Al Hayat TV Net

Quelle: F.A.Z.

 

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